Fledermäuse – die fliegende Gefahr?

Anfang August hat eine infizierte Fledermaus in ­Neuenburg einen Mann gebissen. Das sei kein Alarmzeichen dafür, dass die Virus­erkrankung bei anderen Tieren zurückkehre, sagt der Leiter der Schweizerischen Tollwutzentrale.

Biss im Neuenburgischen zu: Tollwütige Breitflügel-Fledermaus.

Biss im Neuenburgischen zu: Tollwütige Breitflügel-Fledermaus.

(Bild: zvg)

Herr Zanoni, müssen wir nach dem Neuenburger Fall wieder Angst haben vor der Tollwut?Reto Zanoni:Nein. An der Gefahrenlage hat sich dadurch nichts geändert.

Aber in der Schweiz galt die Tollwut doch als ausgerottet?Das ist richtig und gilt immer noch für die Fuchstollwut. Bei Fledermäusen dagegen hatten wir vor fünfzehn Jahren letztmals einen Tollwutfall – damals war im Kanton Genf eine Wasserfledermaus betroffen. Tollwut bei Fledermäusen ist also immer noch möglich, wenn auch sehr selten.

«Die Übertragungswege der Fledermaustollwut unterscheiden sich von denen der Fuchstollwut.»Reto Zanoni, Leiter Schweizerische Tollwutzentrale in Bern

Tollwut bei Fledermäusen und Füchsen: Ist das denn nicht dasselbe?Nein, das sind quasi zwei Paar Schuhe. Epidemiologie, Übertragungswege und Übertragungszyklen der Fledermaustollwut unterscheiden sich von denen der Fuchstollwut. So kann zum Beispiel die Übertragung von der Fledermaus auf Füchse, Hunde oder Katzen praktisch ausgeschlossen werden.

«Unveränderte Gefahrenlage»: Tollwutexperte Reto Zanoni. Bild: Beat Mathys

Sind für den Menschen aber ­beide Tollwutarten gleich gefährlich?Durchaus. Kommt ein Mensch in Kontakt mit dem Virus – sei es über eine Fledermaus oder ein anderes Säugetier –, dann ist das sein Todesurteil, falls die Krankheit ausbricht. Nur eine vorgängig gemachte Impfung oder eine möglichst bald nach dem Kontaktereignis einsetzende Impfbehandlung können davor schützen. Ohne diese Impfungen ist die Gefahr gross, dass das Tollwut­virus innerhalb von ein bis drei Monaten ins Gehirn gelangt. Und dann kommt jede Hilfe zu spät.

Bei dieser Gefährlichkeit überrascht Ihre Gelassenheit.Als Fachmann schätze ich die Restrisikosituation als unver­ändert ein. Wie bereits angetönt: Dieser Tollwutfall in Neuenburg ist absolut kein Hinweis darauf, dass wir vor einer erneuten Ausbreitung der Tollwut stehen. Auf eine erkrankte Fledermaus zu stossen, ist sehr selten. Und von einer gebissen zu werden, sogar extrem selten. Aber noch entscheidender ist: Von Fledermäusen – bei denen das Virus auf sehr niedrigem Niveau zirkuliert – kann sich die Tollwut aufgrund der Übertragungsweise und der ganzen Epidemiologie kaum weiter ausbreiten. Das war in den 1970er-Jahren bei der Fuchstollwut ganz anders.

Wie war es dann damals?Damals grassierte die Tollwut unter den Füchsen. Diese Form der Tollwut verbreitet sich sehr rasch und kann auch leicht auf Haustiere überspringen. So starben 1977 in der Schweiz drei Menschen an Tollwut – einmal war das Überträgertier eine Katze, einmal ein Rind und einmal ein Hund. Ein Jahr darauf begannen dann die «Hühnerkopf-Impfungen»: Man legte in einer weltweit erstmaligen Aktion Hühnerköpfe aus, die mit dem Impfstoff präpariert worden waren. Das Ziel: Die hiesige Fuchspopulation gegen Tollwut immunisieren. In den folgenden gut zwanzig Jahren ist das auch gelungen. Ein grosser Erfolg! Seit 1999 gilt die Schweiz offiziell als fuchstollwutfrei. Hier bei uns stellt ein Fuchsbiss heute kein Tollwutrisiko mehr dar – dies im Gegensatz zu einem Biss von einem unbekannten Hund.

Das müssen Sie erklären.Das Problem ist die illegale Einfuhr von Haustieren, zum Beispiel aus Osteuropa. In solchen Fällen wurden die Vorgaben nicht eingehalten, die eine Einschleppung der Tollwut aus Risikoländern verhindern können. Diesen Ländern gemeinsam ist, dass dort vor allem die Hunde oft nicht geimpft werden.

Bei Fledermäusen wie der von Neuenburg lässt sich die Impfpflicht kaum durchsetzen . . .Das ist auch nicht nötig. Dazu sind solche Fälle zu selten und wegen ihrer unterschiedlichen Epidemiologie kein Grund zu übertriebener Sorge. Wer trotzdem einmal von einer Fledermaus gebissen wird, muss aber unverzüglich einen Arzt oder ein Spital aufsuchen. Das ist eine sehr ernste Sache.

Prof. Reto Zanoni (60),ursprünglich Tierarzt, leitet seit 1989 die Schweizerische Tollwutzentrale in Bern.

Berner Zeitung

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