Reiche Ausländer legen sich in der Schweiz unters Messer

Schweizer Schönheitschirurgen stehen bei Ausländern hoch im Kurs. Bei manchen Fachärzten kommt fast die Hälfte aller Patienten aus anderen Ländern.

Der Wohlstandsmensch ist formbar geworden, also lässt er sich formen. In der Schweiz lassen sich jährlich rund 50'000  Menschen für die Schönheit operieren. Davon sind immer mehr Ausländer.

Der Wohlstandsmensch ist formbar geworden, also lässt er sich formen. In der Schweiz lassen sich jährlich rund 50'000 Menschen für die Schönheit operieren. Davon sind immer mehr Ausländer.

(Bild: Keystone)

Berge, Städte wie im Bilderbuch und Uhrengeschäfte lockten bisher viele Touristen in die Schweiz. Neuerdings gibt es eine weitere Attraktion: Schönheitsoperationen. Zwar ist die Schweiz im Vergleich mit den USA oder Brasilien mit etwa 50'000 Eingriffen pro Jahr nicht die erste Anlaufstelle.

Doch die Zahl der Ausländer, die für eine Operation in die Schweiz reisen, wächst kontinuierlich an. Trotz der stolzen Preise. So kosten Nasenkorrekturen zwischen 9000 bis 18'000 Franken, je nach Eingriff. Brustvergrösserungen verrechnen die Chirurgen mit 12'000 bis 16'000 Franken.

Guter Ruf lockt Ausländer

«Die Schweiz hat einen Ruf von Exzellenz. Es besteht grosses Vertrauen in die medizinische Qualität unseres Landes», sagt Michel Pfulg. Von den rund 500 Schönheitsoperationen pro Jahr in seiner Klinik Laclinic in Montreux, erfolgen 40 bis 50 Prozent an Ausländern. Etwa die Hälfte davon sind Russen und Bewohner der ehemaligen Sowjetstaaten.

Der Rest reist aus diversen europäischen Ländern an. Jedes Jahr lassen sich mehr vermögende Ausländer bei Pfulg verschönern und verjüngen. Seit diesem Jahr belegen vermehrt auch Chinesen Betten bei ihm. Durch eine Kooperation seiner Klinik mit der Kosmetikmarke Helena Rubinstein ist der Chirurg in der Volksrepublik bekannt.

Enrique Steiger, Schönheitschirurg aus Zürich, bestätigt den Trend zum Schönheitstourismus, der vor etwa acht Jahren eingesetzt hat. Auch Steiger, Inhaber der Clinic Utoquai, behandelt viele Russen, Leute aus Nahost, den Golfstaaten und China. 45 Prozent seiner Patienten sind mittlerweile Ausländer. Monatlich operiert Steiger zwischen 40 und 60 Patienten.

Dem renommierten Schönheitschirurgen wird oft angeboten, mit dem Privatjet zu den jeweiligen Kunden zu fliegen, um sie zu operieren. «Wenn ich absage, können sie das oft nicht nachvollziehen», sagt Steiger. Doch dem Arzt, der auch in den Krisengebieten dieser Welt tätig ist, fehlt die Zeit für Auslandeinsätze, die lediglich der Verschönerung dienen. «Wer sich von mir behandeln lassen will, muss nach Zürich kommen», so Steiger. Seiner Meinung nach würden noch mehr Ausländer zu Fettabsaugungen oder Brustkorrekturen kommen, wenn es in der Schweiz mehr Schönheitschirurgen auf höchstem Niveau gäbe.

Die russischen und arabischen Patienten, die mehr und mehr die Zürcher Klinik Pyramide am See aufsuchen, sind ebenfalls sehr betucht und schätzen den besonderen Service, für den die Schweiz steht: Angefangen bei höchsten Hygienestandards bis hin zum Tophotellerieangebot. «Es kommt vor, dass Patienten mit Bodyguards und Entourage kommen und in der Klinik ein ganzes Stockwerk mieten», sagt Cédric George, plastischer Chirurg und Hauptaktionär der Klinik. Dass von diesem gehobenen Schönheitstourismus nicht nur die Chirurgen profitieren, liegt auf der Hand. Hoteliers, Restaurant- und Ladenbesitzer freuen sich ebenfalls über klingelnde Kassen.

Erste Ausländer in Bern

Auch in Bern, das nicht unbedingt als Zentrum der Schweizer Schönheitschirurgie gilt, wächst der Markt mit Ausländern, die sich unters Messer legen. Andreas Tschopp, Facharzt FMH für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie, behandelt pro Jahr etwa 5 Prozent Ausländer in seiner Klinik im Spiegel bei Bern. Tendenz steigend.

Werbung mache er nicht im Ausland, so Andreas Tschopp. Es sei hauptsächlich die Mundpropaganda, die ihm neue Klienten ausserhalb der Schweiz bringe. Die meisten hätten bereits eine Beziehung zur Schweiz, etwa ein Ferienhaus oder Bekannte.

Aber auch die Mitarbeiter der Botschaften und des Weltpostvereins sorgten seit einigen Jahren für einen konstanten ausländischen Kundenstrom.

Eigene Agentur für Russen

Die Russin Natalia Smirnow, die an der Universität Bern als ärztliche wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, eröffnete 2007 wegen des steigenden Interesses in Neuenegg die Agentur Swiss Health Direct. Über diese vermittelt sie pro Monat mindestens 10 Ausländer an Kliniken in der Schweiz und im Raum Bern, hauptsächlich Russen und Bewohner der einstigen Sowjetrepubliken wie von Aserbeidschan, Kasachstan und der Ukraine. «Die Marke Schweiz zieht bei Schönheits-OPs», sagt Smirnow. «Vor allem in Russland geniesst die schweizerische Medizin einen sehr guten Ruf.» Ihre Landsleute seien bereit, für das hier Gebotene viel Geld zu bezahlen, verlangten aber höchste Qualität.

Stephan Hägeli von Acredis, der Gruppe führender Spezialzentren für ästhetische Medizin, sieht hierzulande auf dem Markt der Schönheitsbehandlungen noch viel Potenzial. «Dass das Vertrauen in die Schweizer Medizin gross ist, erweist sich als hervorragende Ausgangslage.» Noch nutzten das zu wenige Kliniken. Bisher hätten sich vor allem die Regionen Genfersee und Zürich als Zentren des Schönheitstourismus herausgebildet. Das weitere Wachstum hänge hauptsächlich von den Marketingaktivitäten der Kliniken ab. «Die besten Chancen, ausländische Patienten zu akquirieren, hat man, wenn man Klienten über Agenturen vor Ort anspricht», so Hägeli.

Jolie gibt den Ton an

Bei ihren Wünschen, so Schönheitschirurgen, orientierten sich ausländische Kunden oft an den weltweit gängigen Schönheitsidealen: So gilt unter den Schauspielerinnen Angelina Jolie derzeit als optisch perfekt. Bei den Models ist es Gisele Bündchen. «Als die Brasilianerin bekannt gab, dass sie sich den Busen vergrössern liess, sprangen viele auf diesen Zug auf», sagt Enrique Steiger aus Zürich.

Ansonsten sind nach Beobachtung der Chirurgen vor allem Nasenverkleinerungen und -korrekturen beliebt, vor allem bei Kunden aus dem Kaukasus und aus Nahost. Weiter hoch im Kurs stehen Brustvergrösserungen, Oberlidstraffungen und Fettabsaugungen. Als besonders offen für Schönheitsoperationen aller Art gelten Russinnen: «Je mehr man macht, desto glücklicher sind sie», so Michel Pfulg aus Montreux.

Natürlichkeit ist Trumpf

Was die ausländischen Klienten nach Expertenmeinung an den Schweizer Schönheitschirurgen weiter schätzten, sei, dass sie «natürlicher» operierten. Das heisst: Brüste werden nicht übermässig vergrössert, sondern den Proportionen des Körpers angepasst. Zudem gelte hierzulande die Maxime: Man soll nicht sehen, dass ein Chirurg Hand angelegt hat. Dies stehe im Gegensatz zu den USA: Dort gilt die Devise: Big is beautiful. Und die Spuren von Eingriffen seien oft auf den ersten Blick erkennbar.

Berner Zeitung

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