Verbesserte Starthilfe für Frühgeborene

Zu früh geborene Babys: Wenn Eltern ihre Winzlinge aus dem Spital nach Hause nehmen können, sind sie ihre ­Unsicherheit und den Stress noch lange nicht los. Ab diesem Jahr unterstützt ein neues Projekt des Inselspitals und der Berner Fachhochschule betroffene Familien.

Die zu früh geborene Loriana kriegt von ihrer Mutter Nathalie Messerli ein Aufbaupräparat.

Die zu früh geborene Loriana kriegt von ihrer Mutter Nathalie Messerli ein Aufbaupräparat.

(Bild: Andreas Blatter)

Die erste Woche zu Hause ist geschafft. Zufrieden liegt Loriana auf ihrer Spielmatratze und bewegt ihre winzigen Fingerchen, Schwesterchen Maliyah (2) hält ihr eine Spieldose hin. «Sie liebt das Baby und möchte es immer wieder auf den Schoss nehmen», sagt Mutter Nathalie Messerli (25) erleichtert.

Zum Glück, Eifersuchtsdramen und noch mehr Stress könnte die junge Mama nicht bewältigen, sie hat auch so genug um die Ohren: Loriana ist zwar schon vor drei Monaten auf die Welt gekommen, aber das war lange vor Ende einer normalen Schwangerschaft. In Wirklichkeit wäre das zu früh geborene Baby jetzt erst eine Woche alt. Kein Wunder, hat seine Familie eine aufreibende Zeit hinter sich.

Plötzlich ging es sehr schnell

Total unvorbereitet war die viel zu frühe Geburt zwar nicht gekommen. Nach einer Sturzblutung in der 13. Schwangerschaftswoche hatten sich Nathalie Mes­serli und ihr Partner Benjamin Huber (27) schon fast mit einer Fehlgeburt abgefunden.

Nach Wochen des Liegens und Schonens schien jedoch alles weniger kritisch, und das Paar organisierte sich den Alltag zu Hause in der Nähe von Bern. «Nach wochenlanger Betreuung durch die Grosseltern ist es an der Zeit, dass die beiden älteren Töchter Lynnea und Maliyah wieder mal zu Hause schlafen können», sagte sich Nathalie Messerli.

Nathalie Messerli mit ihren Töchtern Loriana (Baby) und Maliyah. Bild: Andreas Blatter

Pünktlich zum Kindergartenbeginn der fünfjährigen Lynnea wurde die Bettruhe gelockert. «Aber ich konnte sie nur eine ­Woche auf dem Kindergartenweg begleiten, dann fingen die Beschwerden wieder an», erinnert sich die junge Mutter. Plötzlich ging alles sehr schnell.

In der Nacht zum 1. September riss die Fruchtblase. Noch morgens um drei Uhr fuhr das Paar notfallmässig nach Bern, in die Gebärabteilung der Frauenklinik am Inselspital. Genau drei Tage konnte dort die Geburt noch hin­ausgezögert werden, dann wurden die Wehen unaufhaltbar: drei Monate zu früh.

Erster Kontakt im Brutkasten

Vollnarkose und Kaiserschnitt – alles passierte so rasant, dass die kleine Loriana schon auf der Welt war, bevor der Vater es ins Spital geschafft hatte. «Das Ganze erlebte ich wie in Trance, ich wusste nicht, wie mir geschah», erzählt Nathalie Messerli. Ihre Tochter sah sie zum ersten Mal, als sie im Brutkasten lag. «Wenigstens durfte ich ihr dort meine Hand aufs Köpfchen legen, bevor alle Schläuche und Elektroden befestigt waren.»

«Das Ganze erlebte ich wie in Trance, ich wusste nicht, wie mir geschah.»Nathalie Messerli (25) über die vorzeitige Geburt ihrer Tochter

Die organisatorisch wilde Zeit fing erst recht an, als sie selber nach fünf Tagen wieder aus dem Spital entlassen wurde, Loriana aber noch auf der Neugeborenenabteilung (Neonatologie) bleiben musste, bis sich Atmung und Herztöne stabilisiert hatten. Das bedeutete für Mutter Nathalie Messerli einerseits grosse Freude, endlich wieder die beiden grösseren Töchter bei sich zu haben.

«Ich wollte mich wieder richtig um sie kümmern.» Anderseits hatte sie ständig das Gefühl, ihre jüngste Tochter zu vernachlässigen. Ganz zu schweigen von ihren eigenen Bedürfnissen und der Partnerschaft. «Ich kann niemandem gerecht werden», ging es Nathalie Messerli stets durch den Kopf.

Ein exakter Zeitplan half schliesslich ein wenig: Alle paar Stunden Milch abpumpen und kühl stellen, morgens Lynnea in den Kindergarten bringen, sich vormittags Maliyah widmen, Lynnea beim Mittagessen Gesellschaft leisten, nachmittags nach Bern fahren und sich auf der Neonatologie um Loriana kümmern und abends ein wenig Zeit für sich und Partner Benjamin Huber.

Das funktionierte einigermassen, «vor allem dank der Unter­stützung der Familie». Bis nach einem Monat ein Stationswechsel stattfand. «Alles war wieder anders», merkte Messerli, die als gelernte Fachangestellte Gesundheit die Abläufe in Spitälern kennt.

Trotzdem fand sie das schwierig: «Ich musste mich an ein neues Team gewöhnen, erneut allen klarmachen, dass ich mich, so gut es geht, selber um mein Baby kümmern will, und neue Abläufe übernehmen.»

Das war der Tiefpunkt. Die Erschöpfung war gross, und immer wieder folgten kleinere Rückschläge: Wenn trotz Rapporten untergegangen war, dass sie inzwischen ihre Tochter ein- bis zweimal täglich selber stillte. Oder wenn sie auf Pflegefachpersonen traf, die sie und ihre Tochter noch nie betreut hatten, und ihnen alles neu erklären musste.

Solche Situationen will das Projekt «Transition to Home» künftig verhindern. Initiiert wurde es von der Disziplin Geburtshilfe der Berner Fachhochschule zusammen mit der Neonatologie Inselspital Bern. Diesen Frühling wird erstmals ein Pilotprojekt durchgeführt, das junge Familien mit einem frühgeborenen Kind unterstützt und sie später auch auf dem Weg nach Hause und in den Familienalltag begleitet (siehe Interview).

Die Heimkehr mit einem Früh- geborenen nach einem dreimonatigen Spitalaufenthalt ist nicht ohne.

Denn die Heimkehr mit einem Frühgeborenen nach einem dreimonatigen Spitalaufenthalt ist nicht ohne. Das merkte auch Nathalie Messerli. Kaum war die ­Familie freudig, aber nervös daheim, standen plötzlich wichtige Fragen im Raum: «Hat Loriana ihre Medikamente heute schon bekommen? Wie hat sie in der Nacht geschlafen?»

Als die besorgte Mutter ein paar Tage später auf der Neonatologie anrief, um weitere Detailinformationen zu erhalten, war niemand auf dem Laufenden – Loriana war nicht mehr registriert, niemand mehr für sie zuständig. Dank dem neuen Projekt soll auch das künftig nicht mehr vorkommen.

Viele kleine Alltagsfragen

Inzwischen hat sich die Familie ein wenig zu Hause eingewöhnt, Nathalie Messerli ist zwar müde, aber nicht völlig am Rand. Demnächst kommt Lynnea vom ­Kindergarten heim, Maliyah, die Mittlere, will zeichnen und hat Hunger, die kleine Loriana muss ihre Medikamente schlucken, der Haushalt wartet, und die Bilder stehen seit dem Umzug noch auf dem Sofa.

Der ganz normale Alltag einer Mutter mit drei kleinen Kindern. Nur nach fast sechs aufwühlenden Monaten halt noch ein bisschen schwieriger. Deshalb fände es auch Nathalie Messerli hilfreich, wenn sie eine ständige Ansprechpartnerin hätte, die ihr bei all den kleinen Alltagsfragen rund um ihre zarte jüngste Tochter zur Seite steht.

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