«Klimaerwärmung ist nicht das wichtigste Problem der Welt»

Der spitzzüngige deutsche Klimawissenschafter Hans von Storch warn vor seinem Auftritt nächste Woche in Bern seine Zunft davor, sich zu selbstgefällig als Weltverbesserer aufzuspielen.

Stürmische Fluten, peitschende Winde, rasende Fronten – in der Natur (hier an der????walisischen Atlantikküste) wie in den Köpfen: Mit rein naturwissenschaftlicher Betrachtung, sagt Hans von Storch, wird man Klima und Wetter nicht gerecht.

Stürmische Fluten, peitschende Winde, rasende Fronten – in der Natur (hier an der????walisischen Atlantikküste) wie in den Köpfen: Mit rein naturwissenschaftlicher Betrachtung, sagt Hans von Storch, wird man Klima und Wetter nicht gerecht.

(Bild: Keystone)

Jürg Steiner@Guegi

Herr von Storch, trifft die Wahrnehmung zu, dass der Klimawandel als Thema von der öffentlichen Agenda praktisch verschwunden ist? Hans von Storch: Ja, das registriere ich auch so. Seit der Präsentation des UNO-Klimaberichts im letzten September in Stockholm ist die Aufmerksamkeit stark zurückgegangen. Ich merke das auch daran, dass ich von den Medien kaum mehr nachgefragt werde.

Stört Sie das? Nein, das ist ganz gut so. Man gerät weniger in Versuchung, sich von kurzfristiger medialer Aufregung leiten zu lassen und sich zu Aussagen zu versteigen, die dem wissenschaftlichen Wissensstand nicht entsprechen. Ruhe und Realismus sind nötig, damit man die offenen Fragen des Klimawandels, die es zur Genüge gibt, mit der nötigen Sorgfalt angehen kann.

Verliert man als Klimaforscher leicht den Boden unter den Füssen, weil man ja gerne als Retter der Welt gesehen wird? Die Gefahr ist real, wie man in den letzten Jahren beobachten konnte. Die Karriere des Klimawandels als öffentliches Thema begann praktisch mit dem Ende des Kalten Krieges in den Achtzigerjahren. Als Kronzeugen einer neuen globalen Katastrophenlage finden sich Klimaforscher seit nun fast dreissig Jahren in einer zentralen gesellschaftlichen Rolle wieder, in der man sich durchaus gefallen kann. Der Schritt zurück zu mehr Bescheidenheit fällt nicht allen leicht – da kann man sich bei den Klimatologen in Bern etwas abschauen.

Echt? Ja. Die grossen Namen unter den Berner Klimatologen – etwa Thomas Stocker, Heinz Wanner oder Christian Pfister – haben sich trotz internationalem Renommee und hoher Medienpräsenz eine bemerkenswerte Gelassenheit und Unaufgeregtheit bewahrt und spielen sich nicht als Weltverbesserer auf.

Ist die Klimaerwärmung nicht ein Problem, vor dem man als Wissenschaftler warnen muss? Man muss als Klimawissenschaftler bei dem bleiben, von dem man etwas versteht. Ich kritisiere, wenn die Klimaveränderung über ihre eigentliche Bedeutung zu einer Leitfrage für alle möglichen globalen Herausforderungen hochgestemmt wird. Wenn Klimaforscher plötzlich auch Rezepte gegen das Nord-Süd-Gefälle, den Hunger oder die Armut in der Welt auf Lager zu haben glauben, verlassen sie ihren Kompetenzbereich...

...machen sich zu Politikern... und verkünden die vermeintlich einzig richtige, weil wissenschaftlich gestützte Sicht.

Die es aber nicht gibt. Der naturwissenschaftliche Blick auf den Klimawandel ist einer von mehreren, aber nicht die objektive Wahrheit. Auch Naturwissenschafter müssen sich eingestehen, dass sie nicht wertfrei arbeiten. Deshalb plädiere ich für Zurückhaltung. Wie man den Klimawandel bewertet und mit ihm umgeht, kann man ganz unterschiedlich beurteilen. Klimawissenschaftler können aufzeigen, welche Folgen unser Handeln für das Klima möglicherweise hat. Was wir als Gesellschaft wirklich gegen die Erwärmung tun sollen – in dieser Frage sind Klimawissenschaftler nicht kompetenter als wir alle.

Können Klimawissenschaftler die Politisierung überhaupt noch loswerden? Der 2013 veröffentlichte jüngste UNO-Klimabericht – eigentlich eine wissenschaftliche Faktensammlung – wurde als politische Message darüber interpretiert, ob die Klimaerwärmung überhaupt stattfindet. An diesem Beispiel zeigt sich die verhängnisvolle Klimafalle, in die wir geraten sind und die mein Kollege, der Ethnologe Werner Krauss, und ich in unserem Buch beschreiben. Die Klimaforschung hat sich kidnappen lassen von der Politik, die ihre klimapolitischen Entscheidungen als einzig richtige, weil von der Wissenschaft vorgegeben, legitimiert. Das führt umgekehrt aber eben auch dazu, dass der politische Streit in die Wissenschaft hineingetragen wird und sich nun auch um Fakten dreht, die in der Forschung unbestritten sind.

Wie genau? Grob gesagt gibt es zwei Lager, die die Klimaforschung für ihre politische Agenda instrumentalisieren: Die einen predigen, als wäre der Klimawandel eine Erfindung, die in der Realität nicht stattfindet. Die anderen behaupten, zu ihrem politischen Projekt der Treibhausgasminderung gebe es keine Alternative. Als gäbe es nichts zu hinterfragen. Nichts zu relativieren.

Die Klimaerwärmung macht seit etwa fünfzehn Jahren Pause. Als Laie kann man den Eindruck erhalten, der UNO-Klimabericht sei nur dazu da, Zweifel am Klimawandel zu zerstreuen. Wir kennen ja erst den Bericht der ersten von drei UNO-Arbeitsgruppen. Die beiden anderen Berichte folgen diesen April. Ich muss sagen: Diese erste Arbeitsgruppe, die sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandel beschäftigt, hat schon in der Vergangenheit immer sehr seriös gearbeitet und keine Katastrophenszenarien verbreitet. Auch diesmal hat der Berner Professor Thomas Stocker, Co-Leiter dieser Arbeitsgruppe, die Sachlichkeit der Diskussion hochgehalten. Und vor allem: Unsicherheiten nicht ausgeblendet.

Welche Aussage dieses neusten Klimaberichts hat Sie persönlich am meisten beeindruckt? Dass die Gewissheit noch robuster geworden ist: Der Klimawandel hat mit dem Ausstoss von Treibhausgasen zu tun. Die Erwärmung geht seit einigen Jahren sehr langsam voran. Warum das so ist, muss man jetzt in Ruhe genauer abklären. Ich halte es für sehr gut möglich, dass wir in unseren Modellen die Empfindlichkeit des Klimas auf erhöhte Treibhausgaskonzentrationen etwas überschätzt haben, die natürlichen Schwankungen vielleicht etwas unterschätzt. Aber der grundsätzliche Zusammenhang zwischen CO2-Belastung und Klimaveränderung ist noch deutlicher geworden.

Halten Sie es für ausgeschlossen, dass sich die Klimaforscher grundsätzlich irren? Nichts ist ausgeschlossen. Jeder Forscher hat es schon erlebt, dass Erkenntnisse, die man für erwiesen hielt, später revidiert werden mussten. Es ist normal, dass neue Fragen auftauchen, wenn man Forschung weitertreibt, deshalb sind Zweifel unabdingbar für den wissenschaftlichen Fortschritt. Man muss sich vor Augen halten, dass auch die Klimaforschung kulturell geprägt ist – durch die Art, wie wir das Klima sehen wollen.

Wird die Klimaerwärmung überbewertet? Ich halte die Klimaerwärmung für gravierend, aber nicht für das wichtigste Problem dieser Welt. Andere Themen – Hunger oder Armut – sind es für mich mindestens ebenso. Mühe macht mir, dass man bestimmte klimapolitische Ziele verabsolutiert – etwa dasjenige, die globale Durchschnittstemperatur dürfe auf keinen Fall mehr als zwei Grad über das vorindustrielle Niveau steigen. Auch da gab es ja letztes Jahr eine interessante Forschungsarbeit aus Bern, die zeigte, dass man zu eng denkt, wenn man den Klimawandel auf die Erdtemperatur reduziert. Man müsste beispielsweise auch die Versauerung der Ozeane mitbedenken.

Sie persönlich befassen sich an Ihrem Forschungsinstitut an der Nordsee naturgemäss mit Sturmfluten und Küstenschutz. Ja. Ich glaube, es ist sehr sinnvoll, wenn man sich als Klimaforscher mit regionalen Auswirkungen des Klimawandels auseinandersetzt und so einen Beitrag leistet, zu pragmatischen Lösungen zu kommen. Das hilft einem als Klimaforscher sehr, am Boden zu bleiben und sich nicht in ideologischen Debatten zu verlieren.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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