Blindes Vertrauen kann ungesund sein

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer warnt vor blindem Vertrauen in medizinische Empfehlungen. Basierten diese auf Manipulation oder falschen Risikoeinschätzungen, gefährdeten sie die Gesundheit. Besser sei, man mache sich selber schlau.

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Gerd Gigerenzer sprach Klartext: Er wolle nicht, dass man den Ärzten dereinst das Vertrauen entziehe und sie sich für ihren Beruf schämen müssten, so wie es Bankern ergangen sei. «Doch darauf steuern wir zu», sagte der Berliner Psychologe am Donnerstag an einem Vortrag in Zürich. Zumindest dann, wenn es den Fachleuten künftig nicht gelinge, offen, transparent und ehrlich über Nutzen und Schaden von medizinischen Angeboten zu informieren. Gigerenzer verwies auf zahlreiche Beispiele von Informationen, die zwar nicht falsch, aber ­irreführend seien.

Er nannte zum Beispiel die Aussage, dass das Mammografie-Screening für Frauen das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 20 Prozent verringere. Diese Angabe der relativen Risikoreduktion sei schwierig zu interpretieren und führe dazu, dass die Bevölkerung den Nutzen des Screenings überschätze. Die ehrliche Information ist laut Gigerenzer: Mit Screening sterben 4 von 1000 Frauen an Brustkrebs. Ohne Screening sind es 5 von 1000 Frauen. Das stelle den Nutzen in ein anderes Licht, zumal die Untersuchung auch unnötige Operationen, also Schaden, zur Folge haben könne. Doch wenn man diese Informationen verbreite, stosse man auf grossen Widerstand, so der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-In­stitut in Berlin. «Schliesslich geht es um viel Geld.»

Kritische Fragen

Zumindest in der Schweiz sieht die Informationslage allerdings nicht so düster aus, wie Gigerenzer sie malte. Die Informationen über das Mammografie-Screening im Kanton Bern zum Beispiel sind nicht nur übersichtlich dargestellt, sondern auch so, wie Gigerenzer dies fordert. Und bereits vor zwei Jahren hat sich das unabhängige Fachgremium Swiss Medical Board kritisch zum systematischen Mammografie-Screening geäussert. «Das war mutig», lobte Gigerenzer.

Der renommierte Psychologe geht mit weiteren Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs hart ins Gericht, etwa mit der kleinen Darmspiegelung: Mit ihr sterben 6 von 1000 Personen an Darmkrebs. Ohne kleine Darmspiegelung sind es 8 von 1000. Auch zu Präventionsmassnahmen hat das Harding-Zentrum die Faktenlage zusammengestellt, etwa zur HPV-Impfung als Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs: Mit der Impfung sterben 2 von 100'000 Frauen, die auch am Pap-Test teilnehmen, an Gebärmutterhalskrebs. Ohne Impfung sind es 3 von 100'000.

Das Harding-Zentrum hat diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in sogenannten Faktenboxen «so transparent und einfach» wie möglich aufbereitet, damit «alle sehen können, was der Nutzen und was der Schaden von gewissen Angeboten ist», so Gigerenzer. Man müsse den Menschen Mut machen, mehr mitzudenken, denn «blindes Vertrauen in die medizinische Versorgung gefährdet ihre Gesundheit», sagte er. ­

Allerdings: Auch diese Angaben werfen Fragen auf, für die man als Laie nicht einfach eine Antwort findet: Wie gross müsste der Nutzen eines Angebots sein, damit es wirklich sinnvoll ist? Und um wie viel grösser wäre der Gesundheitsnutzen, wenn stattdessen andere Angebote mit diesen Kosten finanziert würden? Eine Empfehlung für oder gegen die Behandlungen oder Tests gibt das Zentrum bewusst nicht ab. «Wir wollen nicht den alten Fehler wiederholen und den Leuten sagen, was sie tun sollen», so Gigerenzer. Sein Ziel ist vielmehr, die Bevölkerung zu befähigen, selbst eine Entscheidung zu treffen.

Transparente Fakten

Dieses Ziel teilt Gigerenzer mit Helsana, welche den Vortrag mit dem Psychologen organisierte. In Zusammenarbeit mit dem Harding-Zentrum hat der Krankenversicherer Informationen samt Videos zu Untersuchungen für die Krebsfrüherkennung auf der Website aufgeschaltet. Helsana-Chef Daniel H. Schmutz machte im Anschluss an den Vortrag klar, dass es nicht darum geht, Kunden von Arztbesuchen abzuhalten, um Kosten zu sparen.

Vielmehr sei es ihm persönlich ein Anliegen, die Informationen zu verbreiten. Helsana wolle nicht nur eine Versicherung sein, sondern für die Kunden zum Gesundheitspartner werden und ihnen zu Fakten verhelfen, welche die Gesundheitskompetenz erhöhen. Da man mit den Kunden in Kontakt stehe, sei man auch die richtige Stelle zur Vermittlung dieser Informationen. «Eigentlich müssten sie in jeder Arztpraxis aufliegen», sagte Gigerenzer.

Mehr Infos unter: www.helsana.ch oder www.harding-center.mpg.de

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