Haben Sie einen «ökologischen Fussabdruck»?

Leser fragen

Heute kann jeder seinen «ökologischen Fussabdruck» im Internet berechnen. Doch wer diesem Trend folgt, wird sich künftig ständig um alles Sorgen machen und darob vergessen, das Leben zu geniessen.

Peter Schneider@PSPresseschau

Wissen Sie, wie gross Ihr ökologischer Fussabdruck ist? F. J.

Lieber Herr J. Nein. Und ich habe auch nicht die Absicht, das herauszufinden. Der «ökologische Fussabdruck» scheint mir so etwas wie die Ökovariante der allgegenwärtigen Rechnung geworden zu sein, was ein Individuum die Gesellschaft kostet: Sie essen Zucker? Macht x Franken unnötige Gesundheitskosten. Sie bewegen sich zu wenig? Kostet uns alle pro Jahr soundsoviel. Was gut gemeint ist, verdichtet sich zum Netz einer Moral, die keinen Lebensbereich mehr auslässt: Was immer wir tun oder lassen, wird zu einer moralischen Entscheidung. Der Alltag wird zu einem Dschungel fortwährender Versuchungen, denen wir zu widerstehen haben. Der Mensch verwandelt sich vom politischen Erdenbürger zu einem ungebetenen Gast auf diesem Planeten, der bei allem, was er tut, seine Existenz vor der Natur erst zu rechtfertigen hat.

Der Ökologiediskurs – auf der rechten Seite schon in den 80er-Jahren von der Nationalen Aktion geführt, nun von Ecopop und SVP mit der Zuwanderungsdebatte kurzgeschlossen – erlaubt es, die Frage nach einer gerechten sozialen Ordnung durch den Verweis auf eine unumstössliche Naturordnung zu desartikulieren. Die Natur spricht das letzte Machtwort. Statt der Eigentumsverhältnisse wird die Grösse des ökologischen Fussabdrucks thematisiert. Wenn die Menschheit als Krankheit des Planeten definiert wird, welche sich wider die natürliche Ordnung auflehnt und ihren Untergang eigentlich verdient hätte – mit welchem Recht lassen sich dann noch Menschenrechte gegen die unerbittlichen Gesetze der Natur verteidigen?

Ich plädiere keineswegs dafür, im Umgang mit den Ressourcen die Sau rauszulassen, und ich habe auch nicht vor, das Heraufdämmern einer Ökodiktatur heraufzubeschwören und einen möglichst hohen Spritverbrauch zum Akt politischen Widerstands zu verklären. Ich befürworte es sehr, den profitablen Gratisverbrauch von Gemeingut wie Luft und Wasser zugunsten der Allgemeinheit zu besteuern. Aber ich wehre mich gegen die Moralisierung der Politik durch die Ökologie. Von konservativer Seite hat Arnold Gehlen in den 60er-Jahren eine solche Neigung als Tendenz zur «Moralhypertrophie» oder «Hypermoral» bezeichnet. Durch die Abschaffung Gottes sei es dem Menschen nun selbst auferlegt, die Verantwortung für die Menschheit und die Welt zu übernehmen. Eine edle Aufgabe, die ihn jedoch überfordert, wenn sie nicht institutionell abgefedert ist, sondern sich als Last auf jede einzelne Schulter legt. Ökologisch ausgedrückt: Was nützt es uns, wenn die Luft immer sauberer wird, aber wir sie unter diesem Druck kaum mehr atmen können? (Ich weiss, ich übertreibe.)

Tages-Anzeiger

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