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Jetzt droht Europa auch noch eine Antibiotika-Knappheit

Das Medikament wird in China und Indien knapp und darf nicht ausgeführt werden. Für europäische Patientinnen kann das fatale Folgen haben.

Möglicher Engpass: Auf Menschen mit einem bakteriellen Infekt könnte, durch einen Medikamentenmangel, eine kritische Zeit zukommen. Foto: laif
Möglicher Engpass: Auf Menschen mit einem bakteriellen Infekt könnte, durch einen Medikamentenmangel, eine kritische Zeit zukommen. Foto: laif

Indien hat den Export von bestimmten Medikamentenwirkstoffen «bis auf weiteres» gestoppt. Darunter sind das gängige Schmerz- und Fiebermittel Paracetamol, Grundstoffe für ­einige Antibiotika sowie die Vitamine B1, B6, B12. Das Dekret datiert vom 3. März und gilt per sofort.

Der Grund für den Exportstopp: In ­Indien werden die Medikamente knapp, denn die indischen Herstellerinnen sind zum Grossteil von Zuliefererinnen aus China abhängig. Von dort aber kommen keine Lieferungen mehr an, weil wegen der Coronavirus-Epidemie die Fabriken während Wochen geschlossen waren.

Die chinesische Produktion zieht zwar langsam wieder an. Aber auch ­China hat laut Branchenkennerinnen grosse Produzentinnen angewiesen, einzelne Wirkstoffe nur reduziert zu exportieren. Denn natürlich gehen auch dort die Medikamente aus. In ­Notzeiten schauen die Staaten zunächst für sich.

Im Westen sind die Engpässe noch nicht akut. Die Pharmaherstellerinnen hier beziehen zwar den Grossteil ihrer Wirkstoffe aus China und Indien. Aber noch treffen bei ihnen die Lieferungen ein, die im Januar in Asien vor dem Corona-Ausbruch verschifft wurden. In Europa kommt der Lieferstopp deswegen stark zeitverzögert erst in den nächsten Wochen an. Wenn das der Fall ist, dann geht es auch für hiesige Produzentinnen ans Eingemachte – und sie müssen auf ihre Vorräte zurückgreifen.

Wie lange die Lager der Pharmafirmen reichen, hängt von ihrem Warenumschlag ab. In der Regel haben sie Wirkstoffe für zwei bis sechs Monate vorrätig. Insiderinnen rechnen mit ­möglichen Engpässen in Europa im Spätsommer – dann, wenn die Lager leer sind und keine Wirkstoffimporte mehr eintreffen.

Corona-Krise hilft bei Lobbyarbeit gegen eine Gesetzesänderung

Für Patientinnen mit einem bakteriellen Infekt im Magen-Darm-, Hals-, Mund- oder Vaginalbereich könnten damit die Medikamente knapp werden. Denn der Exportbann trifft mit dem Wirkstoff Metronidazol eines der wichtigsten Antibiotika. Die indische Liste ist zwar nicht lang, aber sie zielt auf die wesentlichen Substanzen.

Für betroffene Patientinnen könnte das fatale Folgen haben. Wer unter einer bakteriellen Infektionskrankheit leidet und nicht auf ein Antibiotikum zurückgreifen kann, stirbt im schlimmsten Fall an einer Infektion.

Die Schweizer Generikaherstellerin Streuli, die unter anderem Paracetamol-Tabletten produziert, erwartet zwar, dass es für sie selbst keine spürbaren Engpässe gibt. «Denn wir haben Wirkstofflager für sechs Monate», sagt Firmenchefin Claudia Streuli. Dennoch ist sie gerade dabei abzuklären, ob es andere Lieferantinnen in ­Europa gibt. «Das aber bedeutet, dass Generika nicht zum Billigstpreis zu ­haben sein können.»

Das ist genau das Thema des Verbands Intergenerika. Er will schon seit langem das Billigstprinzip bei Nachahmermedikamenten verhindern. Denn bei ihnen spielt der Wettbewerb, weil der Patentschutz bei diesen Mitteln ­abgelaufen ist und sie deshalb von verschiedenen Herstellerinnen angeboten werden können. Nun hilft die Corona-Krise­ Intergenerika bei der Lobbyarbeit gegen eine entsprechend Gesetzesänderung. «Das unsichtbare Virus legt nun offen, wie abhängig wir von Lieferungen aus China schon jetzt sind», sagt Intergenerika-Chef Axel Müller. ­Woher die Wirkstoffe kommen, sei allein eine Preisfrage. Sie könnten auch gut in Europa hergestellt werden. Dramatisch wird es, wenn es nun noch mehr Grundmedikamente wie Antibiotika oder Vitamine trifft.»

Exportstopp würde in der Schweiz nur das Symptom bekämpfen

Zum drastischen Mittel eines Exportverbots könnte auch die Schweiz ­greifen. In einigen EU-Staaten ist Grosshändlerinnen der Export von Medikamenten schon jetzt verboten, wenn ­diese im eigenen Land knapp sind. Auch ohne Corona-Krise war das schon der Fall, weil es ohnehin immer wieder zu Lieferschwierigkeiten kommt.

In der Schweiz preschte der Verband der Apothekerinnen im Dezember vor und forderte als erstes eine gesetzliche Grundlage, um bei Engpässen einen solchen Ausfuhrstopp verhängen zu können. Das Bundesamt für Gesundheit schliesst das nicht aus. Es fasst eine ganze Reihe von möglichen Massnahmen gegen die chronischen Liefer­engpässe ins Auge.

Die Corona-Krise dürfte dies nun beflügeln. Ein Exportstopp allein würde in der Schweiz allerdings, anders als in China und auch in Indien, nur das ­Symptom bekämpfen und nichts an der Ursache ändern.

Hinweis:

Dieser Artikel erschien zuerst am 8. März, dem Weltfrauentag. Aus diesem Anlass verwenden wir darin – wo immer möglich – statt des generischen Maskulinums das generische Femininum. Zum Beispiel: Patientinnen statt Patienten.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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