«Ärzte mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, was sie falsch ma­chen»

Daniel Scheidegger kämpft gegen medizinische Fehl- und Überversorgung. Jeder dritte Arztbesuch sei unnötig, so der Mediziner.

«Es macht Sinn, sich zu überlegen, ob der ausführende Arzt einen direkten Vorteil hat, wenn er die Behand­lung durchführt»: Ein Arzt füllt eine Patientenakte aus. Foto: iStock

«Es macht Sinn, sich zu überlegen, ob der ausführende Arzt einen direkten Vorteil hat, wenn er die Behand­lung durchführt»: Ein Arzt füllt eine Patientenakte aus. Foto: iStock

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Herr Scheidegger, schätzungsweise ein Drittel aller medizinischen Behandlungen sind unnötig oder schaden den Patienten sogar. Wie kommt es zu diesem Missstand?
Alle tragen eine Mitverantwortung. Auch die Patienten. Weil sie manchmal sinnlose Behandlungen einfordern.

Warum tun sie das?
Sie haben im Internet vielleicht von einer Therapie gelesen. Oder der Nachbar hat ihnen erzählt, wie gut ihm ein Medikament geholfen habe. Dann wollen sie dasselbe. Zum Beispiel ein Antibiotikum bei einem grippalen Infekt. Erklärt ihnen der Arzt, ein Antibiotikum nütze nichts gegen Viren, sind die Patienten unzufrieden und gehen zum nächsten Arzt. Bis sie einen finden, der ihnen das Antibiotikum verschreibt.

Für den Arzt ist es einfacher und lukrativer, eine Untersuchung vor­zunehmen und ein Medikament abzuge­ben, als dem Patien­ten eine Behandlung auszureden.
Auch das spielt eine Rolle. Die Apparate­medizin wird viel besser vergütet als das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Das ist ein Fehler. Wenn Ärzte sich mehr Zeit für das Reden und Zuhören nehmen wür­den, gäbe es weniger überflüssige Unter­suchungen und Behandlungen.

Warum werden die Tarife für medi­zinische Leistungen nicht dement­sprechend angepasst?
Die Gründe sind vielschichtig. Diejenigen Ärzte, die mit Apparaten oder Operatio­nen viel Geld verdienen, wollen nicht plötzlich weniger vom Kuchen. Aber auch eine mächtige Industrie, die Geräte her­stellt und vertreibt, steht dahinter. Dann hat es zudem Politiker, die mit solchen Firmen verbunden sind und Lobbying ­betreiben. Die sprechende Medizin hin­gegen hat fast keine Lobby.

Ein Arzt, der mit dem Patienten redet und ihn davon überzeugt abzuwarten, verdient ganz wenig – und leistet eine Riesenarbeit.
Ja. Oft braucht der Arzt viel Zeit und Fin­gerspitzengefühl. Wenn er die Botschaft nicht feinfühlig vermittelt, brüskiert er den Patienten womöglich. Und der geht dann einfach zum nächsten Arzt.

Haben auch wir Patienten falsche Vorstellungen von der heutigen Medizin: je mehr, desto besser?
Das ist ein entscheidender Punkt. Natür­lich haben wir in der Medizin Fortschritte gemacht. Aber ich frage mich, ob wir vor allem wegen der modernen Medizin bes­ser und länger leben. Ich bezweifle es.

Woran liegt es dann?
Zum Beispiel an der verbesserten Hygiene. Wir können Hahnenwasser trinken und in Restaurants essen, ohne dass wir davon krank werden. Wenn ich Geld bekommen würde, um die Gesundheit der Menschen zu verbessern, würde ich es wohl lieber in den Umweltschutz oder in die Bildung statt ins Gesundheitswesen stecken. Wir reden immer nur übers Gesundheits­wesen, dabei beeinflusst es nur zu zehn Prozent, wie gesund die Bevölkerung ist. Das zeigen Studien.

«So, wie wir heute das Gesund­heitswesen betreiben, ist es für unsere En­kelkinder nicht mehr finanzierbar.»

Seit der neuen Spitalfinanzierung haben Spitäler den Auftrag, Profit zu machen. Verursacht auch diese Neuregelung mehr unnötige Behandlungen?
Die neue Spitalfinanzierung war meines Erachtens nötig, vorher haben Spitäler Defizite produziert, die der Kanton aus­gleichen musste. Aber diese Veränderung hat sicherlich auch ihre negativen Auswir­kungen. So kann etwa das Fallpauschalensystem theoretisch dazu führen, dass Spi­täler ihre Fallzahlen steigern, um mehr Gewinn zu machen.

Wie lassen sich solche Fehlanreize korrigieren?
Eine Expertengruppe des Bundes hat 38 Massnah­men zur Kosteneindäm­mung im Gesundheitswe­sen erarbeitet. Von denen haben viele das Ziel, solche Fehlanreize zu beseitigen. Zum Beispiel, indem die Spitalversorgung regional geplant wird. Die Interessen wä­ren andere, wenn die Kantone nicht für ihr lokales Spital, sondern für eine ganze Re­gion denken müssten. Ideen wären also da. Wir müssen jetzt anfangen, sie umzu­setzen, anstatt nur zu reden. Wir haben ein Problem. So, wie wir heute das Gesund­heitswesen betreiben, ist es für unsere En­kelkinder nicht mehr finanzierbar.

Um die Fehl­versorgung zu bekämp­fen, haben Sie und andere Fachleute die Initiative «Smar­ter Medicine» ins Leben geru­fen. Worum geht es genau?
Wir haben alle medizinischen Fachgesell­schaften, also zum Beispiel die Orthopä­den oder Gynäkologen, dazu aufgefordert, eine Liste der fünf unnötigsten Behand­lungen in ihren Bereichen zu erarbeiten, und haben bereits einige Listen auf unse­rer Website publiziert.

Können Sie uns drei Beispiele nennen für solche unnötigen Behandlungen?
Erstens: das Verschreiben von Antibiotika bei einem viralen Infekt, weil diese Mittel nur gegen Bakterien wirken. Zweitens: Benzodiazepine als Schlafmittel erster Wahl bei älteren Menschen. Diese Medi­kamente können süchtig machen, zudem steigt das Risiko für Verkehrsunfälle und Stürze. Drittens: eine Routine-Röntgen-Untersuchung vor operativen Eingriffen. Früher wurde standardmässig ein Bild des Brustkorbes gemacht, bis man gemerkt hat, dass dies unnötig ist.

Wenn es zwickt im Knie, fordern viele gleich ein MRI: Ein Patient wird in die Röhre geschoben. Foto: Getty Images

Was erhoffen Sie sich von der Initiative?
Nach dem Motto «Weniger ist mehr» wol­len wir das Thema der Fehl- und Überversorgung in der Medizin in den Fokus der Gesellschaft rücken. Ziel ist, dass sich ­Ärzte und Patienten gemeinsam fragen, ob eine Behandlung wirklich nützt. Oder ob sie Risiken birgt oder sogar schaden kann.

Der Rückhalt in der Ärzteschaft für die Initiative ist nicht besonders gross. Woran liegt das?
Wir Ärzte mögen es nicht besonders, wenn uns jemand sagt, was wir falsch ma­chen. Wir haben das Gefühl, wir kennen unsere Patienten am besten, wir wissen, was gut für sie ist. Manche Ärzte argu­mentieren zudem, die Kampagne sei ein Tropfen auf den heissen Stein. Klar, es ist nur ein Ansatz, aber es ist ein Anfang.

Noch längst nicht alle Fachgesell­schaften haben eine Liste erstellt.
In der Zwischenzeit sind zehn Fachgesell­schaften dieser Aufforderung gefolgt, acht haben die Liste bereits publiziert. Einige haben uns gesagt, sie seien nicht in der Lage, eine Liste zu erstellen. Das muss man so stehen lassen. Zwang auszuüben, wäre kontraproduktiv. Der Druck sollte von unten kommen, von den Patienten oder von anderen Fachgesellschaften.

Könnten aus den Empfehlungen irgendwann Vorschriften werden?
Ich kann mir vorstellen, dass die Krankenkassen die aufgeführten unnötigen Behandlungen irgendwann nur noch zahlen, wenn sie gut begründet werden. Die Initiative stammt ja ursprünglich aus den USA und existiert inzwischen in verschiedenen Ländern. In England wurden die Top-Five-Listen kürzlich zu Vorschriften. Das bedeutet, der nationale Gesundheitsdienst zahlt nicht, wenn Ärzte diese ­Behandlungen trotzdem vornehmen.

«Denken Sie daran, wie gross die Selbstheilungskräfte des Körpers sind.»

Der Verein Smarter Medicine startet demnächst eine Kampagne, die sich an die Patienten richtet.
Bislang haben wir uns nur an die Ärzte gewandt. Jetzt geht es darum, auch die Patienten zu informieren. Deshalb haben wir die Top-Five-Listen so übersetzt, dass auch Laien sie verstehen. Wenn der Arzt eine unnötige Behandlung empfiehlt, kann ihm der Patient unsere Broschüre zeigen. Oder wenn der Patient eine unnö­tige Behandlung einfordert, kann der Arzt ihm eine Broschüre mitgeben.

Könnten Patienten nicht das Gefühl bekommen, es gehe in Wirklichkeit um eine Rationierung?
Das könnte sein. Doch der Hauptfokus der Kampagne ist nicht das Sparen, son­dern die Qualitätsverbesserung. Mit einer konsequenten Einhaltung der Empfehlun­gen würden wir aber sicher auch Kosten senken. Die Patientenkampagne richtet sich in diesem Sinne gegen die Verschwen­dung in der Medizin.

Was kann ich tun, um mir unnötige Behandlungen zu ersparen?
Denken Sie daran, wie gross die Selbsthei­lungskräfte des Körpers sind. Oft ist es nicht nötig, bei einer Blessur gleich zum Arzt zu rennen. Ein Beispiel: Sie stürzen in den Ferien, danach schmerzt das Knie. Weil Sie in Griechenland nicht zum Arzt gehen wollen, warten Sie damit, bis Sie wieder zu Hause sind. Sie schonen sich, legen das Bein hoch. Zu Hause geht es dem Knie schon viel besser, und der Arzt­besuch hat sich erledigt. Dieses Abwarten haben wir leider verloren.

Weshalb?
Zum Teil auch wegen der Berichterstat­tung über prominente Sportler, die sich im Training verletzen. Noch am selben Abend steht in den Medien, dass die Ärzte mittels MRI die Diagnose Kreuzbandriss gestellt haben und der Sportler morgen operiert wird. Mit der Zeit denken die Menschen, wenn es zwickt im Knie, brauchen auch sie sofort ein MRI. Es gibt so viele Röntgenzentren, es ist kein Pro­blem, rasch einen Termin zu kriegen. Und es hat auch genug Orthopäden, um in der nächsten Woche einen Operationstermin zu kriegen.

MRI führen häufig zu Überdiagno­sen. Es werden harmlose Anomalien entdeckt, die gar nicht der Grund für das Ziehen im Rücken sein müssen.
Genau. Würde man mich in einen Compu­tertomografen stecken, fänden die Ärzte sicherlich etwas.

Sollten wir also bei Schmerzen wieder lernen, mal nichts zu tun?
Ich denke ja. Ich rede nicht von akuten, schlimmen Bauchschmerzen oder Lähmungserscheinungen. Dann ist Handeln angezeigt. Ich rede von verstauchten Knö­cheln, einem Ziehen im Rücken oder einem Bauchgrummeln. Werden in sol­chen Fällen unnötige Behandlungen ge­macht, die vielleicht sogar zu Komplika­tionen führen, ist es umso tragischer.

«Heute gehen immer mehr Leute wegen einer Lappalie gleich auf die Not­fallstation.»

Ist es sinnvoll, eine Zweitmeinung einzuholen, um sich unnötige Behandlungen zu ersparen?
Auf jeden Fall. Es macht Sinn, sich zu überlegen, ob der ausführende Arzt einen direkten Vorteil hat, wenn er die Behand­lung durchführt. Klar, kostet eine Zweit­meinung etwas, aber dafür kann man vielleicht eine Operation verhindern.

Wer eignet sich für eine Zweitmeinung?
Idealerweise der Hausarzt. Er weiss zum Beispiel, dass Sie nicht nur Knieschmer­zen, sondern auch ein Herzproblem haben. Und auch mit einem neuen Knie­gelenk keine Wanderungen mehr un­ter­nehmen werden.

Aber viele Menschen haben keinen Hausarzt mehr.
Leider. Heute gehen immer mehr Leute wegen einer Lappalie gleich auf die Not­fallstation. Manchmal auch deswegen, weil der Hausarzt nicht sofort Zeit hat und die Patienten nicht ein paar Stunden oder einen Tag warten wollen. Auch hier ist das Problem diese Anspruchshaltung.

Können Sie das näher erklären?
Es gibt Leute, die denken, Krankenkassen­prämien einzuzahlen, sei wie Geld auf einem Bankkonto zu deponieren: Ich habe 20 Jahre lang eingezahlt, deshalb habe ich einen Anspruch auf die Leistung. Ich will jetzt dieses MRI, und zwar sofort, das steht mir zu. Doch unser System beruht auf dem Solidaritätsprinzip: Wir zahlen jeden Monat Prämien, damit diejenigen, die wirklich krank sind, die nötigen Be­handlungen erhalten. Wenn Sie das ganze Jahr über nicht zum Arzt müssen, haben Sie damit jemand anderem geholfen, der krank ist.

Manchmal steckt mehr als nur eine Anspruchshaltung dahinter, wenn jemand mit einem Bauchgrummeln zum Arzt rennt. Vielleicht versteckt sich dahinter ein psychisches Leiden. Oder der Patient ist einsam und hat niemanden zum Reden.
Einsamkeit ist ein Riesenproblem. Früher gab es den Pfarrer, der mit den Menschen geredet hat, oder sie waren in einer Gross­familie eingebunden. Heute leben vor al­lem ältere Leute oft isoliert. Dann sehen sie eine Gesundheitssendung und denken womöglich: «Vielleicht habe ich diese Krankheit auch.» Dann gehen sie zum Arzt, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Und sie haben wieder ein Gesprächs­thema mit den wenigen Bekannten, die noch da sind, und werden bedauert. Diese Flucht in die Krankheit ist ein Problem, das nicht die Medizin lösen sollte. Son­dern die Gesellschaft. Wir alle.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 10.09.2018, 18:47 Uhr

Einsatz für eine smarte Medizin



Daniel Scheidegger, 70, ist im ­Vorstand des Vereins Smarter Medicine sowie Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Von 1998 bis 2013 war er Chefarzt für Anästhesie und Intensiv­medizin am Universitätsspital ­Basel. Er ist verheiratet und lebt in Arlesheim BL.

Gut informieren, klug entscheiden

Der Verein Smarter Me­dicine will unnötige ­ärztliche Behandlungen reduzieren und so die Qualität im Gesundheits­wesen verbessern. Dazu hat er alle medizinischen Fachgesellschaften auf­gefordert, eine Liste der fünf unnötigsten Thera­pien in ihrem Gebiet zu veröffentlichen. Vorbild ist die «Choosing Wise­ly»-Initiative aus den USA, die 2011 entstand. Es geht dabei nicht nur darum, «kluge Entschei­dungen» herbeizufüh­ren, sondern auch die Diskussion zwischen Ärzten, Patienten und der Öffentlichkeit zu fördern. Am 1. Oktober lanciert der Verein eine Kampagne, welche die Bevölkerung über unnö­tige Behandlungen in­formiert. Patienten sol­len das ­Gespräch über die richtige Therapie mit den Ärzten auf Augen­höhe führen können. Nur gut informierte
Patienten seien in der Lage, kritische Fragen zu stellen. Mehr Infos auf: www.smartermedicine.ch

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