Jetzt sind auch Waldvögel akut bedroht

Vogelschützer kritisierten bisher vor allem Pestizide und Dünger in der Landwirtschaft. Nun haben sie eine neue Sorge.

Der Grauspecht ist auf alte Bäume und tote Stämme angewiesen. Foto: iStock

Der Grauspecht ist auf alte Bäume und tote Stämme angewiesen. Foto: iStock

Vanessa Mistric@VanessaMistric

Ihre Stoffschuhe sind feucht vom Tau und Matsch. Lisa Eichler presst die Lippen zusammen. «Also langsam bin ich enttäuscht.» Seit Stunden ist die Biologiestudentin unterwegs. Sie parkt bei Lichtungen und Kirschbäumen am Waldrand, lässt dort Vogelgesang vom Band ablaufen, wartet 15 Minuten, lauscht, notiert ihre Beobachtungen in einer Tabelle, sucht dann auf der Karte das nächste Ziel heraus.

Fünf Beobachtungspunkte auf ihrer Liste hat die 31-Jährige schon abgehakt. Sie ist steile Waldhänge hinabgeklettert, über Asthaufen balanciert, durch blühende Wiesenkräuter gestampft. Doch nirgends sah oder hörte sie auch nur einen einzigen Grauspecht.

Der Vogel lebt hauptsächlich in lichten Wäldern und an Waldrändern in der Nordwestschweiz. Er verhält sich eher still und ist mit seinen matten olivgrünen und grauen Farben leicht zu übersehen. Sein Bestand ist in den vergangenen 20 Jahren um etwa zwei Drittel zurückgegangen, auf 300 bis 700 Paare. Inzwischen wird der Grauspecht auf der Roten Liste der Schweizer Brutvögel als verletzlich aufgeführt.

Auch in anderen Ländern wie Deutschland und Frankreich gibt es immer weniger Grauspechte, während die Bestände in Ost- und Nordeuropa teilweise sogar zunehmen. Weshalb das so ist, kann niemand sagen. Der Grauspecht ist kaum erforscht. Es gibt gerade einmal fünf Studien zu den Nahrungsgewohnheiten des Vogels. Zwei davon stammen aus Südkorea, eine aus Skandinavien.

Grünspecht und Grauspecht

Vogelschützer sind alarmiert. Bislang richtete sich ihr Lobbying vor allem gegen die Pestizide und den Dünger der Landwirtschaft. «Den meisten Vögeln im Wald geht es gut, weil Wälder naturnah bewirtschaftet werden. Deswegen hatten wir sie bisher nicht so stark im Blick», sagt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. Doch auch andere, dem Grauspecht ähnliche Waldvogelarten, geraten immer stärker unter Druck. Nun wollen die Vogelschützer wissen, was dahintersteckt.

Eine erste Feldstudie läuft bereits seit Februar. In ihrer Masterarbeit bei der Vogelwarte untersucht Lisa Eichler, weshalb der Grauspecht ausgerechnet in jenen Gebieten seltener wird, in denen sich sein naher Verwandter, der Grünspecht, ausbreitet. Vielleicht ist das ein Zufall, vielleicht findet aber auch ein Verdrängungskampf statt.

Zu den Verlierern gehören Vogelarten wie Grauspecht, Auerhuhn, Haselhuhn und Ziegenmelker.

Um diese Frage zu klären, reist sie an Orte in der Nordwestschweiz, an denen Ornithologen den Vogel beobachtet haben. Dort imitiert sie mithilfe einer Klangattrappe den Gesang des Grünspechts oder den des Grauspechts. Wenn der eine auf den Gesang des anderen antwortet, könnte das ein Indiz dafür sein, dass die Spechte einander vertreiben wollen. Weil Grauspechte nur bis Mai aktiv sind, bleibt ihr nicht mehr viel Zeit. Wenn Lisa Eichler Pech hat, hört sie nur wenige Grauspechte rufen. Die Daten, die sie gesammelthat, wären dann nicht aussagekräftig. Studien zu Vögeln sind aufwendig, ihr Ausgang ist oft ungewiss.

Der mögliche Verdrängungskampf ist die kleinste Sorge der Vogelschützer. «Die Reviere der beiden Spechte überlappen sich am Waldrand», sagt Rey. «Die Frage ist, ob Grauspechte an den Waldrand kommen müssten, wenn es ihnen im Waldesinneren gut ginge.» Der vorherrschende Waldtyp biete nicht allen Vogelarten den Lebensraum, den sie brauchten.

Passt der Waldtyp nicht?

In bewirtschafteten Wäldern, also fast allen Wäldern in der Schweiz, stehen Bäume dicht beieinander. Wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen, werden einzelne Bäume gefällt, damit junge nachwachsen können. So entstehen zwar kleine Lücken, viel Sonnenlicht fällt aber nicht auf den Waldboden. Deswegen sind die Wälder heute dunkler als früher. Zudem lassen Förster totes Holz oft nicht stehen, sondern beseitigen es.

Diese Art von Bewirtschaftung hat sich bewährt, weil sie es Waldbesitzern erlaubt, nachhaltig Holz zu ernten. Die meisten Waldarten profitieren davon. Zu den Verlierern gehören anspruchsvolle Vogelarten. Auf der Liste der gefährdeten Waldvögel sind vor allem solche, die bevorzugt in lichten Wäldern leben und gleichzeitig auf alte Bäume und tote Stämme angewiesen sind. Zu diesen zählen neben dem Grauspecht auch das Auerhuhn, das Haselhuhn, der Ziegenmelker, die Waldschnepfe. Bis Forscher mit Sicherheit sagen können, ob der Grauspecht tatsächlich mit dem vorherrschenden Waldtyp nicht zurechtkommt, sind aber noch einige Feldstudien notwendig.

Eichler hält inne und blickt zu den Kronen der Buchen. Nur ihre Augen bewegen sich. Der Kies des Waldwegs knirscht bei jedem Schritt. Es raschelt und knistert. Eine Amsel zwitschert, eine Singdrossel stimmt ein. Dann dringt der Gesang des Grauspechts durch den Wald. Klü-klü-klü. Kü. Kü. Kö. Die Töne werden tiefer, leiser, ersticken schliesslich. Nur: Der Ton kommt vom Band. Sie hat so viel Zeit bei den Vögeln verbracht, dass sie den echten mühelos vom falschen Gesang unterscheiden kann. Einige Minuten wartet sie, doch der Grünspecht antwortet nicht. Vier Grünspechte hat sie heute vorbeifliegen sehen. Vom Grauspecht keine Spur.

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