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Medizinische Lachnummer

Die neue Arztserie auf SF 1 bietet nicht nur gute Unterhaltung und Nachhilfe-Unterricht in Medizin, sondern punktuell auch Anlass zur Heiterkeit - vor allem für Mediziner.

Dr. Marco Aebi sticht beherzt zu. Um seinen sterbenden Kollegen zu retten, verlangt der Herzspezialist in der ersten Folge der TV-Serie eine Adrenalin-Spritze. Die will er seinem Patienten direkt ins Herz geben. Was Dr. Aebi nicht weiss: Diese Prozedur gilt heutzutage als obsolet. Früher, als die so genannte intrakardiale Injektion im Ernstfall noch gemacht wurde, hatte jeder Arzt grössten Respekt vor dieser Behandlung. Eingedenk der hohen Komplikationsrate vergewisserte er sich zuerst sorgfältig, wo genau er stechen musste. Fernseharzt Dr. Aebi dagegen jagt die Spritze in vollem Karacho in den Brustkorb. Das sieht klasse aus – als Patientin möchte man aber lieber nicht in seine Hände fallen. (Zumindest nicht, wenn er eine Wiederbelebung für angezeigt hält.)

Im Hinblick auf ihre medizinische Wahrhaftigkeit bietet die neue Arztserie auf SF 1 nicht nur gute Unterhaltung und Nachhilfe-Unterricht in Medizin, sondern punktuell auch Anlass zur Heiterkeit. So rückständig Dr. Aebi punkto Herzinjektionen ist, so fortschrittlich ist er nämlich beispielsweise auf dem Gebiet der Beatmung. Oder ist er nur schlecht fortgebildet?

Momentan gilt bei der Wiederbelebung: 30 Herzkompressionen, 2 Atemspenden, immer im Wechsel. Tatsächlich gibt es Überlegungen, das Verhältnis zwischen Herzmassage und Beatmung von 30:2 auf 60:2 oder gar 100:2 zu vergrössern; verschiedene Studien deuten darauf hin, dass die Erfolgsraten so höher wären. Dass die TV-Ärztecrew bei der versuchten Wiederbelebung ihres Chefs aber ganz auf die Beatmung verzichtet, gibt doch zu Denken. Überhaupt ist das mit dem Wiederbeleben so eine Sache: Der normale Arzt muss glücklicherweise sehr selten reanimieren; im Fernsehen dagegen sind Thoraxkompressionen und starke Stromstösse für das Herz praktisch an der Tagesordnung.

Ist der Kardiologe Dr. Aebi für Herznotfälle nur bedingt zu empfehlen, sollte man bei Halsschmerzen um seine Kollegin Dr. Meret Frei einen grossen Bogen machen. Sie verzichtet beim Untersuchen auf das Lämpchen, wie die gestrige Folge zeigte. Wer aber jemals in den Hals eines Patienten geschaut hat, weiss: Ohne Licht herrscht dort finstere Nacht. Die TV-Allgemeinpraktikerin scheint das nicht zu stören.

Unglaublich gut ist sie hingegen, wenn es darum geht, die Ursache einer Massenvergiftung (Folge zwei, nächsten Freitag) zu finden. In der TV-Permanence sitzen an diesem Tag Dutzende von Menschen, die von schweren Bauchkrämpfen geplagt werden und sich übergeben. Würde der geschilderte Fall tatsächlich eintreten, wären die Folgen weit dramatischer. In der Realität verlaufen solche Vergiftungen (worum es sich handelt, sei hier nicht verraten) derart furchtbar, dass die Betroffenen nicht einfach im Wartezimmer sitzen und erbrechen. Winzige Mengen der Substanz genügen, und ein Betroffener hat lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen und verliert binnen kurzem das Bewusstsein.

Ausserdem fällt auf, wie viel Zeit die Ärzte der Fernseh-Permanence haben, um miteinander zu reden. Auf ihre Patienten dagegen werfen sie immer nur einen kurzen Blick oder wechseln ein paar Worte - und rennen wieder weg. Fordert der Pfleger - wie in der nächsten Folge - mit den flehenden Worten «Ich brauch jemanden» Verstärkung an, erwidert der Arzt: «Kaspar, nicht jetzt!», fast als würde er eine lästige Fliege verscheuchen.

Die TV-Konkurrenz treibts noch bunter

Das sind nur wenige Beispiele für Lachnummern aus den ersten beiden Folgen; weitere liesen sich aufzählen. Wer jedoch denkt, solche medizinischen Faux-pas seien auf die neue Schweizer Arztserie beschränkt, liegt falsch. Dafür genügt ein Blick in die «medizinischen» Konkurrenzsendungen der vergangenen Woche.

In der letzten Folge von «Grey’s Anatomy» am Montagabend beispielsweise führte die aufstrebende Jungärztin Dr. Cristina Yang eine Herzmassage bei einem frischgeborenen Baby durch. Tatsächlich schlägt ein Neugeborenen-Herz etwa 120-mal pro Minute. Dr. Yang dagegen pumpt gemächlich, mit einer Frequenz von etwa 60 pro Minute. Das würde für ein Schwein genügen, nicht aber für ein Baby. Auch wer ein Hauttransplantat braucht, geht besser nicht ins Seattle Grace Hospital. Seit der letzten Folge wissen wir, unter welchen Bedingungen kostbare Haut dort gezüchtet wird: Während der Forscher im Labor mit den fragilen Zellen hantiert, unterhält er sich mit seiner attraktiven, langhaarigen Kollegin. Beide tragen keine Mundschutzmasken, die Ärztin verzichtet sogar auf eine Kopfbedeckung und der fachkundige Zuschauer sieht förmlich, wie Bakterien im Raum herumschwirren.

Bei Dr. House hätte man auch nicht Patientin sein mögen. Kaum war die Kranke nach einem Herzstillstand mit einem kräftigen Stromstoss reanimiert, liess der Arzt die Funktion ihrer Schilddrüse testen. Dabei wird ein Hormon verabreicht. Das treibt die Drüse an und indirekt auch das Herz. Wenn die Prozedur schon unverzichtbar ist, wäre man als Patientin doch wenigstens gerne an einen EKG-Monitor angeschlossen - für den Fall, dass das Herz erneut aussetzt.

Dem Unterhaltungswert der Sendungen tut das alles keinen Abbruch. Soll eine Serie aber wirklich dazu dienen, den Ruf der Ärzte zu festigen, wie es sich die Macher von ««Tag & Nacht» wünschen, könnte man noch ein bisschen genauer auf die Details achten.

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