Wie man Kinder erfolgreicher macht

Das Geheimnis starker Kinder ist eine genügende Selbstkontrolle. Sieben wissenschaftlich fundierte Tipps, um diese den Kindern beizubringen.

Kinderspiel in einer Krippe in Bern.

Kinderspiel in einer Krippe in Bern. Bild: Marcel Bieri/Keystone

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Alle wollen das Beste für ihre eigenen Kinder. Dabei geht oft vergessen, wie viel Einfluss Eltern und auch Lehrer auf die Kinder nehmen können. Im Kern geht es dabei um die Fähigkeit zur Selbstkontrolle: Spontane Impulse kontrollieren, die Aufmerksamkeit hochhalten, die Fähigkeit zu planen. Kinder, die dabei gut sind, haben es später einfacher im Leben, sind erfolgreicher und erst noch gesünder, das haben unzählige Studien gezeigt.

Doch wie bringt man diese Fähigkeiten einem neugierigen und lebendigen Kind bei, ohne seine Spontaneität und Lebensfreude zu blockieren. Sieben Tipps, die wissenschaftlich erhärtet sind.



Gerecht und verlässlich handeln

Der klassische Test für die Selbstkontrolle ist der Marshmallow Test, bei dem Kleinkindern eine höhere Belohnung in Aussicht gestellt wird, wenn sie eine Zeitlang darauf warten. Je länger Kinder warten können, umso erfolgreicher sind sie im Durchschnitt im späteren Leben. Doch neuere Forschung zeigt, dass die Resultate extrem von früheren Erfahrungen der Kinder abhängen. Testkinder, die enttäuscht wurden, holten sich im Marshmallow-Test die Belohnung lieber gleich sofort, als auf eine grössere Belohnung zu warten.

Die Studie
Die amerikanische Kognitionswissenschaftlerin Celeste Kidd hat in einer viel zitierten Studie von 2012 den Marshmallow-Test mit knapp 30 Kindern im Vorschulalter modifiziert. Dabei versprachen die Betreuungspersonen den Kindern vor dem Test ein Geschenk. Bei einer Gruppe der Kinder wurde das Versprechen eingehalten, die andere Gruppe erhielt nur eine vage Ausrede. Die Kinder, welche das Geschenk zuvor nicht erhalten haben, schnappten sich die Belohnung beim Haupttest deutlich früher als die Kinder, die sich auf das Versprechen verlassen konnten.



Die richtigen Spiele

Spielen heisst für Kinder lernen, und ein zentraler Punkt beim Spiel ist es, dass sie lernen, Regeln zu befolgen, seien es selbst gemachte oder von aussen vorgegebene. Dabei gibt es jedoch Spiele, welche die Selbstkontrolle (und Aufmerksamkeit) gezielt fördern. In den USA gibt es das Rot-Grün-Spiel. Dabei müssen die Kinder wie bei einem Signal bei Grün laufen und dann plötzlich stoppen, wenn die Ampel auf Rot wechselt. Kehrt man die Regel, müssen sich die Kinder viel mehr konzentrieren.

Die Studie
Die Erziehungswissenschaftlerinnen Shauna Tominey und Megan McClelland haben in einer Untersuchung von 2011 Spiele für Kinder im Vorschulalter getestet, welche speziell den Aufbau von Selbstkontrolle fördern. Vor dem Test erfassten sie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle mithilfe eines standardisierten Score. Dann liessen sie die Kinder verschiedene Varianten eines Musik-Stopp-Spiels spielen, eigentlich eine Variante des Rot-Grün-Spiels: Die Kinder mussten zuerst bei schneller Musik schnell tanzen und bei langsamer langsam. Dann galt die umgekehrte Regel. Nachdem die Kinder solche Spiele mit Regelumkehrungen während acht Wochen zweimal wöchentlich spielten, erfassten die Forscherinnen wieder das Selbstkontroll-Score – mit spannenden Resultaten: Kinder, die schon vorher überdurchschnittliche Ergebnisse erzielten, konnten sich kaum verbessern. Diejenigen allerdings, die eine schwache Selbstkontrolle hatten, erzielten nach den Spielen markant bessere Werte.



Die Anstrengung loben

Erziehungsberater betonen immer, wie wichtig es sei, die Kinder auch zu loben. Das stimmt, denn ein Lob am richtigen Ort kann motivieren und stärkt das Selbstwertgefühl des Kindes. Doch der Teufel liegt wie in vielen Dingen im Detail. Denn nicht jedes Lob hilft weiter. Es ist besser, nach einer erfolgreich gelösten Aufgabe das Bemühen des Kindes zu loben und nicht seine Intelligenz. Natürlich fällt das vielen Eltern schwer, denn mit dem Hochjubeln der Talente des eigenen Sprösslings klopft man sich immer auch gleich ein bisschen selber auf die Schulter.

Die Studie
In einer viel zitierten Studie mit 5.-Klässlern von 1998 konnten die Erziehungsforscherinnen Claudia Mueller und Carole Dweck von der Columbia-Universität zeigen, dass es kontraproduktiv sein kann, die Intelligenz zu loben. Kinder, die für ihr Talent gelobt wurden, vermieden in der Folge schwierigere Aufgaben, strengten sich weniger an, gaben bei Schwierigkeiten schneller auf und konnten ihre Leistung auch weniger gut einschätzen. Kinder, die für ihr Bemühen gelobt wurden, wagten sich dagegen an schwierigere Aufgaben, aus denen sie wieder mehr lernten.



Keine «Du musst»-Botschaften

Das kennen alle Eltern: Das Kind sitzt mürrisch an den Hausaufgaben, kann sich nicht konzentrieren, macht Fehler oder schreibt erst noch grässlich. Kaum spielt es jedoch im Zimmer Lego oder ein Videogame am Computer, arbeitet es stundenlang an den kniffligsten Bauwerken oder löst die kompliziertesten Challenges. Dieses Kind hat kein Problem mit der Selbstkontrolle, sondern mit der Motivation. Da helfen auch keine eindringlichen Aufforderungen, sogenannte «Du musst»-Botschaften. Die Kunst wäre viel eher, die intrinsische Motivation des Kindes zu fördern.

Die Studie
Um ein Kind für eine Aufgabe zu motivieren, kann eine Art Belohnung sicher helfen, sei dies ein Lob oder etwas, das ihm Spass macht. Besser ist eine sogenannte intrinsische Belohnung, vor allem bei älteren Kindern. Wie das funktioniert, zeigte der Lernforscher Chris Hulleman in einem Experiment mit 250 Studenten. Die eine Gruppe musste regelmässig Zusammenfassungen über das Gelernte schreiben, eine zweite Gruppe wurde angehalten, über die Nützlichkeit des Gelernten im alltäglichen Leben zu schreiben. Die Mitglieder der zweiten Gruppe zeigten bald mehr Interesse am Schulstoff als die erste Gruppe und erzielten auch bessere Noten.



Häufige Pausen einschalten

Wenn Kinder schwierige Aufgaben lösen müssen, nimmt die Konzentration und Aufmerksamkeit meistens rasch ab. Auch das hat mit Selbstkontrolle zu tun. Eine Hypothese besagt, dass die Selbstkontrolle eine Ressource ist, die sich langsam aufbraucht und wieder aufgeladen werden muss. Andere Forscher gehen von einem neurokognitiven Ansatz aus, wonach das Gehirn nach einem Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Belohnung strebt. Wenn die Anstrengung überhandnimmt, wird sie zur langweiligen Routine, sodass neue Anreize aus der Umwelt schlicht nicht mehr wahrgenommen worden. Beide Hypothesen legen nahe, dass eine Pause zwischen zwei anstrengenden Aufgaben die Selbstkontrolle stärkt.

Die Studie
Die englische Psychologin Rachel Seabrook zeigte bereits 2004, dass Kinder im Kindergartenalter schneller lesen lernen, wenn die «Lektionen» in kürzere Einheiten aufgeteilt werden. Konkret erreichten Kinder, die in kurzen Lerntrainings von dreimal 2 Minuten arbeiteten, bei nachfolgenden Tests ein 6-mal besseres Ergebnis als ihre Altersgenossen, die in Blöcken von sechs Minuten lernen mussten. Weitere Forschungen haben übrigens gezeigt, dass das entsprechende Lernkonzept in allen Altersklassen zu besseren Ergebnissen führt.



Negativen Gefühlen mit Empathie begegnen

Wut, Zorn, Ablehnung und Tränen sind in jeder Kinderstube normal, aber die Reaktionen der Eltern darauf sollten nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Allerdings hilft auch ein gut gemeintes Gewährenlassen den Kindern nicht weiter. Ein gefälliges «Das ist doch kein Grund, wütend zu werden» oder ein rüdes «Hör auf!» sind die falschen Antworten auf negative Emotionen. Zielführender ist ein sogenanntes Gefühls-Coaching, bei dem die Eltern mit den Kindern über ihre Gefühle sprechen, Empathie zeigen und ihnen Wege aufzeigen, wie man damit umgehen kann.

Die Studie
Die amerikanische Lernforscherin Joann Shortt hat 2010 in einer Longitudinalstudie bei über 240 Familien mit mindestens zwei Kindern untersucht, wie sich ein aktives Gefühls-Coaching der Mutter auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Dabei zeigte sich, dass empathisch geführte Kinder im Jugendalter weniger aggressiv waren und eine bessere Selbstkontrolle an den Tag legten.



Planen üben

Eine genügende Selbstkontrolle ist eine Voraussetzung für die Fähigkeit, gewisse Aufgaben zu planen. Planen ist eine hochkomplexe Fähigkeit, die ein Vorausdenken in die Zukunft bedingt. Wer plant, muss innehalten können, aber auch auf eine unmittelbare Belohnung verzichten. Dafür erhält er die Gelegenheit, sich Gedanken zu machen und Strategien für die notwendigen Aktionen zu entwickeln. Die Planungsfähigkeit bildet somit auch eine Grundlage für das selbstregulierte Lernen.

Die Studie
Ob die Planungsübungen die schulischen Fähigkeiten von Kindern beeinflussen, ist noch wenig untersucht, die einzelnen kognitiven Prozesse sind komplex und kaum auseinanderzuhalten. Offenbar aber lässt sich die Planungsfähigkeit üben. Deutsche Neuropsychologen um Josef Unterrainer von der Universität Freiburg haben in einem Versuch aus dem Jahr 2008 zeigen können, dass Schachspieler, die das Vorausplanen gewohnt sind, in dem klassischen Planspiel «Tower of London» besser abschneiden als Nicht-Schachspieler.

*Dieser Artikel erschien erstmals am 9. Februar 2018 auf Bernerzeitung.ch/Newsnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 17:41 Uhr

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