Mit dem Computermesser gegen Tumore

Mit dem sogenannten Cyberknife, einem «Computermesser», können Mediziner Tumore präziser bestrahlen als je zuvor. Davon profitieren die Patienten, wie das Beispiel eines Prostatakrebsbetroffenen zeigt.

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Entspannt sitzt Alfred Glauser im Wartzimmer der Radioonkologie am Berner Inselspital. Angesagt ist eine Nachkontrolle. Drahtig und braun gebrannt, will der 57-jährige Solothurner nicht recht auf eine Krebsabteilung passen. Nicht weiter verwunderlich, die letzten Kontrollen waren alle in Ordnung.

So entspannt war Glauser nicht immer. Vor drei Jahren geriet seine Welt ins Wanken. Bei einem Routinecheck stellte sein Hausarzt einen erhöhten PSA-Wert fest. Die drei Buchstaben stehen für prostataspezifisches Antigen: Ist seine Konzentration im Blut zu hoch, kann das auf eine Krebserkrankung der Prostata hin­deuten.

Als sich der PSA-Wert im folgenden halben Jahr weiter erhöhte, überwies der Hausarzt seinen Patienten an einen Urologen. Der entnahm in einem kleinen Eingriff eine Gewebeprobe der Prostata. Befund: bösartiger Tumor. Obwohl Glauser noch keine Beschwerden hatte, traf ihn die Diagnose nicht ganz unvorbereitet. Er habe, erinnert er sich heute, bloss gedacht: «Jetzt hat es also auch mich erwischt.»

Krebsanfällige Prostata

Tatsächlich ist Prostatakrebs die häufigste Krebsart bei Männern: Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund 6200 neu daran. Oder mit anderen Worten: Fast 30 Prozent der Krebsdiagnosen bei Männern entfallen allein auf die Prostata. Es gibt Prostatakrebse, die sehr langsam wachsen und nicht sofort behandelt werden müssen. Andere Krebse sind aktiver und müssen bestrahlt oder operativ entfernt werden.

Denn wächst der Tumor weiter und bildet Ableger, ist eine Heilung nicht mehr möglich. Beide Therapien – Bestrahlung und Operation – haben allerdings ihre Nachteile: Bei der klassischen Bestrahlung kann gesundes Nachbargewebe geschädigt werden. Zudem ist sie zeitaufwendig, dauert sechs bis acht Wochen. Ebenfalls gefürchtet sind die möglichen Nebenwirkungen bei einer Operation: Inkontinenz und Impotenz.

«Sah mich schon in Windeln»

Auch Alfred Glauser, bei der Krebsdiagnose erst 54-jährig, riet der Urologe zu einer vollständigen Entfernung der Prostata mit den bekannten Risiken. «Eine Operation wollte ich deshalb möglichst vermeiden», sagt der Fitnessunternehmer. «Ich sah mich schon in Windeln herumlaufen.»

Also begann Glauser zu recherchieren. Was für andere Behandlungsmöglichkeiten gibts sonst noch? Wo lasse ich mich am besten behandeln? Dabei stiess er auf das robotergestützte Cyber­knife-System, mit dem das Berner Inselspital bereits etliche Erfahrungen gesammelt hat.

Dabei handelt es sich um ein Hochpräzisionsbestrahlungsgerät, das den Tumor dank integrierter Bildführung punktgenau zerstört. Im Unterschied zu den bisherigen Bestrahlungsgeräten ortet das Cyberknife während der ganzen ­Behandlung laufend in Echtzeit allfällige Bewegungen des Patienten beziehungsweise seiner Organe und passt die Bestrahlung entsprechend an.

Enorme Genauigkeit

«Die Genauigkeit des Systems liegt im Submillimeterbereich», erklärt Daniel M. Aebersold (50), Chefarzt Radioonkologie und Vorsteher des Tumorzentrums am Inselspital. Dank dieser enormen Genauigkeit wird das gesunde Nachbargewebe bei der Bestrahlung geschont, und die Nebenwirkungen werden reduziert.

Aebersold, der die Einführung des neuen Systems an vorderster Front mitgeprägt hat, sagt es so: «Die Hochpräzisionsbestrahlung bietet maximale Sicherheit – und das bei nur minimalen Behandlungsrisiken.»

Das hat auch Prostatapatient Alfred Glauser überzeugt. Bevor er sich aber am Inselspital unter das Cyberknife legen konnte, musste er verschiedene Untersuchungen über sich ergehen lassen. Denn nicht alle Prostatakrebspatienten sind für die neue Behandlungsmethode geeignet.

Ist der Tumor schon nicht mehr begrenzt und hat die Kapsel durchbrochen oder ist in die Samenblase eingewachsen, ist eine klassische Bestrahlung über mehrere Wochen oder eine Operation unumgänglich.

Ebenfalls operiert werden sollte, wenn die krankheitsbedingt vergrösserte Prostata den Harnleiter so sehr einengt, dass das Wasserlassen stark beeinträchtigt ist. Beides war bei Glauser zum Glück (noch) nicht der Fall.

Heute krebsfrei

Der neuartigen Behandlungsmethode stand also nichts mehr im Wege. In fünf Bestrahlungssitzungen zu je 35 Minuten liess er sich mit dem Cyberknife behandeln. Die Therapie war nach nur fünf aufeinanderfolgenden Tagen bereits abgeschlossen und derart nebenwirkungsarm, dass sich Glauser danach fragen musste, ob er überhaupt behandelt worden sei.

Doch das wurde er – und erst noch erfolgreich: Seit der Bestrahlung vor zweieinhalb Jahren ist er vom Krebs befreit. «Es funktioniert noch alles», sagt er dankbar. «Ich bin wirklich froh, habe ich mich zuerst informiert – und dann für diese moderne Therapie entschieden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 12:11 Uhr

Cyberknife

Auch für andere Krebsarten Die neuartige Hochpräzisionsbestrahlung mit dem Cyber­knife-System wird nicht nur bei Prostatakrebs angewendet. Sie kann zur Behandlung von gut- und bösartigen Tumoren an allen Stellen des Körpers eingesetzt werden: im Gehirn, in der Wirbelsäule, in der Lunge oder der Leber. So hat das Berner Inselspital seit Mai 2014 rund 500 Patientinnen und Patienten mit der Hochpräzisions­bestrahlung therapiert.

Spitzenreiter sind Tumoren in Gehirn und Rückenmark (366 Fälle), gefolgt von urologischen Tumoren wie der Prostata (30) und Lungentumoren (18). Gerade bei Letzteren hat sich das Cyberknife bewährt: Es passt die Bestrahlung fortlaufend an das sich durchs Atmen bewegende Organ an (was die herkömmlichen Geräte nicht können).

Daniel M. Aebersold, Vorsteher des Tumorzentrums am Inselspital: «Mit der neuen Möglichkeit, Tumoren derart hochpräzise zu bestrahlen, hat sich unser Behandlungsspektrum deutlich erweitert.»

Neben dem Inselspital gibt es in der Schweiz nur noch zwei Spitäler, die über ein Cyberknife-System verfügen: die Klinik Hirslanden in Zürich und das Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne. sae

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