Zum Hauptinhalt springen

Stammzelltransplantation: «Ich würde es wieder machen»

Wir haben eine Patientin besucht, die sich der umstrittenen Behandlung unterzogen hat. Ein letzter, verzweifelter Versuch, ihre fortschreitende multiple Sklerose endlich aufzuhalten.

MS-Patientin Andrea Müller geht auch nach der Stammzelltransplantation regelmässig in die Physiotherapie. Foto: Urs Jaudas
MS-Patientin Andrea Müller geht auch nach der Stammzelltransplantation regelmässig in die Physiotherapie. Foto: Urs Jaudas

Wir treffen Andrea Müller (38) in der Physiotherapie. Immer wieder steigt sie auf einen Stepper: linkes Bein voran, rechtes Bein . . . Als ob sie eine Treppe hochgehen müsste. «Jetzt noch die Hände loslassen und das Gleichgewicht halten», sagt die Therapeutin daneben. «Sehr gut, nun kannst du absitzen.» Über das Gesicht von Andrea Müller huscht ein Lächeln.

Vor einem Jahr hatte die Schweizer Patientin noch in einem Moskauer Spital gelegen, um dort eine Stammzelltransplantation machen zu lassen. Ein letzter, verzweifelter Versuch, ihre rasch fortschreitende multiple Sklerose (MS) endlich aufzuhalten. Bei dieser Krankheit greift das Immunsystem fälschlicherweise die eigenen Nervenzellen von ­Gehirn und Rückenmark an, sodass es zu neurologischen Ausfällen kommt: Seh- und Gefühlsstörungen, Muskelverkrampfungen bis zu Lähmungen. Seit 2011 leidet Andrea Müller an primär-progredienter MS, einer besonders schweren Form der Nervenkrankheit. Innert weniger Jahre verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Zuletzt konnte sie noch gerade einmal 100 Meter gehen, immer öfter musste sie den Rollstuhl zu Hilfe nehmen. Ihren Beruf als Malerin hatte sie da längst schon aufgegeben. Auch die starke Müdigkeit, ein häufiges MS-Symptom, machte ihr zu schaffen, oft schlief sie mitten am Tag einfach ein. Am meisten sorgte sich Andrea Müller, die mit Mann und zwei Kindern (9 und 11 Jahre) in der Region von Aarau lebt, aber um die Zukunft ihrer Familie, wenn die Mutter immer weniger machen kann.

Immunsystem neu aufgebaut

Kein Wunder, suchte sie nach jedem Strohhalm, der Besserung versprach. Im Internet stiess sie dann auf die «autologe Stammzelltransplantation». Dieses Verfahren, vor allem aus der Krebstherapie bekannt, funktioniert nach einem radikalen Ansatz: Mit einer Chemotherapie wird das Immunsystem der MS-Kranken vollständig zerstört und dann mit vorgängig entnommenen, körpereigenen Stammzellen wieder aufgebaut. Das neue Immunsystem greift dann in aller Regel die Nerven nicht mehr an. Die MS ist gestoppt, die Patienten müssen keine Medikamente mehr nehmen.

Das Problem: Die Stammzelltransplantation war bisher in der Schweiz für MS nicht zugelassen. Und das, obwohl sie in verschiedenen anderen Ländern – wie etwa in Italien, Schweden, Polen oder eben Russland – bereits seit Jahren erfolgreich angewandt wird. Auch belegen mehrere ausländische Studien, dass die Stammzelltherapie bei MS wirksamer ist als selbst die besten Medikamente. Unter vielen Schweizer Neurologen wie dem bekannten Basler Ludwig Kappos ist das Verfahren trotzdem umstritten. Kritisiert wird etwa die Aussagekraft der Studien. Zudem sei MS dank immer neuer Medikamente heute gut behandelbar, ohne dass den Patienten eine derart radikale und riskante Therapie zugemutet werden müsse. Die Stammzelltransplantation könne, wenn auch in sehr seltenen Fällen, sogar zum Tod führen.

Einiges hat sich sogar verbessert: Sie kann wieder länger stehen, hat mehr Kraft und ist weniger müde.

Wahr ist aber auch: Trotz immer besseren Medikamenten kommt es bei einem Teil der meist jungen Patienten auch heute noch zu schweren Krankheitsverläufen. Dabei drohen Invalidität, Bettlägerigkeit und frühzeitiger Tod. Einen schweren Verlauf nimmt meist auch die primär-progrediente MS, an der Andrea Müller leidet. Bis Ende letzten Jahres gab es gegen diese Form auch keine Medikamente. Und der neuerdings verfügbare Wirkstoff Ocrelizumab, ein Antikörper, kann gemäss dem Berner Neurologen Andrew Chan das Fortschreiten der Krankheit nur «moderat» bremsen.

Erfolgreiche Sammelaktion

Um so sicherer ist sich Andrea Müller heute, dass sie das Richtige getan hat. Bevor sie nach Russland reisen konnte, musste sie allerdings das nötige Geld für die Behandlung zusammenbringen. Denn weil die Therapie hierzulande noch nicht zugelassen war, hatte sie die Kosten von rund 50'000 US-Dollar selbst zu tragen. Kein Pappenstiel für eine junge Familie wie die Müllers.

Dank einer Sammelaktion im Internet (Crowdfunding), über die verschiedenen Medien berichteten, klappte es aber ohne Probleme. Innert dreier Monate war das Geld beisammen. Über 500 Spenderinnen und Spender liess das Schicksal der MS-kranken Andrea Müller nicht kalt. «Dass so viele Leute mir diese Chance ermöglicht haben, war natürlich ein grosser Aufsteller», sagt sie heute dankbar. Das habe ihr auch geholfen, die Strapazen von Chemotherapie und Transplantation besser zu ertragen. Die einmonatige Behandlung im fernen Moskau sei nämlich eine wahre «Rosskur» gewesen. Geblieben sind ihr aber vor allem die schönen Momente: die menschliche Betreuung und der persönliche Kontakt zum behandelnden Arzt Denis Fedorenko. Der russische Hämatologe ist spezialisiert auf Stammzelltransplantionen und behandelt pro ­Woche bis zu fünf MS-Patienten aus ­aller Welt.

«Immer dranbleiben»

«Die Arme heben!», heisst es dann wieder im Therapieraum. «Und die Schultern kreisen.» Sanft unterstützt die Physiotherapeutin ihre Patientin. Die bewegt die kleinen Hanteln mit sicht­lichem Stolz. Zweimal pro Woche geht Andrea Müller in die Physiotherapie und regelmässig auch ins Yoga. «Man muss weitermachen und immer dranbleiben», sagt sie kämpferisch.

Dass die Schäden, die die MS an ihrem Nervensystem bereits angerichtet hat, auch mit der Stammzelltransplantation nicht wieder rückgängig gemacht werden können – das hat sie gewusst. Aber sie ist überzeugt, dass die Krankheit seit der Behandlung zum Stillstand gekommen ist. Das habe auch eine Magnetresonanztomografie von Gehirn und Rückenmark gezeigt, die später in der Schweiz gemacht wurde. Ja, einige Fähigkeiten hätten sich sogar verbessert: Sie kann wieder länger stehen, hat mehr Kraft, ist weniger müde.

«Ich würde es wieder machen», sagt Andrea Müller denn auch. «Schade ist nur, dass ich nicht schon früher von ­dieser Therapie gewusst habe.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch