Mit dem Biber fing es an

Im Januar gibt Pro Natura das 20. Tier des Jahres bekannt. Hinter den Kulissen laufen bereits die Vorbereitungen. Urs Tester von Pro Natura sagt, worauf es bei der Wahl ankommt, die 1998 mit dem Biber begann.

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Die Zeit der Wasserspitzmaus als Tier des Jahres neigt sich dem Ende zu. Die Geschäftsleitung von Pro Natura hat ihren Nachfolger – es wird der 20. Titelträger sein – bereits bestimmt und wird ihn wie üblich im Januar bekannt geben. Bis dahin laufen vereinsintern die Vorbereitungen, damit das Tier dank Veranstaltungen, Ausstellungen oder Informationen das ganze Jahr im Gespräch bleibt.

Auf wen die Wahl gefallen ist, verrät Urs Tester, Geschäftsleitungsmitglied von Pro Natura, natürlich noch nicht. Bei der Ernennung stütze sich die Geschäftsleitung jeweils auf die ­Vorarbeiten und die Vorschläge der Fachleute von Pro Natura ab.

«In manchen Jahren sind wir uns sofort einig, manchmal wägen wir lange ab», sagt er. Für dieses Jahr zum Beispiel hatte neben der Wasserspitzmaus auch der ­Flusskrebs den Weg in die engere Auswahl geschafft, und die beiden Konkurrenten hatten für Diskussionen gesorgt.

Der Biber im Rampenlicht

Den Anfang machte 1998 der Biber. «Wir wollten damals darauf aufmerksam machen, wie wichtig naturnahe Gewässer sind», erinnert sich Biologe Urs Tester. Gleichzeitig lancierte Pro Natura das Projekt Tier des Jahres, das man bereits aus andern Ländern kannte. Der Gewässer wegen fiel die Wahl schnell auf den Biber. An diesem Konzept hat Pro Natura seither festgehalten: Das Tier des Jahres soll ein Thema aufs Tapet bringen, das dem Verein wichtig ist, die Tiere sind die Botschafter dieses Anliegens.

Mit der Was­serspitzmaus etwa weist Pro Natura darauf hin, dass die Gewässer nach wie vor zu stark verbaut und zunehmend durch Pestizide verschmutzt seien und dem ­kleinen Tier deshalb nicht optimale Lebensbedingungen bieten könnten.

Dem Biber geht es in der Schweiz heute allerdings gut. Wie sehr ihm das Rampenlicht von 1998 geholfen hat, lasse sich natürlich nicht sagen, so Urs Tester. Pro Natura hat seither immer wieder Programme zugunsten des Bibers angestossen. Der Nager – oder vielmehr seine Arbeit – hat es inzwischen gar ins Bundeshaus geschafft: Das Parlament soll entscheiden, wer für die Biberschäden an Strassen und Verbauungen aufkommen muss.

Solche Konflikte gebe es immer wieder, sagt Tester. «Wir Menschen haben eine Vorstellung davon, was uns gehört, und manchmal kommen uns die Tiere dabei in die Quere.» Doch finde man in der Regel Lösungen. Sein Lieblingsbeispiel ist der Bibersee in Marthalen. Als dort nicht nur Waldeigentümer, sondern auch Biber das Gebiet gemäss ihren Vorstellungen nutzen wollten, entschädigte Pro Natura die Besitzer, und diese traten den Wald dem Biber ab.

Die Tiere haben in den vergangenen Jahren den Bach gestaut mit dem Ziel, mehr Wasserfläche in der Nähe von Pflanzen und Bäumen zu haben, es sei eine Seenlandschaft entstanden, «wo Frösche quaken und Libellen fliegen und es aussieht wie in Kanada», sagt Tester.

Die brisante Wahl

Hätten Rehe und Gämse Einsitz im Abstimmungsgremium gehabt, wäre die Wahl zum Tier des Jahres 2000 wohl nicht auf den Luchs gefallen. Jene Nomination habe tatsächlich als eine der wenigen Kritik ausgelöst, sagt Tester.

Damals waren die Diskussionen für und gegen den Wildtiere reissenden Luchs heftig im Gang. «Wir wurden gefragt, wieso wir ausgerechnet einen Schädling kürten.» Doch der Einteilung in Schädlinge und Nützlinge steht Pro Natura skeptisch gegenüber. «Der Luchs ist eine einheimische Tierart», stellt Urs Tester klar.

Der Mensch habe im Übrigen den grösseren Einfluss auf den Rehbestand als der Luchs: durch Jagd, durch Verkehr, durch das Mähen von Wiesen. Und schliesslich sei vor allem das Reh der Feind des Rehs. Werde der Bestand zu gross, bleibe im Winter nicht genügend Futter für alle ­Rehe. Der Luchs reguliere den Bestand, ohne ihn zu gefährden. «Nur wenn es Rehen und Gämsen gut geht, hat der Luchs überhaupt eine Lebensgrundlage.»

Die Erfolgsgeschichte

Breite Akzeptanz geniesst hingegen der Steinbock, Tier des Jahres 2006. «Dabei wäre er um ein Haar weltweit ausgestorben», sagt Tester. Dank Wiederansiedlungsprojekten hat er den Alpenraum zurückerobert. «Zur Feier haben wir ihn zum Tier des Jahres gewählt, dieser Entscheid war schnell gefällt.» Ein Tier muss nicht vom Aussterben bedroht sein, um nominiert zu werden. Manchmal setzt Pro Natura den Titelträger als Vertreter einer Erfolgsgeschichte ein. Der Steinbock ist ein Beispiel dafür.

Nach wie vor gefährdet ist jedoch der Braunbär, Tier des Jahres 2009. «Wenn man von Kantons- und Gemeindewappen ausgeht, würde man eigentlich denken, der Bär sei hier präsent», sagt Tester. Tatsächlich sei er nur kurze Zeit abwesend gewesen, von 1904 bis 2005. Inzwischen streift er vereinzelt wieder durch die Wälder. Für den Bär sei Platz vorhanden, man müsse aber verhindern, dass er Probleme be­reite. Das gelingt dank bärensicheren Abfallbehältern, Herdenschutz und der Einzäunung von Bienenhäusern.

«Man muss den richtigen Umgang finden», sagt Tester. Dasselbe sagt er über den Wolf. Hat Pro Natura das umstrittene Raubtier bisher nicht gekürt, um es etwas aus der Schusslinie zu nehmen? «Nein. Der Wolf wäre sogar ein sehr gutes Tier des Jahres», sagt Tester.

Es gelte viele Vorurteile zurechtzurücken, damit man nicht länger über eine Märchenfigur rede, die für vieles als Sündenbock hinhalten müsse. «Welches Tier verursacht am meisten Schäden?», fragt der Biologe unvermittelt, und während man an den Wolf denkt, sagt Tester: «Der Steinmarder», und er erinnert an zerbissene Schläuche in Autos. Der Steinmarder stehe aber längst nicht derart stark in der Kritik wie der Wolf.

Die Schwierigkeit beim Käfer

Pro Natura hat auch schon erwogen, die Wahl zu öffnen und die Bevölkerung abstimmen zu lassen. Sie hat die Idee verworfen, und man versteht, warum: Herzige Tiere wären zweifellos im Vorteil. Der Regenwurm (Tier des Jahres 2011) wäre Gefahr gelaufen, auf den hinteren Rängen zu landen. «So ein gruusiges Tier», sei damals eine Reaktion gewesen, sagt Tester. Für Pro Natura ein Zeichen, dass die Wahl richtig und die Zeit reif für eine Imagekorrektur war. «Allen ist klar, wie wichtig Bienen für die Obstbäume sind.

Dass wir aber auch Regenwürmer brauchen, wenn wir Äpfel ernten wollen, versuchten wir in jenem Jahr aufzuzeigen.» Die Würmer stellen den Bäumen die nötigen Nährstoffe bereit. Tester präzisiert: «Wir meinten den Lumbricus terrestris.» Manchmal müssen die Fachleute von Pro Natura ein Auge zudrücken, sonst wird die Angelegenheit schnell kompliziert. Ob auf allen Bildern tatsächlich die rund 15 Gramm schwere Wasserspitzmaus Modell steht und nicht auch einmal die Sumpfspitzmaus vor die Linse geriet, dafür könne er nicht die Hand ins Feuer legen, sagt Tester.

Und er verheimlicht nicht, dass es ge­wisse Tiere wohl nie aufs Podest schaffen werden. Schwer hätten es zum Beispiel Käfer, auch wenn von den rund 40 000 Tierarten in der Schweiz der grösste Teil Insekten und davon der grösste Teil Käfer seien. Es sei schon mal ein Käfer zur Diskussion gestanden, der allerdings keinen deutschen Namen hatte. Unvermittelbar, mussten die Fachleute einsehen. Nicht umsonst reden bei der Wahl auch die Kommunikationsfachleute von Pro Natura mit.

Wie die Videobeiträge auf der Website von Pro Natura zeigen, erweist sich die Wasserspitzmaus als sehr resolute Titelträ­gerin. Aber was kann man als Stadt- oder Landbewohner tun, um ihren Lebensraum zu erhalten? «Sie bestimmen, ob Sie Lebensmittel einkaufen, die mit mehr oder weniger Chemikalien behandelt wurden», sagt Biologe Urs Tester. «Und wenn Sie bei Ihren Garten- und Balkonpflanzen auf Chemie verzichten, dann können diese Stoffe auch nicht in die Gewässer gelangen und die Nahrung der Wasserspitzmaus zerstören.»

Liste von Pro Natura – Tiere des Jahres seit 1998

1998: Biber 1999: Laubfrosch 2000: Luchs 2001: Steinadler 2002: Waldameise 2003: Schwalbenschwanz 2004: Feldhase 2005: Zauneidechse 2006: Steinbock 2007: Äsche 2008: Gebänderte Prachtlibelle 2009: Braunbär 2010: Langhornbiene 2011: Regenwurm 2012: Braunes Langohr 2013: Geburtshelferkröte 2014: Feldgrille 2015: Ringelnatter 2016: Wasserspitzmaus 2017: wird im Jan. bekannt

Berner Zeitung

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