Du riechst heute aber fruchtbar

Männer sind sich überraschend einig darin, welche Frauen einen anziehenden Duft verströmen. Eine Studie zeigt, woran das liegen könnte.

Berauschende Wirkung: Karoline Herfurth und Ben Whishaw in der Bestseller-Verfilmung «Das Parfüm». Foto: Jürgen Olczyk (Keystone)

Berauschende Wirkung: Karoline Herfurth und Ben Whishaw in der Bestseller-Verfilmung «Das Parfüm». Foto: Jürgen Olczyk (Keystone)

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Die Männer waren sich einig. Probandin N. roch sehr verführerisch, ebenso Probandin F. Auch weitere Studienteilnehmerinnen fanden die Männer anziehend, von anderen waren sie ­weniger begeistert. Warum wir wen begehrenswert finden, ist eine Frage, die nicht nur Menschen, sondern auch die Forschung seit langem umtreibt. In einer neuen Studie wollte ein Team der Universität Bern herausfinden, ob der natürliche Geruch von Frauen auf alle Männer gleich wirkt. Und falls ja, was ­besonders gut duftende Frauen gemeinsam haben.

«Wir waren überrascht, wie übereinstimmend die Einschätzungen ausfielen», sagt Studienleiterin Daria Knoch, Sozial­psychologin und Neurowissenschaftlerin an der Universität Bern. Die Männer hätten alle die gleichen Frauen bevorzugt.

Direkter Draht in die Gefühlswelt

Für die Studie baten die Forscher 57 Männer ins Labor. Sie sollten an Wattepads schnüffeln, die 28 Frauen über Nacht in den Achselhöhlen getragen hatten. Die Pads rochen nicht nach Schweiss, sondern hatten den körpereigenen Geruch der Probandinnen angenommen. Die Frauen mussten sich zuvor an strikte Regeln halten. Sie wuschen sich und ihre Wäsche mit geruchsneutraler Seife, durften gewisse Dinge nicht essen und trinken, keine Medikamente nehmen und mit niemandem das Bett teilen. Die Frauen waren zwischen 17 und 40 Jahre alt und in der gleichen Phase ihres monatlichen Zyklus, nämlich kurz vor dem Eisprung.

Um herauszufinden, warum die Männer gewissen Frauen klar den Vorzug gaben, überprüfte das Berner Team verschiedene Hormonspiegel der Testpersonen. Ist eine Frau kurz vor dem Eisprung, produziert ihr Körper viel vom Geschlechtshormon Östrogen. Gleichzeitig ist der Spiegel des Hormons Progesteron, das in der zweiten Zyklushälfte eine wichtige Rolle spielt, tief. Auffällig fanden die Forscher, dass jene Frauen, die im Urteil der Männer am besten dufteten, die höchsten Ös­trogen- und die tiefsten Progesteronwerte hatten. Diese Kombination sorgt am zuverlässigsten für einen Eisprung und signalisiert deshalb Fruchtbarkeit.

Viele Menschen achten im Alltag wenig auf ihren Geruchssinn. Dabei hat der einen direkten Draht in unsere Gefühlswelt. ­Jeder hat schon einmal erlebt, wie ein Duft plötzlich Erinnerungen ganz nahe bringt, die man längst vergessen glaubte. «Das liegt daran, wie wir die Geruchssignale im Hirn verarbeiten», sagt Hans Hatt, Biologe, Arzt und Geruchsspezialist von der Ruhr-Universität Bochum. Von der Nase gehen die Informationen in den Riechkolben im Gehirn und von dort ohne Umweg ins Emotionszentrum. Bei der Verarbeitung akustischer oder visueller Eindrücke sind die Wege länger.

Die Forschungsgruppe um Hans Hatt konnte in der Vergangenheit zeigen, dass wir nicht nur mit unserer Nase riechen, sondern am ganzen Körper Duftrezeptoren haben. Wie jemand riecht, ­registriert man also auch, wenn man sich die Nase zuhält. Dass Körpergerüche nicht nur bei der Partnerwahl, sondern allgemein im Zwischenmenschlichen entscheidend sind, zeigt sich schon in unserer Sprache. Mögen wir jemanden nicht, können wir ihn nicht riechen.

Es hat schon verschiedene Studien zur Frage gegeben, wann und warum Männer für Frauen und Frauen für Männer anziehend duften. Dass die Fruchtbarkeit dabei eine Rolle spielt, ist nicht neu. Die Berner Studie zeigt nun aber, dass nicht alle fruchtbaren Frauen im Urteil der Männer gleich gut riechen, sondern eben jene am besten duften, die scheinbar am fruchtbarsten sind.

Frauen sind mit ihrem Liebesleben zufriedener, wenn sich ihr Mann immunologisch stark von ihnen unterscheidet.

Um herauszufinden, woran das liegen könnte, überprüfte Daria Knochs Team verschiedene Werte. Sie schauten sich nicht nur die weiblichen Geschlechts­hormone genauer an, sondern auch die Spiegel des Stress­hormons Cortisol, den Testo­steronwert der Frauen und ihr sogenanntes HLA-Profil. Keiner dieser Werte zeigte deutliche Hinweise.

Das HLA-Profil ist eine Gruppe von Genen, die für das Funktionieren des Immunsystems wichtig sind. Tiere paaren sich vorzugsweise mit Artgenossen, ­deren Immunsystem sich möglichst vom eigenen unterscheidet. So sollen robuste Nachkommen entstehen. Eine wichtige Frage der Duftforschung lautet deshalb, ob Menschen sich bei der Partnerwahl auch von diesen Vorlieben leiten lassen.

Verschiedene Wissenschaftler haben schon Hinweise darauf gefunden, dass sich vor allem Frauen einen Partner aussuchen, dessen Immunprofil sich möglichst von dem ihren unterscheidet. Das zeigte beispielsweise eine Studie der Universität Dresden vor zwei Jahren, an der 254 Paare teilnahmen. Vor allem die Frauen waren mit ihrem Liebesleben zufriedener, wenn sich ihr Mann immunologisch stark von ihnen unterschied.

Wie die Hormone den Duft beeinflussen, ist unklar

Aus der Fachwelt erhält die neue Berner Studie gemischte Reaktionen. «Die Studie kann nicht beweisen, dass es tatsächlich an den weiblichen Hormonen liegt», sagt Geruchsforscher Hatt. Zwar sei dieser Zusammenhang plausibel, doch einen Kausalzusammenhang könne man mit den bestehenden Daten nicht herstellen. Das heisst, die Forscher konnten zwar messen, dass die am besten riechenden Frauen die höchsten Östrogen- und niedrigsten Progesteronwerte hatten. Doch niemand weiss, ob das eine das andere ursächlich bedingt.

Das liegt auch daran, dass wir noch viel zu wenig darüber wissen, wie der körpereigene Geruch der Menschen tatsächlich entsteht. Klar ist, dass ihn viele Faktoren wie Lebensmittel, Stress, Alkohol oder Medikamente beeinflussen können. Wie jedoch genau die Hormone auf das Körperparfüm einwirken, weiss man noch nicht.

«Das ist eine interessante Studie», sagt Claus Wedekind, Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher von der Universität Lausanne. «Dass es allein der Spiegel der Geschlechtshormone ist, der für Attraktivität sorgt, würde ich allerdings bezweifeln.» Wedekind untersuchte in den 1990er-Jahren, welche Düfte Frauen bei Männern anziehend finden, und fand ebenfalls Hinweise darauf, dass das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Heute forscht er vor allem mit Pferden an solchen Fragen.

Falls die Geschlechtshormone bei der Partnerwahl tatsächlich eine Rolle spielen, wie wirkt sich dann die Einnahme der Pille aus?

Kürzlich kritisierte Wedekind eine Studie des Berner Teams, bei der es um die Frage ging, wie Männer den Geruch von Frauen einschätzen. Einer von Wedekinds Hauptkritikpunkten waren die fehlenden Achselhaare der Testpersonen. Der Geruch des Immunprofils verbreite sich vor allem über die Haare, doch die hätten heute die meisten Frauen, einschliesslich der damaligen Probandinnen, einige Tage zuvor abrasiert.

Wenn es um Duft und Lust geht, fällt häufig auch das Stichwort Pheromone. Im Tierreich spielen Pheromone als Signalstoffe bei allem Möglichen eine wichtige Rolle. Säugetiere haben dafür ein spezielles Geruchsorgan, das Vomeronasale Organ. Beim Menschen ist dieses Organ aber verkümmert. Das Team von Geruchsforscher Hatt konnte bereits nachweisen, dass Menschen Pheromone wahrnehmen können, allerdings keine, die für den Lustbereich zuständig sind.

Auf jeden Fall stellen sich interessante Anschlussfragen. Falls die Geschlechtshormone bei der Partnerwahl tatsächlich eine Rolle spielen, wie wirkt sich dann die Einnahme der Pille aus? Oder was passiert mit Frauen, die in den Wechseljahren östrogen­haltige Cremes benützen? Und was geschieht in den restlichen drei Wochen des Zyklus, wenn die Hormone keine Fruchtbarkeit signalisieren? Sind dann andere Einflussfaktoren auf den Körpergeruch dominanter? Und wie funktioniert die Anziehung bei Homosexuellen?

Im realen Leben spielen sowieso noch andere Faktoren bei der Partnerwahl eine Rolle. Die Männer in der Berner Studie hatten keinerlei Informationen von den Probandinnen ausser deren Geruch. Sie wussten nichts über die Persönlichkeit der Frauen oder darüber, wie sie aussehen, wie ihre Stimmen klingen, wofür sie sich interessieren und was ihnen im Leben wichtig ist – ­alles nicht ganz unwichtige Dinge in einer Beziehung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 20:49 Uhr

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