«Erschöpfungsdepressionen werden häufiger»

Die Pläne des Bundesrats, den Zugang zu Psychotherapien zu erleichtern, haben Kritik von rechts ausgelöst. Heidi Aeschlimann vom Berufsverband für angewandte Psychologie nimmt Stellung.

Gemäss dem Bund sollten doppelt so viele Schweizer psychologische Hilfe bekommen als heute: Psychiater im Gespräch mit einer Patienten. (Symbolbild)

Gemäss dem Bund sollten doppelt so viele Schweizer psychologische Hilfe bekommen als heute: Psychiater im Gespräch mit einer Patienten. (Symbolbild)

Frau Aeschlimann, rechte Politiker sind dagegen, dass Patienten der Weg zu Psychologen erleichtert wird. Nationalrat Jürg Stahl (SVP) sagte, man könne die Bevölkerung auch «künstlich krank machen» ... Die psychischen Krankheiten werden damit einmal mehr stigmatisiert: Ein Krebsleiden gilt als «erlaubte» Krankheit und wird behandelt. Eine psychische Erkrankung jedoch nicht. Sie wird von vielen Zeitgenossen noch immer als Makel angeschaut – so, als könnte der Betroffene gesund sein und normal funktionieren, wenn er nur wollte.

Laut dem Nationalen Gesundheitsbericht gehen pro Jahr etwa fünf Prozent der Bevölkerung zur Psychotherapie – doch zehn Prozent hätten es eigentlich nötig. Wie werden solche Zahlen ermittelt? Es gibt aufwendige epidemiologische Studien, wie zum Beispiel von der World Health Organization, in denen die Wahrscheinlichkeit von psychischen Störungen erhoben wird. Der Wert von zehn Prozent taucht dabei immer wieder auf und ist in der Vergangenheit auch empirisch bestätigt worden.

Um welche Art von Problemen handelt es sich dabei vorrangig? Depressionen und Angststörungen sind in unserer Zeit vorherrschend. Die WHO stellt fest, dass Depressionen die Krankheit Nummer eins sein werden. Akute Belastungsreaktionen, die zu einem Burn-out (siehe Link-Hinweis) führen, also Erschöpfungsdepressionen, werden häufiger.

Laut dem Bundesamt für Gesundheit wird auch abgeklärt, ob Patienten ohne Überweisung direkt zu einem Psychologen gehen dürfen. Könnte ein vertrauter Hausarzt nicht als «Filter» bei der Entscheidung dienen, ob wirklich eine Behandlung nötig ist? Nicht unbedingt. Die Einschätzung von psychischen Störungen verlangt spezifisches Wissen und klinische Erfahrung. Nur wer diesen Rucksack mitbringt, ist in der Lage, eine seriöse Diagnose zu stellen.

Fachleute sagen eine Kostensteigerung voraus, falls die Pläne realisiert werden: Hunderte Millionen Franken ... ... das ist eine einseitige Sichtweise. Ich bleibe dabei, dass die psychologische Psychotherapie die Ausgaben im Gesundheitswesen letztlich senkt. Allein das Burn-out-Syndrom verursacht enorme Kosten für die Gesellschaft: Arbeitsunfähigkeit, medikamentöse Behandlungen, Umschulungen und so weiter. Eine gute Prävention und seriöse Psychotherapien helfen da mehr, als sie kosten.

In einer Stellungnahme hat Santésuisse geäussert, dass viele Störungen keine Behandlung erfordern. Wie sehen Sie das? Das ist keine qualifizierte Aussage. Entweder hat eine Störung «Krankheitswert» oder eben nicht. Und falls ja, kann und sollte sie behandelt werden. Den Krankheitswert kann man sich als Ausmass des Leidensdrucks vorstellen – in Gestalt von Essstörungen, Schlafproblemen oder dem Verlust der Arbeitsfähigkeit.

Wie stellt man so etwas zuverlässig fest? Zum Beispiel mit der Symptom-Checkliste 90 R: 90 kurze Fragen, die in zehn Minuten beantwortet werden können. Zusammen mit der Selbsteinschätzung des Patienten und der klinischen Beurteilung durch den Psychotherapeuten entsteht da eine solide Diagnose.

Wie liessen sich unnötige Behandlungen vermeiden, etwa bei Menschen mit normalen emotionalen Problemen, die sie selbst in den Griff bekommen könnten? Die Psychotherapeuten, die eine Indikationsstellung vornehmen, müssen auch klinisch gut ausgebildet sein – und rechtlich in der Pflicht stehen, solide und seriös zu arbeiten.

Die Praxen von Kinder- und Jugendtherapeuten sind schon heute übervoll. Kündigt sich da ein Langzeitproblem an? Das könnte sich tatsächlich so entwickeln. Das Durchschnittsalter der Psychiater ist bei uns mit 57,5 Jahren recht hoch. Sie verdienen wenig, und weil psychische Krankheiten immer noch stigmatisiert sind, gibt es in diesem Beruf ein Nachwuchsproblem.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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