«Wir setzen unsere Beziehungen zu unseren Kindern aufs Spiel»

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster untersucht, wie die Evolution unseren Nachwuchs prägt. Was uns an Kindern oft nerve, sei früher wichtig gewesen fürs Überleben, sagt er.

Der deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster setzt sich dafür ein, dass Eltern ihre Kinder besser verstehen.

Der deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster setzt sich dafür ein, dass Eltern ihre Kinder besser verstehen. Bild: Lisa Berger

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Herr Renz-Polster, Kinder ticken immer wieder aus, sind völlig irrational. Wieso muss das Familienleben so anstrengend sein?
Herbert Renz-Polster: Weil Kinder, wenn sie anders wären, ursprünglich nicht überlebt hätten.

Wieso nicht?
Am besten zeigt sich das beim Schlafen. Ein Thema, das Familien mit Säuglingen und Kleinkindern oft enorm stresst. Wenn Babys früher entfernt vom Stamm und vom Lagerfeuer geschlafen hätten, wären sie am Morgen tot gewesen. Entweder hätten sie Hyänen verschleppt, Schlangen angeknabbert, oder sie wären unterkühlt gewesen. Deshalb wollen Kinder nicht alleine schlafen und wachen nachts immer wieder auf.

Die Zeiten der Höhlenmenschen sind schon lange vorbei. Das hat doch keine Relevanz mehr.
Unsere Gefühlswelt ist immer noch stark von der Vergangenheit geprägt. Gehen Sie doch mal zelten. Wenn es dunkel wird, Wasser aufs Zeltdach tröpfelt und ein Tier in den Blättern raschelt, dann werden Sie automatisch mit Ihren Liebsten näher zusammenrücken – obwohl Sie wissen, dass Sie keine Angst haben müssen. In dieser Situation würden Sie Ihr Kind nie in ein eigenes Zelt stecken, etwa weil behauptet wird, so würden die Kleinen schneller selbstständig.

Dann raten Sie Eltern also, ihre Kinder zu sich ins Bett zu nehmen?
Ich rate niemandem etwas. Jeder muss für sich selber herausfinden, was für ihn und sein Umfeld stimmt und was nicht. Bei der Erziehung geht es im Grunde um die Frage, wie man seine Beziehungen zu anderen gestalten und leben will.

Sie haben vier Kinder. Wie haben Sie das denn gemacht, als die klein waren?
Beim ersten Kind war ich noch ein junger Medizinstudent. Ich plapperte mehr oder weniger nach, was ich gehört hatte, und bestand darauf, dass mein Sohn im eigenen Bett schläft. Meine Frau fand das zwar nicht richtig, gab aber nach. Ab dem zweiten Kind haben dann alle bei uns im Bett geschlafen.

Vier Kinder!?
Nein, nein, nicht zusammen. Nacheinander schlief jedes Kind ein paar Jahre bei uns im Bett. Dann gings ins eigene Nest oder zum älteren Geschwisterchen.

Erklären Sie uns doch bitte, wieso Tobsuchtsanfälle aus evolutionärer Sicht nötig sind.
Kinder in allen Kulturen durchleben eine Zornphase. Auch die Kinder von Pastorinnen und Pädagoginnen trotzen, es handelt sich also um keinen Erziehungsfehler. Das Trotzen ist für die Kleinen ja ein Riesenaufwand – das machen die nicht zum Vergnügen, vielmehr bringt es ihre Entwicklung voran. In rund der Hälfte der Fälle geht es darum, dass das Kind etwas selber machen will. Es übt mit dem Zornausbruch, sich für seine Anliegen einzusetzen, und schützt sich gleichzeitig davor, dass ihm die Mutter alles abnimmt. Deshalb richtet sich das Trotzen in der Regel nur gegen die engsten Vertrauenspersonen.

Geht es nicht auch um Macht?
Wieso sollte ein kleines Kind, das keinen halben Tag ohne seine Eltern überleben kann, versuchen, die Macht zu übernehmen? Das ist absurd.

Und wie soll man reagieren?
Es geht mir nicht darum, Handlungsanweisungen zu geben, sondern zu helfen, Verhalten zu verstehen. Wenn Eltern wissen, wieso ihr Sohn oder ihre Tochter etwas tut, können sie entspannter und besser reagieren. Letzten Endes ist es egal, ob sie bei einem Trotzanfall nachgeben oder nicht, Hauptsache, sie handeln authentisch, so wie es der Situation und ihrem Naturell eben entspricht. Das Problem ist vielmehr, wenn Eltern und Pädagogen unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen wollen. Dann verlieren sie das Kind aus den Augen.

Wieso fällt es uns heute so schwer, einen eigenen Erziehungsstil zu finden und durchzuziehen?
Ich weiss nicht, ob es früher einfacher und besser war. Für eine Studie habe ich alte Erziehungstagebücher von Eltern gelesen. Was man da sieht, lässt einen erschaudern. Da werden Zweijährigen lobend erwähnt, die nach einem Missgeschick gleich selber die Klatsche bringen, damit sie angemessen bestraft werden. Aus heutiger Sicht wäre das Kindesmisshandlung.

Aber auch Kinder aus früheren Generationen, die sehr autoritär erzogen wurden, waren später sicher nicht alle gestörte Erwachsene.
Das nicht, aber viele waren belastet. Die ganze europäische Geschichte und mit ihr der Nationalsozialismus lassen sich auch vor dem Hintergrund dieser brutalen Kindheitserfahrungen lesen. Bis in die Nachkriegszeit herrschte die Meinung vor, dass Beziehungen durch ein autoritäres Machtgefälle gestaltet werden. Ab den 70er-Jahren änderte sich das Menschenbild, die Beziehungen wurden freier. Seit den 1990er-Jahren bestimmt nun das Effizienzdenken die Erziehung. Kinder sollen auf die Berufswelt vorbereitet werden und möglichst funktionieren. Damit setzen wir aber die Beziehungen zu ihnen aufs Spiel.

Und Sie wollen dem mit Ihren Büchern entgegenwirken. Wie sind Sie dazu gekommen, Kinder evolutionsbiologisch zu betrachten?
Ich habe in den USA eine Ausbildung als Lungenspezialist für Kinder gemacht. Dabei forschte ich auch zum Thema Allergien. Ich entdeckte, dass das Immunsystem der Säuglinge auf eine bestimmte Welt vorbereitet ist, die so gar nicht mehr existiert. So begann ich zu untersuchen, auf welche biologischen Erwartungen Kinder auch in anderen Bereichen gepolt sind und wo es Probleme mit unserem heutigen Leben gibt.

Wie genau untersuchen Sie das?
Zum Beispiel, indem ich universelle Verhaltensweisen betrachte, die Kinder zu allen Zeiten in allen Kulturen zeigen. Dann kann man davon ausgehen, dass diese Eigenschaften wichtig waren für das Überleben und eine erfolgreiche Entwicklung.

Das Zurück-zur-Natur kann aber zu neuem Stress führen. Zum Beispiel, wenn das Stillen nicht klappt.
Heute gibt es sehr gute Ersatzprodukte zur Muttermilch, und das ist ein Segen. Die Forscher sehen allerdings auch, dass es gar nicht so einfach ist, das Urprodukt zu ersetzen. Muttermilch verändert sich mit den Bedürfnissen der Kinder: Bei Jungen und Mädchen ist sie anders, sie schmeckt unterschiedlich je nach Nahrungsmitteln, und das Immunsystem des Säuglings profitiert. Das kann Schoppenmilch nicht. Dennoch ist Milchpulver eine wichtige Erfindung. Mozarts Kinder etwa starben, weil sie nur Zuckerwasser erhielten.

Und was halten Sie von Kindertagesstätten?
Sie lassen keine Klippe aus (lacht). Sicher ist: Kinder brauchen Kinder viel stärker, als wir oft glauben. Bestimmte Dinge können sie nur von anderen Kindern lernen.

Zum Beispiel?
Soziale Kompetenz und innere Stärke. Das Leben ist ja nicht aus Plüsch. Auch Selbstkontrolle. Wenn das Kind im Kindergarten brüllt, weil es etwas nicht bekommt, heisst es schnell «Heulsuse». Erwachsene können sich auch nicht hinsetzen und einem Kind Empathie beibringen, die muss es durch eigene Erfahrungen lernen. Dafür braucht es einen gemischtaltrigen Kontext, also sowohl ältere als auch jüngeren Kinder.

Demnach sind Kindertagesstätten oder später Ganztagesschulen ideal.
Ganz am Anfang des Lebens ist vor allem eine enge Bindung zu einer Bezugsperson wichtig. Ins soziale Entwicklungsalter kommen Kinder im dritten Lebensjahr, erst dann können sie konstruktiv mit anderen spielen.

Wie wichtig sind die Väter als Bezugspersonen?
Menschenkinder sind darauf angelegt, dass die Erziehungslast auf viele Schultern verteilt ist. Eine Mutter schafft es nicht, die 13 Millionen Kilokalorien, die es braucht, um ein Kind aufzuziehen, alleine zu beschaffen. Ein Blick in die verschiedensten Kulturen zeigt: Die Natur sieht Helfer am Nest vor und damit, dass der Vater einen Beitrag leistet. Doch wie genau dieser Beitrag aussieht, ist sehr unterschiedlich. Der Vater kann auch indirekte Pflegeleistungen übernehmen, indem er etwa für die Ernährung und den sozialen Status des Nachwuchses sorgt. Wir glorifizieren heute zwar den Mann, der den Kinderwagen schiebt, doch nach wie vor übernimmt die Mutter den allergrössten Teil der Kindererziehung – auch wenn sie arbeitet.

So wie es die Natur vorgesehen hat?
Wie gesagt: Die Bedeutung des Vaters ist sehr variabel. Bei den Jägern und Sammlern waren die Männer wahrscheinlich näher bei ihren Kindern als viele Väter heute. Und immer stand im Hintergrund eine Gemeinschaft oder ein «Dorf», das die Kinder mit versorgte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2013, 14:37 Uhr

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Zur Person

Er ist der Remo Largo Deutschlands: der Kinderarzt Herbert Renz-Polster. In seinem Buch «Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt» erklärt er, wie sich Kinder aus Sicht der Verhaltens- und Evolutionsforschung entwickeln. Er ist auch Mitautor des Bestsellers «Gesundheit für Kinder». Das Werk gehört in Deutschland zu den meistgekauften Ratgebern für Eltern.

Der 53-Jährige empfängt zum Gespräch in seinem Zuhause in Vogt, in der Nähe von Ravensburg. Begeistert führt er durch das abgelegene alte Bauernhaus, das er und seine Frau zurzeit umbauen. Er redet gerne und viel. Nach dem Interview lädt er zum Mittagessen ein. Man ist unkompliziert und entspannt: Es gibt frische Brezeln mit Butter. Ein Blick in den Garten verrät auch: Hier darf nicht nur der Nachwuchs wild und ursprünglich sein. Von den vier Kindern im Alter von 15 bis 25 Jahren leben noch zwei daheim.

Herbert Renz-Polster ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. In den USA liess er sich zum Lungenspezialisten für Kinder weiterbilden. Seit 2006 ist er Dozent am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Anfang September erscheint sein neues Buch «Wie Kinder heute wachsen».

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