Pharmafirma startet gezielten Angriff auf Krebszellen

Das Start-up Innomedica, an dem ­mehrere Wissenschaftler der Universität Bern beteiligt sind,­ ­entwickelt eine neue Behandlungsmethode von Krebs. Diese soll besser verträglich und wirksamer sein als herkömmliche Chemotherapien.

Ein Mitarbeiter von Innomedica füllt in der Produktionsanlage im freiburgischen Marly das Medikament Talidox in kleinere Gefässe ab. Die Portionen werden später weiter verarbeitet.<p class='credit'>(Bild: Iris Andermatt)</p>

Ein Mitarbeiter von Innomedica füllt in der Produktionsanlage im freiburgischen Marly das Medikament Talidox in kleinere Gefässe ab. Die Portionen werden später weiter verarbeitet.

(Bild: Iris Andermatt)

Chemotherapien haben oft gravierende Nebenwirkungen. Übelkeit und Haarsaufall sind nur die bekanntesten davon. Das Jungunternehmen Innomedica, an dem mehrere Wissenschaftler der Uni Bern beteiligt sind, entwickelt eine neue Krebstherapie, welche die Nebenwirkungen verringern und die Wirksamkeit der Medikamente erhöhen soll.

Wie das funktioniert, erfährt man in der Produktionsstätte, die in Marly im Kanton Freiburg liegt. Dort hat sich das Unternehmen im Marly Innovation Center eingemietet, einem ehemaligen Standort der inzwischen im BASF-Konzern aufgegangenen Ciba Spezialitätenchemie AG.

Medikament findet den Weg

Pascal Halbherr, Verantwortlicher Produktion, zeigt mehrere Fläschchen mit pinkfarbener Flüssigkeit. Das ist Talidox, das Produkt, in welches das Innomedica-Team seine Hoffnungen setzt. Der Name steht für «Targeted Liposomal Doxorubicin» und lässt sich einfach erklären: Das Medikament basiert auf dem ­bekannten Chemotherapiewirkstoff Doxorubicin.

Diesen verpacken die Forscher in ein Liposom, das ist eine Hülle aus Fettbestandteilen, die sich im Blutkreislauf nicht auflöst. Denn der Wirkstoff soll sich erst im Tumor entfalten. Den Weg dorthin findet das Liposom unter anderem dank den Zuckermolekülen, die auf seiner Oberfläche angebracht werden. Das Prinzip entspricht weitgehend dem der weissen Blutkörperchen in unserem Körper: Auch sie spüren Entzündungen auf und bekämpfen sie dann an Ort und Stelle. Für dieses so­genannte Targeting haben die ­Innomedica-Wissenschaftler ein Patent.

Knackpunkt Nebenwirkungen

«Wir haben das Unternehmen im Jahr 2000 ursprünglich als Finanzgesellschaft mit Sitz in Zug gegründet», sagt Mitgründer und Direktor Peter Halbherr. Er ist der Vater von Pascal Halbherr. Seit 2013 setzt Innomedica aber ganz auf die Targeting-Technologie und hat sich so in ein Pharma-Start-up umgewandelt. Ein Verkauf an einen Konzern wie Roche oder Novartis sei nicht das Ziel, betont Halbherr. Denn die grossen Pharmafirmen investieren eher in Krebsmedikamente, welche das Immunsystem stärken und so den Tumor besiegen.

Das Generikum Doxorubicin dagegen stoppt das Zellwachstum. Diese Methode ist zwar günstiger, doch bislang machten die Nebenwirkungen den Patienten zu schaffen. Dazu gehört die sogenannte Kardiotoxizität, eine bleibende Schädigung der Nerven des Herzmuskels. Das Innomedica-Team glaubt, mit seinem Targeting-System die Lösung dafür gefunden zu haben, weil der Wirkstoff erst im Tumor aktiv wird und den Körper ansonsten wenig belastet.

Die Ergebnisse aus den Tierversuchen sind vielversprechend. Falls Talidox bei Menschen ähnlich wirkt, könnten viele Patienten zu einer relativ kostengünstigen Therapie kommen: Halbherr rechnet damit, dass die Behandlung mit Talidox rund 20 000 bis 25 000 Franken pro Jahr kosten wird. Bei neuen Krebsmedikamenten der Pharmakonzerne sind es oftmals 50 000 bis 100 000 Franken im Jahr.

Ziel: Weitere Medikamente

Das zwölfköpfige Innomedica-Team strebt nun bis Ende Mai eine Kapitalerhöhung um 4,4 Millionen Franken an. Einen Grossteil des Geldes, rund 2 Millionen, will das Unternehmen in eine klinische Studie investieren. Dabei geht es unter anderem darum, festzustellen, ob und wie stark die Kardiotoxizität auftritt. «Wenn alles klappt, könnte Talidox ab Anfang 2019 als Medikament zugelassen werden», meint Peter Halbherr.

Das Heilmittelinstitut Swissmedic hat bereits ein vereinfachtes Zulassungsverfahren zugesichert, da Talidox ein bekannter Wirkstoff zugrunde liegt. Längerfristig ist geplant, aufbauend auf der Targeting-Technologie verschiedenste weitere medizinische Anwendungen anzubieten. Ein mögliches Beispiel dafür sind zielgerichtete Antibiotika, die weniger anfällig sind für eine Resistenzbildung der Bakterien.

Peter Halbherr, Mitgründer und Direktor. Bild: zvg

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt