«Bei früher Diagnose ist Darmkrebs fast immer heilbar»

Wenn Darmkrebs zu spät entdeckt wird, gibt es nur noch geringe Heilungschancen. Der Berner Arzt Reto Guetg empfiehlt deshalb allen über 50-Jährigen, sich regelmässig untersuchen zu lassen.

Rät allen über 50-Jährigen, sich auf Darmkrebs untersuchen zu lassen: Der Berner Spezialarzt Reto Guetg, der sich seit vielen Jahren für die Krebs-Früherkennung engagiert.

Rät allen über 50-Jährigen, sich auf Darmkrebs untersuchen zu lassen: Der Berner Spezialarzt Reto Guetg, der sich seit vielen Jahren für die Krebs-Früherkennung engagiert.

(Bild: Beat Mathys)

Herr Guetg, ich bin über 50 und fühle mich eigentlich gesund. Warum soll ich mich jetzt um meinen Darm sorgen, wenn er mir doch keine Probleme macht? Reto Guetg: Der Darmkrebs gehört zu den tückischen Krebsarten, bei denen man lange nichts spürt.

Wie kommt das? Der Darmkrebs entwickelt sich meistens aus anfänglich harmlosen Schleimhautbildungen ins Darminnere, sogenannten Polypen. Dieser Prozess kann Jahre dauern. Wenn dann die ersten Beschwerden auftreten, ist es oft schon zu spät. Über die Hälfte der jährlich über 4000 Darmkrebsfälle in der Schweiz werden zu spät diagnostiziert.

Ein Todesurteil? Ja, meistens. Trotz medizinischem Fortschritt ist eine Heilung dann leider fast nicht mehr möglich.

Und das liesse sich mit einer frühzeitigen Diagnose verhindern? Genau. Wenn ein Darmkrebs rechtzeitig entdeckt wird, sind die Heilungschancen sehr gut, das heisst, sie liegen bei 90 bis 95 Prozent. Mit einer systematischen Früherkennung könnte man beim Darmkrebs also die Sterberate relativ einfach senken.

Kann man dem Darmkrebs nicht auch mit einer gesunden Lebensweise vorbeugen? Das kann man durchaus: mit einer faserreichen Ernährung, also viel Gemüse, Früchten, Salat, Vollkornprodukten und wenig rotem Fleisch. Und natürlich nicht rauchen und wenig Alkohol trinken. Aber es gibt auch eine erbliche Komponente. Wenn jemand nahe Verwandte mit Darmkrebs hat, sollte er oder sie schon ab 25 zur Früherkennung. Auch wer unter chronischen Darmentzündungen leidet, hat ein erhöhtes Krebsrisiko.

Welche Untersuchungen werden hierzulande für die Früherkennung eingesetzt? Der Blut-im-Stuhl-Test und die Darmspiegelung. Beide Methoden werden seit Juli letzten Jahres für Personen ab 50 bis 69 Jahre von der Grundversicherung übernommen.

Trotzdem dürften die beiden Untersuchungen nicht gerade beliebt sein. Die meisten Leute ekeln sich tatsächlich, wenn sie eine Probe ihres Stuhls entnehmen müssen. Dabei sind Farbe und Beschaffenheit des Stuhls für uns Ärzte wichtige Anhaltspunkte. Auch eine Spiegelung ist nicht gerade angenehm, weil vorher der Darm mittels Einlauf vollständig entleert werden muss. Aber wer den Nutzen der Untersuchung kennt, nimmt das in Kauf.

Eben erst gerieten die Brustkrebs-Früherkennungsprogramme in die Kritik: Die Kosten seien zu hoch im Vergleich zum Nutzen. Besteht diese Gefahr nicht auch beim Darmkrebs? Nein, hier haben wir eine andere Ausgangslage.

Inwiefern? Die Brustkrebs-Früherkennung ist schwieriger und hat deshalb ein Qualitätsproblem. So sind die Mammografien häufig schwer zu lesen und zu interpretieren. Beim Darmkrebs hingegen hat die Frühdiagnostik eine hohe Qualität erreicht: Mit den zwei erwähnten Methoden Stuhltest und Darmspiegelung werden nahezu alle Darmkrebsfälle entdeckt.

Könnten aber nicht auch Befunde zum Vorschein kommen, die den Patienten nie beeinträchtigen würden und ihm so nur unnötig Angst einjagen? Nein, das ist bei den Darmkrebsuntersuchungen explizit nicht der Fall. So können auch frühzeitig Divertikel entdeckt werden. Das sind vergleichsweise häufige, aber gutartige Darmausstülpungen.

Also empfehlen Sie allen Leuten ab 50, sich checken zu lassen? Ja. Das ist eine sehr sinnvolle Sache. Aber natürlich ist es letztlich jeder selbst, der entscheidet, ob er das will.

mas/pd

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