Rüffel für Komplementärmedizin-Hersteller

Schüsslersalze gegen Osteoporose, Bachblüten gegen Hyperaktivität: Solche Versprechen dürften oft gar nicht gemacht werden.

Arzneimittel der klassischen Homöopathie dürfen in der Regel nicht mit Heilsversprechen beworben werden. Daran halten sich aber längst nicht alle. Foto: Urs Jaudas

Arzneimittel der klassischen Homöopathie dürfen in der Regel nicht mit Heilsversprechen beworben werden. Daran halten sich aber längst nicht alle. Foto: Urs Jaudas

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Das Heilmittelinstitut Swissmedic behandelt die Angelegenheit diskret. Beispiele möchte man keine nennen, keine Firma an den Pranger stellen. Bussen oder Sanktionen wurden bis jetzt auch keine verhängt. In Apotheken und im Internet lassen sich die allgegenwärtigen Verstösse aber leicht finden: Schüsslersalze gegen Osteoporose, Bachblüten gegen Hyperaktivität, homöopathische und anthroposophische Mittel gegen Fieberschübe, Sonnenbrand oder Nervenschmerzen. In vielen Fällen dürften solche Wirkversprechen gar nicht gemacht werden.

Swissmedic schaute dem Treiben lange zu. Vor ein paar Wochen hat das Heilmittelinstitut nun die Hersteller und Vertriebe in einer Mitteilung zur Ordnung gerufen. Man habe feststellen müssen, dass «in der Publikumswerbung von zugelassenen Komplementärarzneimitteln ohne Indikation sehr oft die einschlägigen heilmittelrechtlichen Werbebestimmungen nicht eingehalten werden», schreibt die Abteilung Marktkontrolle. Sie räumt den Unternehmen eine sechsmonatige Frist ein, um ihre Werbung und Informationen anzupassen. Bereits im Umlauf befindliches Material müsse aktiv eingezogen werden.

Bewusste Überschreitungen

Vorläufig drohen den Herstellern keine Konsequenzen. Erst nach Ablauf der Frist werde die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben stichprobenweise überprüft und gegen Verstösse vorgegangen, schreibt die Behörde. «Die Bestimmungen werden immer schlechter eingehalten», sagt Susanne Wegenast, Apothekerin und Leiterin Marktkontrolle Arzneimittel bei Swissmedic. Beim Heilmittelinstitut weiss man das aus eigener Anschauung etwa aus Fernsehwerbung und Zeitschriften. Daneben gab es Hinweise von Fachpersonen und Konkurrenzfirmen.

In der Branche ist man über das Vorgehen erfreut. «Die Hersteller bewegen sich oft an der Grenze des Erlaubten und einige überschreiten sie bewusst», sagt Walter Stüdeli, Geschäftsführer des Verbands für Komplementärarzneimittel SVKH, der die wichtigsten Hersteller in diesem Bereich vertritt. «Auch die Apotheker wissen, dass gewisse Werbung eigentlich nicht legal ist.» Dabei geht es nicht nur um Arzneimittel, sondern auch um Nahrungsergänzungsmittel wie beispielsweise fermentierte Kräutermischungen oder Duftessenzen, denen ohne Registrierung irgendwelche Wirkungen zugeschrieben werden.

Das Schreiben von Swiss­medic zielt vor allem auf die ohne Indikation zugelassenen Komplementärarzneimittel. Bei denen ist das Zulassungsverfahren vereinfacht und niederschwellig im Vergleich zu herkömmlichen schulmedizinischen Medikamenten. Im Vordergrund steht der Nachweis der Produktqualität durch eine Dokumentation des Herstellungsprozesses.

Betroffen sind rund 11'000 Präparate der Homöopathie, Anthroposophie und Spagyrik.

Der jährliche Umsatz von homöopathischen, anthroposophischen und phytotherapeutischen Arzneimitteln liegt in der Schweiz bei rund 400 Millionen Franken. Davon dürfte ein beträchtlicher Teil betroffen sein. Mengenmässig handelt es sich um rund 11'000 Präparate, vorwiegend hochverdünnte (potenzierte) Präparate der Homöopathie, Anthroposophie und Spagyrik. Bei diesen muss eine Fachperson bei jedem Patienten individuell bestimmen, welche Mittel für ein bestimmtes Leiden geeignet sind. «Es ist natürlich schwierig, für solche Präparate Werbung zu machen», sagt ­Wegenast von Swissmedic. Das Potenzial für Verstösse sei deshalb gross: «Für Firmen ist es ­interessanter zu sagen, dass ein Mittel gegen etwas Bestimmtes wirkt.»

Wer das tun will, muss die Arznei mit Indikation bei Swissmedic zulassen lassen. Tatsächlich ist dies manchmal bei analogen Komplementärarzneimitteln von anderen Herstellern der Fall. Für viele Hersteller ist dies eine Kostenfrage, denn die Anforderungen und damit der Aufwand sind deutlich höher.

Im Vergleich zu schulmedizinischen Medikamenten handelt es sich allerdings immer noch um eine vereinfachte Zulassung. Der Hersteller kann sich für den geforderten Wirkungsnachweis und mögliche Nebenwirkungen auf die entsprechende komplementärmedizinische Lehre und einschlägige Standardwerke beziehen. In den Arzneimittelinformationen heisst es dann «gemäss der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis» oder «homöopathischem Arzneimittelbild». Studien sind keine gefordert. 

Gesetz nicht vollzogen

SVKH-Geschäftsführer Stüdeli sagt, dass er die Verstösse gegen Werbebestimmungen schon seit Jahren bei den Behörden moniere. Diese seien gang und gäbe: «Da die Gesetze in dem Bereich kaum vollzogen werden, halten sich viele nicht daran.» Zu­ständig wären die Kantone, die laut Stüdeli kaum kontrollieren. «Es wird weggeschaut, weil das Gefährdungspotenzial viel ­kleiner ist als in der Schulmedizin», sagt er. «Die Firmen, die sich an die gesetzlichen Vor­gaben halten, werden damit ­jedoch bestraft.»

Swissmedic hat das letzte Mal 2007 mit einer ähnlichen Aktion wie jetzt auf eine ungenügende Einhaltung der Werbebestimmungen reagiert. «Das hat Wirkung gezeigt», sagt Susanne Wegenast. Sie erwartet, dass es auch diesmal klappen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2018, 18:18 Uhr

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