Eine Anatomie des Schreis

Schreie sollen uns warnen und aufrütteln. Jetzt haben Forscher herausgefunden, was genau uns in Alarmbereitschaft versetzt. Weckerhersteller nutzen diese Besonderheit bereits.

«Aaahhh!» Die schwingenden Frequenzen des Schreis versetzen uns in Alarmbereitschaft.

«Aaahhh!» Die schwingenden Frequenzen des Schreis versetzen uns in Alarmbereitschaft. Bild: Fotolia

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Hat sie gesprochen, gerufen oder geschrien? Jeder des Hörens mächtige Mensch kann sich die Eigenarten dieser drei Formen der Lautäusserung ziemlich genau vorstellen – ohne jedoch sagen zu können, was genau das Sprechen, das Rufen und das Schreien jeweils voneinander unterscheidet.

Doch zum Glück gibt es für ­solche Fragen Forscher wie den Psychologen David Poeppel, der am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main die neurowissenschaftliche Abteilung leitet. Gemeinsam mit Fachkollegen der Universitäten New York und Genf ist dem Sprachverständnisforscher nun erstmals der Nachweis gelungen, was genau Schreie so einzigartig unter den menschlichen Lauten macht.

Überlebensnotwendig

Diese Einzigartigkeit gestattet es uns Menschen, aus dem Schrei ohne jedes Nachdenken enorm wichtige, womöglich lebensentscheidende Informationen herauszuhören. Jemand, der diese Fähigkeit nicht besitzt, dürfte im Laufe der Menschheitsgeschichte früh das Zeitliche gesegnet haben. Für ihn oder sie war höchstwahrscheinlich schon sehr früh im Leben ein missverstandener Alarmruf sozusagen der letzte Schrei.

In einer Studie hat das inter­nationale Team von Neurowissenschaftern kürzlich herausgefunden, dass Schreie ganz be­sondere akustische Eigenschaften besitzen: «Jeder kennt Schreie, und jeder hat eine un­gefähre Vorstellung davon, was Schreie ausmacht», sagt Poeppel. «Sie sind laut, hoch und schrill.» Doch das allein reiche nicht aus. Schreie könnten zwar wie andere Laute hoch und laut sein, be­sässen darüber hinaus aber noch eine einzigartige Modulation, die sie von anderen Lauten unterscheide, so Poeppel.

In mehreren Studien, die nun in der Fachzeitschrift «Current Biology» erschienen, gelangten die Forscher zu einem Ergebnis, das Poeppel so umreisst: «Schreie haben ein Merkmal, das als Rauigkeit bezeichnet wird.»

Laute klingen dann rau, wenn sich ihre Amplitude – also die Schwingungsweite der Schallwellen – oder ihre Frequenz (salopp gesagt: ihre Schwingungshäufigkeit) so rasch ändert, dass unser Gehör diese Veränderungen nicht mehr auflösen, also heraushören kann.

Während normale Sprache eine Modulationsfrequenz von etwa 4 bis 5 Hertz habe, weise Rauigkeit Frequenzwechsel zwischen 30 und 150 Hertz auf – wobei ein Hertz für eine Schwingung pro Sekunde steht. «Die zeitlichen Veränderungen sind also wesentlich schneller», merkt Poeppel an. Umgangssprachlich ausgedrückt: Schreie haben etwas sehr Unruhiges an sich. Nicht umsonst beunruhigen sie den, der sie vernimmt.

Wecker «schreien» auch

Für eine ihrer Studien erstellten die Forscher eine Geräuschdatenbank. Sie fütterten diese mit unterschiedlichsten menschlichen Lauten, darunter diverse Schreie und gesprochene Sätze, aber auch mit künstlich erzeugten Geräuschen wie den Alarm­tönen eines Weckers. So erkannten sie, dass sowohl Schreie als auch Alarmsignale von Weckern in den Frequenzbereich der Rauigkeit fallen (30–150 Hertz). Daraus folgt, dass Weckerhersteller die akustischen Eigenarten eines menschlichen Schreies mit ihren Alarmtönen sehr gut nachempfinden.

Auch Laborexperimente des Forscherteams konnten die Rauigkeitsannahme stützen. Dabei wurden gezielt geschriene Sätze (zum Beispiel «Direkt hinter dir!»), Schreie ohne konkrete Bedeutung («aaahhh») sowie normal gesprochene Sätze aufgezeichnet, und zwar jeweils von Männern und von Frauen.

Auch hier erwies sich, dass Schreie und geschriene Sätze in den Frequenzbereich der Rauigkeit fallen, andere Menschenlaute jedoch nicht. Zudem beurteilten Testpersonen Schreie und Alarmgeräusche als umso beängstigender, je deutlicher ihre akustische Rauigkeit war – mit der Folge, dass sehr alarmierende Laute und Klänge ein wichtiges Angstzen­trum des Gehirns, nämlich die beiden Mandelkerne (Amygdalae), in besonderem Masse reizen.

«Akustische Nische»

Laut Poeppel zeigen die Studienergebnisse «im Ganzen, dass Schreie eine bevorzugte akustische Nische belegen». Genau das stelle ihre biologische und letztlich ihre soziale Wirkung sicher. «Wir schreien nur, wenn wir müssen» – und genau so, wie es zweckmässig ist. Auch wenn wir einem schreienden Mitmenschen zurufen, er möge «doch nicht so schreien», müssten wir dem Schreihals aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich dankbar für seine klare Lautäusserung sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 12:23 Uhr

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