Darum geht es beim Klimagipfel in Madrid

Bringt die Konferenz etwas, nehmen die USA auch teil, und wann kommt Greta Thunberg? Die wichtigsten Antworten.

Das Klima ändert sich, extreme Wetterereignisse nehmen zu: Südafrika ist derzeit von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten betroffen, Tausende Schafe sterben. Foto: Reuters

Das Klima ändert sich, extreme Wetterereignisse nehmen zu: Südafrika ist derzeit von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten betroffen, Tausende Schafe sterben. Foto: Reuters

Die 25. UNO-Klimakonferenz machte in diesem Jahr bereits Schlagzeilen – weil sie kurzfristig umziehen musste, von Chile nach Madrid. Das Treffen sei enorm wichtig, mahnen Klimaschützer. Vom 2. bis zum 13. Dezember werden rund 25'000 Teilnehmer aus fast 200 Ländern und 1500 Journalisten erwartet. Aber worum geht es eigentlich genau?

Bereits nächstes Jahr, so sagen Klimaforschende, muss die Weltgemeinschaft beginnen, die Treibhausgase massiv zu senken, um bis Ende des Jahrhunderts eine kritische Erderwärmung zu verhindern. Klimaschützer betonten schon vor der heute startenden UNO-Klimakonferenz: Der entscheidende Sprung 2020 kann nur klappen, wenn die Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens bereits in Madrid signalisieren, ihre Ziele für die nächsten Jahre zu verschärfen .

Die zweiwöchige Konferenz wurde innert einem Monat von Santiago de Chile nach Madrid verschoben. Die chilenische Regierung musste Ende Oktober wegen der sozialen Proteste im Land die Grossveranstaltung absagen. Präsidieren wird die Konferenz aber wie geplant Chiles Umweltministerin Carolina Schmidt.

Wie steht es um die Ziele?

Vor dem Start des Klimagipfels häufen sich erneut die Hiobsbotschaften der Wissenschaftler für das Erdklima. Noch immer reicht es längst nicht, was die knapp 200 Mitgliedsstaaten des Pariser Klimaabkommens planen, um den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt ungebremst weiter an.

Ein Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit ist es im Mittel schon jetzt, die Schweiz hat sich seit Messbeginn sogar bereits um rund zwei Grad erwärmt. Das verändert das Wetter: Hitzewellen und Dürren nehmen zu, Starkregen aber auch. Für Land- und Forstwirtschaft und für die Gesundheit steigen die Risiken, heimische Tier- und Pflanzenarten geraten unter Druck.

In Südafrika hat die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten viele Tiere verenden lassen. Foto: Reuters

Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, drohe die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,4 bis 3,9 statt wie angestrebt um nur 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu steigen. Zu diesem Ergebnis kommt das UNO-Umweltprogramm Unep in einer Ende November in Genf vorgestellten Studie (lesen Sie hier, wie gross der Rückstand im globalen Klimaschutz bereits ist).

Die Länder müssten ihre national festgelegten Beiträge im kommenden Jahr deutlich anpassen, um die Lücke bei den Klimazielen mit politischen Ansätzen und Strategien zu schliessen, heisst es im Bericht. Ab dann gilt nicht mehr das Kyoto-Protokoll, sondern das Pariser Klimaabkommen.

Was ändert sich mit dem Pariser Abkommen?

Das historische Abkommen, das 2015 in Paris beschlossen wurde, sieht vor, dass die Staaten alle fünf Jahre ehrgeizigere nationale Klimaschutzpläne vorlegen. 2020 ist es erstmals so weit. Einige Staaten haben schon im September angekündigt, nachzulegen – 66, wie Rixa Schwarz von Germanwatch erklärt, die aber zusammen nur für 8 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. G-20-Staaten sind noch nicht dabei.

Nun soll Druck aufgebaut werden, damit die Regierungen der grossen CO2-­Produzenten (wie China, Indien und die EU) sich einen Ruck geben und die Völker mitziehen. Ehrgeizigere Ziele für das kommende Jahrzehnt, aber auch Langfriststrategien bis 2050 sind gefragt.

Der Bundesrat hatte bereits Ende August beschlossen, dass die Schweiz bis 2050 klimaneutral werden soll. Das gleiche Ziel hat sich die EU gesteckt.

WWF-Klimachef Michael Schäfer sagt, es wäre ein «extrem wichtiger Schritt», wenn die EU im Verlauf der Konferenz das Ziel, bis spätestens 2050 unterm Strich keine Treibhausgase mehr auszustossen, festschriebe.

Was ist in Madrid umstritten?

2018 beschlossen die Staaten im polnischen Kattowitz (Katowice) ein Regelwerk, nach dem nun über Fortschritte im Klimaschutz berichtet werden soll. Die Konferenz in Polen wies aber einen Makel auf, so blieb der Artikel 6 nach Widerstand aus Brasilien offen. In Madrid will man diese Lücke nun schliessen.

Im Regelwerk für den globalen Klimaschutz soll in Artikel 6 festgelegt werden, wie mit Emissionszertifikaten gehandelt werden soll. Wenn ein Staat seine Ziele übererfüllt, kann er die Mehrleistung in Form von Emissionszertifikaten Staaten oder Unternehmen anbieten, die ihre Ziele nicht aus eigener Kraft erreichen.

Fluggesellschaften möchten ihre Emissionen mit umstrittenen Klimazertifikaten kompensieren. Ein Streit an der Klimakonferenz in Madrid ist programmiert. Foto: Reuters

Ausserdem können auch Unternehmen, etwa Fluggesellschaften, und andere Akteure Klimaschutz finanzieren und damit ihre Klimabilanz verbessern (lesen Sie hier, was dies taugt und wie sich Airlines mit Billigzertifikaten freikaufen wollen).

Der Teufel liegt dabei im Detail beziehungsweise in der Buchhaltung: Klimaschutzmassnahmen sollen nicht in mehreren Bilanzen auftauchen und dadurch doppelt angerechnet werden. Als problematisch gilt in den Verhandlungen vor allem Brasilien – Staatschef Jair Bolsonaro ist für Klimaschützer ohnehin ein rotes Tuch, weil er den Urwald im Amazonas zu wenig schützt..

Wie geht man mit Klimaschäden um?

Bei jeder Klimakonferenz geht es auch um Geld. Die Folgen der Erderhitzung treffen zunächst vor allem ärmere Staaten heftig – und nach Stürmen und anderen Katastrophen kommen sie schwerer wieder auf die Beine. Meist wird über CO2-Sparen und Anpassung an den Klimawandel geredet, aber auch der Umgang mit Schäden und Verlusten ist für viele Länder existenziell wichtig.

Dafür wurde 2013 der sogenannte Warschau-Mechanismus eingerichtet, der dafür sorgen soll, dass Hilfsgelder in diese Länder fliessen. Nun wird offiziell überprüft, wie es läuft. Die armen Staaten bekämen an den Finanzmärkten schlechter Kredite, weil sie «klimaverletzlich» seien, kritisiert Sabine Minninger von Brot für die Welt.

Moschee im Wasser: In Indonesien hat der steigende Meeresspiegel bereits Auswirkungen. Foto: Reuters

Die Vertragsstaaten sind unter Druck. In der Schweiz und anderswo organisieren sich zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Fridays for Future und fordern lautstark eine Trendwende.

Viele Unternehmen sehen Klimaschutz inzwischen nicht mehr als Bedrohung, sondern als Geschäftsmodell. Andererseits stellen nationalistische Regierungen die internationale Zusammenarbeit infrage, ohne die Klimaschutz nicht funktioniert – und US-Präsident Donald Trump hat den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen in Gang gesetzt.

Sind die USA auch mit dabei?

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump steigt zwar aus dem Pariser Klimaabkommen aus, entsendet aber dennoch eine Delegation zur UNO-Klimakonferenz in Madrid. Die US-Delegation solle in Madrid dafür sorgen, dass «die amerikanischen Interessen gewahrt» werden, erklärte das Aussenministerium in Washington am Samstag.

Die US-Delegation in Madrid wird den Angaben zufolge von der Leiterin der Abteilung für Ozeane, internationale Umwelt- und Wissenschaftsangelegenheiten, Marcia Bernicat, geleitet. Zu der Delegation sollen auch Vertreter des Finanzministeriums, des Landwirtschaftsministeriums und verschiedener Umwelt- und Entwicklungsbehörden zählen.

Am 4. November setzte Trumps Regierung den Prozess zum Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen in Gang. Washington informierte die UNO schriftlich über den geplanten Austritt. Formal kann der Ausstieg aber erst am 4. November 2020 erfolgen – einen Tag nach der nächsten US-Präsidentschaftswahl.

Wann kommt Greta Thunberg?

Die schwedische Klimaaktivistin rechnet damit, am Dienstag wieder europäischen Boden unter den Füssen zu haben. Greta Thunberg ist auf dem Katamaran La Vagabonde auf dem Weg von Nordamerika in die portugiesische Hauptstadt Lissabon. Die derzeit erwartete Ankunftszeit sei Dienstagmorgen, schrieb die 16-Jährige am späten Samstagabend auf Twitter.

Das Schiff soll demnach den Hafen Doca de Alcântara direkt hinter der Brücke des 25. Aprils anlaufen. Klappt das, würde Thunberg noch ausreichend Zeit haben, um die bis zum 13. Dezember laufende Weltklimakonferenz im 600 Kilometer entfernten Madrid zu erreichen.

Thunbergs zweiter Transatlantik-Törn hätte dann knapp drei Wochen gedauert. Der norddeutsche Segelprofi Boris Herrmann und sein Co-Skipper Pierre Casiraghi hatten sie auf der Hinfahrt im August mit einer Hochsee-Rennjacht in nur 14 Tagen über den Ozean gebracht.

Die junge Schwedin war unter anderem für die in Santiago de Chile geplante Weltklimakonferenz nach Amerika gereist, die dann wegen der Proteste in Chile jedoch nach Madrid verlegt wurde. Deshalb segelt Thunberg zurück. Sie hofft, sowohl bei der Konferenz als auch bei einem grossen Klimaprotest in der spanischen Hauptstadt am Freitag dabei zu sein.

Was bringt die Klimakonferenz?

Erfolgreich wäre die Konferenz in Madrid, wenn grosse CO2-­Produzenten wie China, Indien und die EU ihre Klimaziele verschärfen und neue Regeln im Abkommen mögliche Schlupflöcher verhindern (lesen Sie hier, weshalb die Hoffnung für den Klimaschutz aber wohl in den Städten und Unternehmen liegt).

Zum Start der Klimakonferenz hat UNO-Generalsekretär António Guterres die Staaten eindringlich aufgefordert, im Kampf gegen die Klimakrise Tempo zu machen. «Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich», sagte Guterres in Madrid zur Eröffnung der zweiwöchigen Konferenz. «Die Entscheidungen, die wir hier treffen, werden letztlich darüber bestimmen, ob wir einen Weg der Hoffnung gehen oder einen Weg der Kapitulation.»

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres. Bild: Reuters

Die Wissenschaft zeige, dass die Erderwärmung und ihre dramatischen Folgen schneller voranschritten als erwartet. Millionen junge Menschen weltweit verlangten entschlossene Massnahmen im Kampf gegen den Klimanotfall. «Wir müssen endlich zeigen, dass wir es ernst meinen damit, den Krieg gegen die Natur zu beenden.»

Was ihn frustriere, sei das «langsame Tempo des Wandels, vor allem, weil wir die Technologien und Werkzeuge, die wir brauchen, schon haben». Gerade die Länder mit dem grössten Treibhausgasausstoss müssten mehr tun.

Zwingen kann man diese Staaten aber nicht, das Pariser Abkommen basiert auf Freiwilligkeit. Wer sich nicht an die Übereinkunft hält, kann nur über diplomatisches Zureden oder über finanzielle Anreize wieder auf den klimafreundlichen Weg gelotst werden.

Jährlich 20 Millionen Flüchtlinge durch Klima-Katastrophen

Klimabedingte Katastrophen sind inzwischen die Hauptursache dafür, dass Menschen zu Binnenflüchtlingen werden. Jährlich werden laut der Organisation Oxfam 20 Millionen Menschen durch Klima-Katastrophen dazu veranlasst, innerhalb der Landesgrenzen Zuflucht zu suchen.

Anlässlich der Uno-Klimakonferenz in Madrid veröffentlichte Oxfam am Montag den Bericht «Forced from home». Darin wird ein extremer Anstieg der klimabedingten Katastrophen seit 2012 dokumentiert.

Fluchtursachen sind laut der Hilfsorganisation Oxfam in erster Linie Wirbelstürme, Überschwemmungen und Waldbrände. Solche klimabedingten Katastrophen verursachten siebenmal häufiger die Flucht von Menschen als Erdbeben und Vulkanausbrüche.

Wirbelstürme in Asien und Kuba

Für das Jahr 2012 verzeichnet der Bericht 188 klimabedingte Katastrophen, die Menschen zu Binnenflüchtlingen in ihren Ländern machten. Die Zahl solcher Katastrophen stieg 2018 auf 1518.

Vier Fünftel aller Binnenflüchtlinge verzeichnete Oxfam in Asien. So habe der Zyklon «Fani» im Mai 2019 in Bangladesh und Indien 3,5 Millionen Menschen zu Binnenflüchtlingen gemacht. Ein besonders hohes Risiko durch Wirbelstürme besteht auch in Kuba – dort wurden im Zehn-Jahres-Schnitt jährlich fast fünf Prozent der Bevölkerung gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.

Eine besonders ungünstige Kombination von klimabedingten Katastrophen und Konflikten sieht Oxfam am Horn von Afrika. In Äthiopien, Somalia, Südsudan und Sudan seien im Jahr 2018 durch Konflikte rund 3,8 Millionen Menschen in die Flucht getrieben worden.

Hinzu kamen eine Million Flüchtlinge durch Extremwetterlagen. Die wirtschaftlichen Schäden durch klimabedingte Katastrophen veranschlagt Oxfam auf derzeit rund zwei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.

anf/sda

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