«Wir haben die Krebsrate zu hoch eingeschätzt»

Strahlenschutzexperte Peter Jacob sagt, wegen der Atomkatastrophe in Fukushima werde es nur wenige zusätzliche Krebsfälle geben.

«Die meisten sind früher weggezogen», sagt Peter Jacob. Sie sind geblieben: Ein Ehepaar in der Stadt Namie.

«Die meisten sind früher weggezogen», sagt Peter Jacob. Sie sind geblieben: Ein Ehepaar in der Stadt Namie.

(Bild: Keystone)

Felix Straumann@fstraum

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat vergangene Woche gemäss einem Bericht zur Katastrophe in Fukushima eine überraschend geringe Steigerung des Krebsrisikos gefunden. Wie zuverlässig sind diese Prognosen? Wahrscheinlich haben wir die Krebsrate sogar noch zu hoch eingeschätzt. Wir stützten uns auf eine vorläufige Abschätzung der Strahlungsexposition, die aber eher zu hoch ist. Beim Schilddrüsenkrebs liegen wir mit den Schätzungen hingegen voraussichtlich zu tief. Dies, weil bei Kindern Schilddrüsen-Reihenuntersuchungen eingerichtet wurden.

Diese Ultraschallmessungen führen zu mehr Schilddrüsenkrebs? Schilddrüsenkrebs ist häufig, verursacht jedoch bei den meisten keine gesundheitlichen Probleme. Im Mittel hat jeder Zehnte Schilddrüsenkrebs, ohne das zu wissen. Wenn man flächendeckende Ultraschalluntersuchungen durchführt, finden sich viele Krebserkrankungen, die sonst gar nie entdeckt worden wären. Ich schätze, dass sich dadurch die Schilddrüsenkrebsrate um den Faktor Drei erhöhen wird.

Und wieso glauben Sie, sind die Strahlungsdosen eher zu hoch geschätzt? Das bezieht sich vor allem auf die Gegend um die Ortschaft Namie, wo die Bevölkerung nach dem WHO-Bericht am meisten Strahlung abbekommen hat. Dort kam es zur sogenannten «freiwilligen Evakuierung». Im Report nehmen wir an, dass die Leute vier Monate im Ort geblieben sind. In Wirklichkeit sind aber die meisten früher weggezogen.

Hat nicht die Bevölkerung innerhalb der 20-Kilometer-Zone am meisten Strahlung erhalten? Die WHO macht dazu keine Aussage. Wir sind davon ausgegangen, dass die Leute rechtzeitig evakuiert wurden. Die grossen Freisetzungen aus dem Reaktor begannen erst am vierten Tag. Was mit denjenigen geschehen ist, die zurückgeblieben sind, ist gegenwärtig nicht bekannt.

Mit wie vielen zusätzlichen Fällen von Krebs ist insgesamt zu rechnen? In den höher kontaminierten Gebieten der Fukushima-Präfektur ausserhalb der 20-Kilometer-Zone leben circa eine halbe Million Personen. Die WHO gibt für diese Gebiete ein zusätzliches Lebenszeitrisiko von einem bis zwei Krebsfällen je 1000 Personen an. Dies ist zu vergleichen mit rund 350 Fällen je 1000 Personen, die gemäss Statistik ohne den Fukushima-Unfall erwartet würden. Selbst in den am höchsten kontaminierten Gebieten liegt das zusätzliche Risiko weit unter den Fluktuationen und zeitlichen Trends des normalen Krebsrisikos.

Wurde auch das Krebsrisiko der Arbeiter abgeschätzt? Hier muss man verschiedene Gruppen unterscheiden. In der Studie wurden 23 000 Arbeiter berücksichtigt. Davon bekamen etwa 7000 ähnlich hohe oder etwas höhere Dosen wie die Bewohner von Namie. Bei 16 000 Arbeitern waren die Dosen sehr gering. Höhere Strahlenexpositionen mit effektiven Dosen von mehr als 100 Millisievert erhielten 167 Arbeiter, zwölf haben sehr hohe Dosen abbekommen.

Wie hoch ist das zusätzliche Krebsrisiko durch die Havarie im Vergleich zu anderen Krebsrisiken? Am leichtesten vergleichbar ist dies mit anderen Strahlenexpositionen. Bei einem Ganzkörper-Computertomogramm (CT) liegt die effektive Strahlendosis in der Grössenordnung von 10 Millisievert. In Namie, wo die Bevölkerung am stärksten exponiert wurde, war die Dosis circa 20 Millisievert, also so hoch wie zwei CTs.

Bezieht sich das auf alle Krebsarten? Nein, in Namie war die Dosis für die Schilddrüsen durch die Aufnahme von radioaktivem Jod-131 deutlich höher. Diese Dosis kam im Wesentlichen im ersten Monat nach dem Unfall zustande, da Jod-131 eine Halbwertszeit von nur acht Tagen hat.

Gewisse Fachleute wundern sich, dass die WHO bereits jetzt diese Abschätzung des Krebsrisikos machen kann. Die Bestrahlung sei so heterogen, dass zuverlässige Angaben kaum möglich seien. Es stimmt, dass selbst Nachbarn unterschiedliche Strahlungsdosen erhalten haben. Unsere Risikorechnungen beruhen deshalb auf groben Schätzungen mittlerer Dosen. Das grössere Problem ist aus meiner Sicht, dass die Dosen so gering sind, dass wir die eigentlichen Risiken gar nicht kennen. Bei soliden Tumoren wissen wir zum Beispiel, wie hoch das Risiko bei einer Dosis von 100 Millisievert ist. Ob es aber bei einer fünffach niedrigeren Dosis auch fünfmal niedriger ist, das weiss niemand. Es ist eine Annahme, die aber häufig gemacht wird.

Kritische Ärzte der Organisation IPPNW in Deutschland sagen, dass bei 20 Prozent der japanischen Bevölkerung Zysten oder Knoten in der Schilddrüse gefunden wurden. Können Sie das bestätigen? Es wurde tatsächlich eine hohe Zahl von Zysten und Knoten gefunden. Es gibt aber andere Untersuchungen aus der kaum belasteten Gegend von Tokio mit vergleichbaren Raten. Wahrscheinlich wurde hier durch die genaue Untersuchung etwas gefunden, was schon da war. In jedem Falle hat das nichts mit strahlungsinduziertem Krebs zu tun.

Die gleiche Organisation berichtet auch von einem Geburtenrückgang bereits neun Monate nach der Katastrophe. Das wundert mich überhaupt nicht, hat aber ebenfalls nichts mit den Strahlen zu tun. Das sind psychologische Effekte durch die Umsiedlung, die Angst vor Strahlung und auch der Stigmatisierung der Betroffenen. In solchen Situationen ist es nicht überraschend, wenn weniger Kinder geboren werden. Die massiven psychologischen Effekte der Reaktorkatastrophe sind ohnehin das weitaus grösste gesundheitliche Problem.

Wie steht es mit anderen Krankheiten neben Krebs und psychologischen Folgen? Strahlung kann viele Krankheiten auslösen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Grauen Star. Bei diesen niedrigen Dosen gibt es aber für solche Erkrankungen kein zusätzliches Risiko, weil es einen Schwellenwert für das Verursachen gibt, oder aber die zusätzlichen Risiken sind geringer als für Krebs. Ähnliches gilt für Aborte und Missbildungen. Allerdings kann eine Dosis von bereits zehn Millisievert bei einem Ungeborenen später das Kinderkrebsrisiko erhöhen. Das sind aber nur wenige Fälle, weil Krebs im Kindesalter sehr selten ist.

Tages-Anzeiger

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