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Therapie mit eigenem Blut

Wenn Gelenke, Muskeln oder Sehnen schmerzen, bietet sich neuerdings die Eigenbluttherapie an. Die Idee dahinter: Das Blut des Patienten soll seine Selbstheilung aktivieren. Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend.

Wie vor einer Operation: Sportarzt Martin Schär bereitet Patientin Ariane Blumentritt auf die Blut­injektion vor.
Wie vor einer Operation: Sportarzt Martin Schär bereitet Patientin Ariane Blumentritt auf die Blut­injektion vor.
Stefan Anderegg

Seit über einem Jahr hat Ariane Blumentritt Probleme mit ihrem linken Knie. In letzter Zeit bereiten der Zweitliga-Basketballerin und Versicherungsangestellten sogar alltägliche Aktivitäten wie Treppensteigen erhebliche Schmerzen – kein Zustand für eine erst 26-jährige Frau, die neben Teilzeitjob und Sport auch noch studiert.

Nachdem Physiotherapie und Schuheinlagen keine Besserung gebracht hatten, liess ihr Hausarzt eine Magnet­resonanztomografie machen. Befund: Knorpelveränderungen unter der Kniescheibe, also beginnende Arthrose.

Der Arzt bot ihr drei Behandlungsmöglich­keiten an: Schmerzmittel zu schlucken, Einspritzungen von Hyaluronsäure (synthetischer «Gelenkschmiere») oder eine Eigenbluttherapie.

Eigenbluttherapie? Was wie eine Behandlungsmethode aus der Alternativmedizin klingt, ist auf dem besten Weg, sich in der Schulmedizin zu etablieren. Nicht weiter verwunderlich. Denn die Überlegung, die dahintersteckt, leuchtet durchaus ein: Dem Patienten werden zwischen 10 und 60 Milliliter Blut entnommen (zum Vergleich: Beim Blutspenden sind es 400 Milliliter).

Aus dem abgezapften Blut wird danach das blutplättchenreiche Plasma (englisch Platelet-Rich Plasma, kurz: PRP) gewonnen. Dieses aufbereitete Plasma fördert die Wundheilung und das Wachstum. Schliesslich wird das Plasmakonzentrat an der verletzten oder der degenerierten Stelle wieder eingespritzt – mit dem Ziel, dort die Selbstheilung in Gang zu setzen.

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Pionierrolle der Sportmedizin

Einer der Ersten in der Region Bern, die die neuartige Therapie einsetzen, ist Martin Schär (62) von der Sportsclinic Number 1 AG im Wankdorf-Center. In den letzten zwei Jahren hat der erfahrene Allgemeinmediziner und Sportarzt, der auch die SCB-Eishockeyaner medizinisch betreut, rund vierzig Patientinnen und Patienten mit Eigenblut behandelt, darunter etliche Spitzensportler. «Die Resultate sind von Patient zu Patient verschieden, aber grundsätzlich positiv», sagt Schär. «Die Therapie hat Potenzial.»

«Therapeutische Lücke»

Dass aufbereitetes Eigenblut in bestimmten Fällen wirksam ist – davon ist man auch bei der Schweizerischen Gesellschaft für Sportmedizin überzeugt, wie deren Präsident German Clénin (50, Ittigen) bestätigt. Die Studienlage sei zwar noch nicht durchschlagend. Demgegenüber stünden aber die zahlreichen Beobachtungen an erfolgreich behandelten Patienten.

Clénin sieht die Eigenblutbehandlung vor allem bei hartnäckigen Beschwerden als letzte Option, bevor der Chirurg zum Einsatz kommt. «Da kann die Therapie eine Lücke schliessen – und der Patient sich womöglich eine Operation ersparen.» Der oberste Schweizer Sportmediziner stellt denn auch fest, dass immer mehr seiner Berufskollegen die Eigenbluttherapie anbieten.

Das überrascht nicht: Die Anfänge der neuartigen Therapie gehen auf den Leistungssport zurück. So haben sich in der Vergangenheit bereits internationale Stars wie Rafael Nadal, Gareth Bale oder Kobe Bryant mit PRP-Eigenblut behandeln lassen. Und Schätzungen gehen davon aus, dass heute rund die Hälfte der Klubs in der deutschen Bundes­liga mit PRP arbeitet, um ihre angeschlagenen Kicker möglichst schnell wieder fit zu bekommen.

Um den Faktor Zeit gehts Ariane Blumentritt, unserer Berner Patientin, nicht in erster Linie. Die junge Frau möchte ganz einfach wieder beschwerdefrei durch ihren aktiven Alltag kommen – und das möglichst, ohne dauernd Schmerzmittel zu schlucken oder sich gar einer Operation unterziehen zu müssen.

Plättchenreiches Plasma: Das für die Therapie aufbereitete Blut. Bild: Stefan Anderegg
Plättchenreiches Plasma: Das für die Therapie aufbereitete Blut. Bild: Stefan Anderegg

Nicht ganz schmerzfrei

So ist sie bei Martin Schär in der Sportsclinic gelandet. «Die Eigenbluttherapie scheint mir die natürlichste Behandlungsmethode zu sein, die bei mir infrage kommt», sagt sie mit einem etwas gequälten Lächeln. Denn bereits ist der Schragen hergerichtet für die Injektion. Steril wie in einem OP-Saal sieht es aus.

Wie bei allen Injektionen besteht auch hier ein Infektionsrisiko, was ein gewisser Nachteil der Therapie sein mag. «Dieses Risiko ist aber nur sehr gering», relativiert Sportmediziner Schär. Dass das Eigenblut nicht ganz schmerzfrei an der ­lädierten Stelle eingebracht werden kann, ist ein anderer Nachteil.

Kaum hat der Doktor darauf hingewiesen, steckt die Nadel schon im Knie. «Geht es so?», fragt er und drückt den Spritzenkolben vorsichtig hinein. «Halb so schlimm», sagt Ariane Blumentritt und atmet auf, als sie wieder steht. «Jetzt kann ich nur hoffen, dass die Therapie bei mir wirkt.» In sechs bis acht Wochen wird sie es wissen. Dann müsste der Effekt spürbar sein.

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