Zum Hauptinhalt springen

Wenn der Spiegel krank macht

Das genüssliche Ausquetschen von Pickeln oder eingebildeten Bläschen ist mehr als eine dumme Angewohnheit – es ist eine Zwangsstörung, die ihre Ursache in der Psyche hat.

Mehr als eine dumme Angewohnheit: Das zwanghafte Ausdrücken von Bibeli und Hautunreinheiten hat meist eine psychische Ursache.
Mehr als eine dumme Angewohnheit: Das zwanghafte Ausdrücken von Bibeli und Hautunreinheiten hat meist eine psychische Ursache.
Fotolia

Es kommt nicht gerade häufig vor, dass sich Dermatologen und Psychiater gemeinsam um eine Krankheit kümmern. Bei der Kratzakne sollten sie das aber tun, empfehlen Experten mit Nachdruck: Menschen, die Pickel, Pusteln, Bibeli oder sonstige Hautunreinheiten im Gesicht und an den Armen mit Fingern, Pinzetten oder Nadeln malträtieren, bis Blut kommt, haben mehr als nur ein Hautproblem: Sie sind meist auch seelisch verwundet. Kommt dazu, dass die brachiale «Behandlung» mit Ausdrücken und Kratzen Narben hinterlässt. Aber auch der Hautarzt ist machtlos, wenn er den seelischen Hintergrund der Selbstverletzung nicht berücksichtigt.

Vor allem Frauen betroffen

Den treffenden Namen Acné excoriée des jeunes filles (Kratz­akne der jungen Mädchen) verdankt die Störung dem franzö­sischen Arzt Louis Brocq, der das Verhalten 1898 erstmals beschrieb. Das wiederholte zwanghafte Herumdrücken schon an kleinsten Pickeln und Unebenheiten ist vor allem bei Mädchen und jungen Frauen anzutreffen und führt meist zu einer Verschlimmerung der Hautveränderungen. Männer hingegen leiden nur selten darunter.

Die Acné excoriée sei eine Überreaktion auf tatsächliche oder eingebildete Hautveränderungen im Gesicht, erläutern ­Alexander Navarini, Oberarzt an der Dermatologischen Universitätsklinik Zürich, und Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenenpsychiatrie an der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel, im Fachjournal «Schweizerisches Medizinforum». Ausgedrückt wird meist dann, wenn die Betroffenen allein sind und sich unbeobachtet fühlen.

Blutungen und Entzündungen

Der zwanghafte Drang zum Ausdrücken wird im englischsprachigen Raum auch als Skin Picking Disorder bezeichnet und gilt seit 2015 als ein eigenständiges Krankheitsbild aus der Gruppe der Zwangsstörungen.

Häufige Auslöser der Störung seien Spiegel, betonen die beiden Schweizer Mediziner: «So wird zentimeternah vor dem Badezimmerspiegel oder sogar mit­hilfe der Lupe die eigene Haut ­gemustert und auf krankhafte Weise drakonisch zu reinigen versucht, entweder mit den ­Fingern oder mit Werkzeugen. Noch nicht verheilte Wunden werden erneut aufgerissen, es wird gekratzt, gezupft, gedrückt und teilweise mit Werkzeugen vorgegangen, sodass es zu schmerzhaften Komplikationen, Blutungen und Entzündungen kommen kann.» Bearbeitet wird die Haut allerdings oft auch ohne Sichtkontakt, beispielsweise beim Autofahren, beim Fernsehen oder während der Arbeit.

Quetschen wie in Trance

Die Beschäftigung mit der eigenen Haut kann von Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. «Wie bei einer Zwangsstörung verbringen die Patienten sehr viel Zeit mit der Bearbeitung ihrer Hautläsionen und wissen um die Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit, können jedoch nicht aufhören», so die Experten.

Bearbeitet werden vorwiegend Hautunreinheiten wie Pickel oder Mitesser, häufig in einem Trance- oder ek­staseähnlichem Zustand. Gedrückt, gekratzt oder gequetscht werden auch Insektenstiche, Entzündungen, Wunden, Narben oder Muttermale. Wie Navarini und Lang berichten, weise die ­Acné excoriée eine grosse Ähnlichkeit zu Suchterkrankungen auf. Bei solchen Störungen sind sich die Betroffenen ebenfalls darüber klar, dass sie sich selbst schaden, können dennoch nicht damit aufhören.

Die wichtigsten Anhaltspunkte für die Diagnose sind die Unfähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, eine selbst verletzende Handlung durchzuführen; das Gefühl von Vergnügen, Befriedigung oder Entspannung während des Herumdrückens und Scham, Reue, Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle nach der vollzogenen Handlung.

Aus Frust und Freude

Das Ausdrücken und Herumfingern dient als Ventil für die innere Anspannung. Als wichtige Auslöser für einen «Drückanfall» erweisen sich emotionale Ereignisse: Der Anfall kann sowohl durch negative Emotionen ausgelöst werden wie Wut, Kränkung oder Trauer, aber auch durch positive Empfindungen wie Freude oder Neugier. Auch Langeweile oder Leere können auslösend wirken.

Der gut gemeinte Rat, doch «einfach mal die Finger davon lassen», hilft den Betroffenen nicht wirklich: Sie wissen ja, dass sie sich mit ihrer Angewohnheit selbst schaden, sie schämen sich dafür und machen sich selbst Vorwürfe.

Die Empfehlung, sich psychotherapeutisch beraten zu lassen, hören die meisten Betroffenen nicht gern und suchen stattdessen nach einer dermatologischen Behandlung ihrer Störung. Medikamente indes, die üblicherweise zur Behandlung von Akne ein­gesetzt werden, sind bei der Behandlung der Acné excoriée meist nutzlos. «Die Behandlung muss vielmehr versuchen, die selbst zugeführten Schäden zu minimieren sowie das Verhalten anzupassen», betonen Navarini und Lang.

In der Behandlung haben sich denn auch am ehesten verhaltenstherapeutische Verfahren, Entspannungstechniken und der Einsatz spezifischer Psychopharmaka als erfolgversprechend erwiesen. In der Verhaltenstherapie trainieren die Betroffenen, ihr Verhalten besser zu kontrollieren. In Situationen wie Stress, Wut, Angespanntheit und Frustration sollen Betroffene bewusst die Spannung reduzieren lernen, um einen erneuten Kratzschub zu vermeiden. Nützliche Informationen von ebenfalls Betroffenen vermitteln auch Selbsthilfegruppen, im Internet (zum Beispiel www.skin-picking.de).

Hohe Dunkelziffer möglich

Nach Untersuchungen in den USA sind dort 1,4 bis 5,4 Prozent der Bevölkerung von leichtem bis schwerem Skin Picking betroffen, wie die Störung im Englischen genannt wird. Die Erkrankung kann zu jeder Zeit auf­treten, entwickelt sich jedoch ­besonders häufig in der späten Kindheit oder der frühen Jugend. Einen zweiten Häufigkeitsgipfel gibt es überraschenderweise bei 30- bis 45-jährigen Frauen.

Die Zahl der vom Ausdrückdrang Betroffenen liegt jedoch möglicherweise höher als die bisherigen Schätzungen. Einen Hinweis dafür bietet jedenfalls der Erfolg des Selbsthilfebuches «In meiner Haut. Leben mit Skin Picking» der Autorinnen Ingrid Bäumer und Barbara Schubert (Mabuse-Verlag).

Nur gut zwei Monate nach seinem Erscheinen musste der Verlag bereits eine zweite Auflage nachdrucken.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch