Das Monster aus dem Pfynwald

Ab heute Samstag ist der Walliser Wolf, der wohl Rinder riss, zum Abschuss frei – was lautes Debattengeheul auslöst. Der Historiker Wilfried Meichtry erzählt die spektakuläre Urgeschichte dieser Polemik, die sich 1946/1947 im Walliser Pfynwald abspielte. Und Meichtry erlebt derzeit als Hirte auf einer Schafalp, was mit einem passiert, wenn Raubtiere plötzlich ganz nahe kommen.

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25. Juli 2010, 6.30 Uhr: Wie fast jeden Morgen wecken mich Amanda, Ursula und Rosemarie, unsere drei legefreudigen Hühner, die über Nacht zusammen mit den Hunden in der Werkstatt unter unserer Schlafkammer eingesperrt sind.

Schafleiche am Morgen

Ich fache den alten Holzofen an und blicke in den nasskalten Morgen. Der ganze Berg ist nebelverhangen. Nachdem die Hühner und die beiden Border-collies ins Freie gelassen sind, verrichte ich meine Katzenwäsche am Brunnen. Kurz darauf koche ich Kaffee, ziehe die Wanderschuhe an und mache mich auf den Weg zu den Schafen, für die wir sorgen.

Seit neun Wochen bin ich mit meiner Familie hier auf der Waadtländer Alp Cray Dessus hoch über Château-d’Œx, wo wir für 780 Schafe verantwortlich sind. Keine hundert Meter von der Hütte sehe ich von weitem schon dieses dunkelbraune Schaf liegen.

Als ich näher herantrete, bestätigt sich meine Befürchtung: Das Schaf ist tot und hat eine klaffende Bisswunde am Hals, der bis auf die Knochen ausgeweidet ist. Ein Raubtier, der Fall ist klar!

Mit der grausigen Entdeckung befinde ich mich plötzlich mitten in jener Geschichte, die ich eben erst für mein neues Buch über den Walliser Pfynwald recherchiert habe. Die Geschichte vom «Monster im Pfynwald» gehört zu den Urgeschichten meines Lebens und mehr als 30 Jahre habe ich sie fälschlicherweise für die Erfindung meiner fantasievollen Grossmutter gehalten.

Der mysteriöse Killer

Alles fing damit an, dass im Frühsommer 1946 innerhalb weniger Wochen in der Pfynwaldregion 30 Schafe, mehrere Ziegen, ein Schwein und sogar ein Kalb gerissen wurden. Weil der mysteriöse Killer plötzlich fast täglich weiter zuschlug, nahm die Walliser Kantonspolizei die Sache in die Hand.

«Ist das sagenhafte Tier ein Luchs, ein Wolf oder ein Panther?», fragte der «Walliser Bote». Weil Luchs und Wolf in der Schweiz seit langem ausgerottet waren, kamen für viele nur die zwei Panther in Frage, die laut italienischen Zeitungsmeldungen aus einem Wanderzirkus in Turin ausgebrochen und möglicherweise aus Oberitalien ins Wallis eingewandert waren.

Was für ein kurioser Zufall, dass jetzt, 2010, am Tag vor dem Schafriss auf unserer Alp, der Wanderzirkus Gasser Olympia in Château-d’Œx Station machte! Aber es kam noch dicker: Als wir am 26.Juli zwei weitere Schafrisse zu verzeichnen hatten, alarmierte unser Alpvogt den Wildhüter.

Tibetanischer Tiger?

Zurück in den Pfynwald: Nach Mitte August 1946 häuften sich die Sichtungen des wilden Tieres, das sein Jagdrevier auf das halbe Oberwallis ausgedehnt zu haben schien. Dabei wurden so ziemlich alle Raubtiere erspäht, die das Tierlexikon hergibt. Ein Bauer aus Agarn hatte einen Luchs gesehen, ein Alpsenn im Turtmanntal zwei alte und drei junge Panther und verschiedene andere Augenzeugen ein grosses, schwarz-gelb gestreiftes Tier, was den «Walliser Boten» mutmassen liess, dass es sich um einen tibetanischen Tiger handeln könnte.

«Das geheimnisvollste Raubtier seit der Seeschlange von Loch Ness», schrieb die NZZ beeindruckt. Die Blutspur des «Walliser Monsters» («Paris Presse») kam in die internationalen Schlagzeilen.

Safari im Pfynwald

Von allen Seiten wurde die Walliser Kantonspolizei mit Theorien, Hilfsangeboten und Ratschlägen eingedeckt. Jäger boten ihre Dienste an, ein Erfinder schlug vor, einzelnen Schafen Bandagen mit Zyankali um den Hals zu binden, und ein Freiburger Wünschelrutengänger kam zum Schluss, dass es sich bei den Untieren um Schlangen von zwei Metern Länge handle. Weil auch eine grosse Treibjagd nicht zum Erfolg führte, verpflichtete Gendarmeriekommandant Gollut den in der Westschweiz lebenden Dompteur und Grosswildjäger Fernando Baese, der für den Circus Knie in Afrika und Asien Raubtiere fing. Der erfahrene Tscheche brauchte nicht lange, um dem Raubtier auf die Spur zu kommen.

«Es war zwanzig Minuten nach drei», erzählte er der versammelten Presse, «da habe ich am helllichten Tag die Stimme des Panthers zum ersten Mal gehört. Es war der Schrei eines jungen Panthers, der seine Mutter ruft. Ganz kurz sah ich diesen dann auch, aber nur bei einem blitzartigen Sprung.» Nun war kein Zweifel mehr möglich, und Fernando Baese liess im Pfynwald über vierzig Fallen mit lebenden Ködern aufstellen.

Feldzug gegen die Panther

«Ich kann Ihnen garantieren», schrieb er dem Polizeikommandanten, «dass ich mindestens einen der Panther fangen werde.» Aus Zürich und Lausanne wurden Raubtierkäfige nach Leuk-Susten gebracht. Journalisten und Fotoreporter aus der ganzen Schweiz reisten an und berichteten über den «Endfeldzug gegen die Panther».

Hans Beerli, der Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung», war einer der wenigen, der die Fallen besichtigen konnte. Er traute seinen Augen kaum: «Beim Nähertreten glaubten wir uns in die Welt der Bremer Stadtmusikanten versetzt; denn in das Gegacker von Hühnern mischte sich das «Iah’ eines armen Esels, und da die Raubtiere auch auf Fische versessen zu sein scheinen, hat man ihnen solche in einem Wassertümpel als Lockspeise dargeboten; doch sind sie verendet, bevor sie ihre Mission erfüllen konnten.»

Sherlock Holmes scheitert

Die Strategie des selbstbewussten Dompteurs schlug fehl, das Morden ging weiter. Anfang Oktober 1946 meldete der «Walliser Bote», das wilde Tier sei erstmals in unmittelbarer Nähe bewohnter Siedlungen gesichtet worden. «Damit betritt das Tier», spöttelte der Walliser Schriftsteller Maurice Zermatten, «nun auch das Reich der menschlichen Einbildungskraft.» Schliesslich musste Fernando Baese, der «Sherlock Holmes vom Pfynwald» («Nationalzeitung»), gehen. Seine Tierfallen seien lächerlich, wetterten die Kleinbauern, die vom Kanton nun Soldaten forderten. Als auch die zweite grosse Treibjagd die Bestie nicht zur Strecke bringen konnte, war Polizeikommandant Gollut mit seinem Jägerlatein am Ende.

Weil es aber den ganzen Winter 1946/1947 keine neuen Opfer zu beklagen gab, deutete er die Treibjagd in einen Erfolg um: Vermutlich habe man die Pantherfamilie vertrieben, hiess es aus Sitten, und im Oberwallis atmete man auf.

Am 20.April 1947 fing alles wieder von vorne an: In der Nähe von Leukerbad, in Salgesch und im Turtmanntal kam es zu neuen Massakern an Schafen, Ziegen und einem Kalb. Das Katz- und-Maus-Spiel begann von neuem, und Gollut setzte eine Belohnung von 500 Franken auf den Kopf des Monsters aus. «Nur ein Wilderer», so ein Leserbriefschreiber aus dem Oberwallis, «wird uns vom Panther befreien können.»

Albinus oder Marinus?

Der erlösende Schuss fiel am 26.November 1947 um 21.30 Uhr in der Nähe des Oberwalliser Bergdorfs Eischoll. Bauer Marinus Brunner beobachtete unweit seines Stalls bereits zum zweiten Mal zwei grössere Tiere, die Schlachtabfälle verzehrten. Das mussten die seit langem gesuchten wilden Tiere sein! Weil er unbedingt die 500 Franken Belohnung wollte, hatte Brunner seine Büchse bereitgestellt und erlegte mit einem gezielten Schuss eines der beiden Tiere.

Um was für ein Tier es sich handelte, konnte er nicht sagen. Aber das beschäftigte ihn nicht weiter. Er hatte andere Sorgen: Würde Polizeikommandant Gollut einem Wilderer die Belohnung überhaupt bezahlen? Er musste auf Nummer sicher gehen. Mit dem noch warmen Tier auf den Schultern eilte er im Schutz der Dunkelheit nach Hause. Hier besprach er sich mit seinem Bruder Theodor, seinem Schwager Franz und dessen Sohn Albinus.

Mit einem Glas Selbstgebranntem schlossen die vier Männer ein Komplott: Am nächsten Morgen trat Marinus’ Neffe Albinus Brunner, der als Einziger in der Familie über ein Jagdpatent verfügte, als Schütze auf und fuhr mit Dorfpolizist Murmann und dem erlegten Untier auf die Polizeihauptwache nach Sitten. Hier wurde der vermeintliche Schütze von allen Seiten beglückwünscht und der Presse präsentiert. Das Foto vom klein gewachsenen Lonza-Arbeiter Albinus Brunner mit der toten Bestie, die Jäger und Kantonstierärzte eindeutig als Wolf identifizierten, fand schnelle Verbreitung.

Ausgestopftes Monster

«Mit schlotternden Knien tötet ein Schweizer Jäger», so die französische Zeitung «France Dimanche», «das Monster im Wallis.» Gendarmeriekommandant Gollut überreichte Albinus Brunner die 500 Franken Belohnung, die dieser später insgeheim seinem Onkel Marinus übergab. Obwohl in Eischoll sehr bald schon Gerüchte kursierten, die besagten, dass der wahre Schütze des Wolfs Marinus und nicht Albinus gewesen sei, hielt sich Marinus bis zu seinem Tod an die geheime Abmachung mit seinem Neffen: Für Dich, Albinus, die Ehre, für mich, Marinus, das Geld.

Im Herbst 1948 war der Wolf von Eischoll ausgestopft und wurde – begleitet von der Schweizerischen Filmwochenschau – ins Naturhistorische Museum Sitten überführt. «In einem wohlgeordneten Staat», so der Sprecher der Wochenschau, «können wilde Tiere nur in Vitrinen geduldet werden.»

Tote Schafe auf Cray Dessus

Die Zeiten des wohlgeordneten Staates sind seit 15 Jahren vorbei. Mitte der 1990er-Jahre siedelte sich der im 19.Jahrhundert in der Schweiz gnadenlos ausgerottete Wolf von Norditalien her kommend erst im Wallis und später auch in anderen Kantonen (Tessin, Bern, Freiburg, Waadt, Luzern) wieder an. Heute gibt es schweizweit wohl zwanzig Wölfe, und weil sich darunter auch zwei Weibchen befinden, ist mit einer raschen Vermehrung zu rechnen.

Ob für die vier Risse auf unserer Schafalp – am 1.August fand ich Opfer Nummer vier – auch ein Wolf verantwortlich ist, bleibt abzuwarten. Er tippe eher auf einen Luchs, sagte Wildhüter Jean-Claude Roch, der jeden einzelnen Kadaver untersuchte, mir Spuren des Raubtiergebisses zeigte und DNA-Proben entnahm.

Seit dem Auftauchen des Raubtiers hat sich meine Wahrnehmung verändert. Die Beschaulichkeit des Hirtenlebens ist mir abhanden gekommen. Auf den morgendlichen Gängen zu den Schafen gilt mein Hauptaugenmerk nicht mehr in erster Linie der atemberaubenden Schönheit der Landschaft hier, sondern den Spuren des Raubtiers. Gibt es neue Risse?

Das kleine Schlachtfeld

Nein, Angst vor dem Raubtier haben wir keine, auch die Kinder nicht. Was uns aber zu schaffen macht, ist dieser Anblick der toten Schafe. Nach dem Raubtier kommen Fuchs, Milan und Raben, und nach ein bis zwei Tagen gleicht der nähere Umkreis einem kleinen Schlachtfeld. Vom Schaf ist nichts mehr übrig als ein paar verstreut umherliegende Skeletteile und zahlreiche Fetzen des Fells. Das Raubtier auf unserer Alp zeigt uns die Natur von ihrer erbarmungslosen Seite. Dazu passt, dass ich am 4.August zum ersten Mal ein Schaf töten musste, das sich – vermutlich bei einem Steinschlag – das Rückgrat gebrochen hatte.

Wie es nach den vier Rissen jetzt hier weitergeht? Am nächsten Montag kommt eine Mitarbeiterin des Herdenschutzes zu uns hoch und bringt zwei Schutzhunde mit, die unsere Herde vor weiteren Angriffen schützen soll. Ich bin gespannt, ob und wie das funktionieren wird. Die Frage, ob Wolf oder Luchs die vier Schafe gerissen hat, ist nach wie vor offen: Mit den Ergebnissen der DNA-Analyse können wir wegen der zahlreichen Nutztierrisse im Juli erst nach Mitte August rechnen. Eines aber ist klar: Mit dem Wanderzirkus, der Château-d’Œx längst verlassen hat, hat der gewaltsame Tod unserer Schafe sicherlich nichts zu tun.

Das Buch. Wilfried Meichtry: Hexenplatz und Mörderstein. Die Geschichten aus dem magischen Pfynwald. Nagel&Kimche 2010. Fr.29.90. Meichtry erzählt in seinem neusten Werk für Nichtwalliser unglaubliche, aber wahre Geschichten, darunter diejenige des Monsters, das sich als Wolf entpuppte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2010, 09:23 Uhr

Der Mann, der die Hysterie bezwang. Albinus Brunner, der ver-
meintliche Schütze, posiert im Herbst 1947 mit dem toten Wolf auf den Schultern für die «Feuille d’avis», den Anzeiger von Lausanne. (Bild: zvg)

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