Neulich in der Landi

Nachgehackt

Wenn sich der Rat der Spezialistin nicht mit den eigenen Erfahrungen deckt.

Manche Pflanzen gedeihen auch nach der eigentlichen Saatsaison noch.

Manche Pflanzen gedeihen auch nach der eigentlichen Saatsaison noch.

(Bild: iStock)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Die Frau in der Landi war streng. «Samen suchen Sie?» Rhetorische Pause. «Wir haben jetzt keine Samen mehr, man sät jetzt nicht mehr.» Der Schauplatz war keine gewöhnliche Landi, nicht meine Stamm-Landi, wo es Wanderstöcke und Weihnachtsbäume zum Spottpreis gibt, nein, es war eine Landi Agro. In diesen urigen Filialen, die man früher mit Genossenschaft bezeichnete, gibt es Stallhygienestreumittel und Hühnerfutter in 25-Kilogramm-Säcken. Hier arbeiten die Spezialistinnen, kaufen die Spezialisten ein. Und ich schien ihr nun gerade nicht wie eine Spezialistin.

«Gründüngung?», murmelte ich fragend. Sie nickte und lief mir voraus durch die kargen Gänge. Mit der Nasenspitze zeigte sie auf ein paar mit einem Gummiband zusammengehaltene Samenpackungen im untersten Regal. «Das ist alles, was wir noch haben.» Nüsslisalat, Spinat, Phazelia. Das war nicht, was ich suchte, ich wollte Senf.

Aber ja, ich kauerte mich hin und wühlte ein bisschen durch das kümmerliche Angebot, worauf ich das Gummiband nicht mehr über die Packungen brachte und mit rotem Kopf und etwas verwirrt zur Meisterin zurückkehrte. «Steckzwiebeln?», nuschelte ich. Sie nickte und führte mich in die andere Richtung vor ein Gestell mit roten und gelben Steckzwiebeln, Schalotten und Knoblauch. Ich kaufte rote Steckzwiebeln und aus Höflichkeit wegen ihres grossen Aufwands auch noch gelbe. Woraufhin sie dem Sohn freudestrahlend ein Sugus offerierte.

Auf dem Heimweg kaute er Sugus und ich an der gerade hinter mir liegenden Unterhaltung. Sie hatte mich eiskalt erwischt. Ich bekenne hiermit: Ich halte mich nicht immer an die Empfehlungen zum Säen. Vor allem nicht im Herbst. Vielfach werden meine Beete erst Mitte September frei, dann, wenn die Gurken Mehltau bekommen, die Maiskolben geerntet sind, die Bohnen dürr. Und genau dann möchte ich die Felder nicht leer lassen.

Nach meiner Erfahrung eignet sich Nüssler gut, um auch noch im späten September gesät zu werden – vor allem in einem Jahr wie diesem, in dem in der ersten Septemberhälfte eine so grosse Trockenheit herrschte, dass Samen gar nicht keimen konnten. Auch Spinat säe ich noch. Das Schlimmste, was bei diesen winterharten Gewächsen passieren kann, ist, dass sie erst im Frühling erntereif werden. Und damit kann ich, ehrlich gesagt, ziemlich gut leben.

Senf hingegen ist schnellwachsend, innert einiger Tage gedeiht er zum stattlichen Pflänzchen. Und wenn es im Winter nicht allzu kalt ist, erfriert er nicht einmal. Zudem sind die Blätter essbar, man kann sie in den Salat mischen, sie schmecken leicht nach Senf.

Der Sohn hatte fertig gekaut und riss mir die Zwiebeln aus der Hand. Er liebt Frühlingszwiebeln. Wir steckten sie am selben Nachmittag fein säuberlich ins leere Beet. So werden wir, falls alles gut geht, im März die ersten Frühlingszwiebeln ernten. Wenn die Meisterin wüsste, wie gut überlegt das alles ist, dachte ich. Und gleich darauf: Immerhin wollte sie mir keinen Laubbläser oder anderen Schrott zum Sonderpreis andrehen. Darum, liebe Meisterin, ich komme wieder!

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