Neue Hoffnung im Kampf gegen Lungenkrebs

Sind die Symptome da, ist es meist schon zu spät. Nun gelang Forschern in der Früherkennung von Tumoren ein Durchbruch.

Für Raucher besteht Hoffnung – allerdings nicht ohne Entwöhnung. Foto: Plainpicture

Für Raucher besteht Hoffnung – allerdings nicht ohne Entwöhnung. Foto: Plainpicture

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Lungentumore rechtzeitig entdecken, um sie noch bekämpfen zu können: Dieses Ziel verfolgen Mediziner schon länger. In der Schweiz ist vor drei Jahren eine Expertengruppe mit ihrem Antrag für ein Früherkennungsprogramm beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) abgeblitzt. Die Studienlage sei zu dünn, hiess es.

Das hat sich nun geändert. Die weltweit mit Spannung erwarteten Resultate der niederländisch-belgischen Studie Nelson, die unlängst bekannt wurden, fallen besser aus als gedacht: Bei Männern mit langjähriger Raucherkarriere sank die Zahl der Todesfälle durch Lungenkrebs um durchschnittlich 26 Prozent, wenn sie zehn Jahre lang an einer Früherkennung mit niedrig dosierter Computertomografie (CT) teilnahmen. Bei Frauen lag die Reduktion sogar zwischen 39 und 61 Prozent.

«Die Resultate belegen, dass CT-Screenings bei Personen mit hohem Lungenkrebsrisiko die Chancen definitiv erhöhen, die verheerende Krankheit zu heilen», sagte Studienleiter Harry de Koning vom Erasmus University Medical Center in Rotterdam Ende Oktober bei der Präsentation der Daten am Lungenkrebs-Weltkongress in Toronto.

Die Studie umfasste über 15'000 Personen zwischen 50 und 74 Jahren, die während dreissig Jahren mindestens 10 Zigaretten täglich oder während fünfundzwanzig Jahren über 15 Zigaretten pro Tag geraucht hatten. Die eine Hälfte der Teilnehmer wurde per Los einer Kontrollgruppe ohne Früherkennung zugeteilt. Bei der anderen Gruppe untersuchten die Mediziner den Brustkorb mittels CT, jeweils am Start sowie nach ein, drei und fünfeinhalb Jahren. Den Gesundheitszustand der Teilnehmer verfolgten sie während mindestens zehn Jahren.

Bei verdächtigen Knötchen erneut zur CT-Untersuchung

Bei rund jedem Zehnten fanden die Mediziner im Lauf des Screenings verdächtige Knötchen, die zusätzliche CT-Scans innerhalb der nächsten zwei Monate nötig machten. Um die Gefährlichkeit abzuschätzen, wurden dabei jeweils Volumen und Wachstum der Knötchen gemessen. Blieb der Befund auffällig, überwiesen die Ärzte den Patienten für eine Biopsie an einen Spezialisten. Andere Teilnehmer wurden direkt ohne zusätzliche CT weiterverwiesen. Insgesamt bestätigte sich der Krebsbefund bei rund 40 Prozent der Patienten, die zum Spezialarzt mussten.

«Die Resultate sind beeindruckend, aber es gibt viele kritische Punkte.»Walter Weder, Unispital Zürich

Die Nelson-Studie bestätigt oder übertrifft die Resultate des amerikanischen National Lung Screening Trial aus dem Jahr 2011 mit über 50'000 starken Rauchern oder Ex-Rauchern im Alter von 55 bis 74 Jahren. Dort sank die Lungenkrebssterblichkeit um 20 Prozent, wenn die Teilnehmer während dreier Jahre jährlich mit niedrig dosierter CT gescreent wurden. In absoluten Zahlen: Von 1000 Personen starben trotz Früherkennung 11 Personen an Lungenkrebs, ohne CT waren es 14.

Das sieht auf den ersten Blick nicht so beeindruckend aus. Doch auf die Zahl von rund 3000 Lungenkrebstodesfällen jährlich in der Schweiz bezogen, könnte ein gut gemachtes Screening dennoch einen relevanten Effekt haben.

Brust-Computertomografie eines Lungenkrebspatienten: Durch Früherkennung erhöhen sich die Chancen, die Krankheit zu heilen. Foto: Scott Camazine (Alamy Stock Photo)

Heute können Ärzte Lungenkrebs oft erst diagnostizieren, wenn Symptome wie chronischer Husten, blutiger Auswurf oder Kurzatmigkeit auftreten. Die Erkrankung ist dann meist fortgeschritten und schwer behandelbar. «Wenn die Symptome da sind, ist es oft zu spät», sagt Walter Weder. Der Direktor der Klinik für Thoraxchirurgie am Unispital Zürich ist Initiator der Expertengruppe aus Lungenärzten, Chirurgen, Radiologen und Epidemiologen von Schweizer Unispitälern, deren Gesuch vom BAG vor drei Jahren zurückgewiesen wurde.

Die Idee für ein nationales Screeningprogramm mit Register für die Evaluation dürfte nun im zweiten Anlauf realistische Chancen haben. Die Finanzierung der CT-Untersuchungen könnte dabei durch die Grundversicherung erfolgen. In ersten Schätzungen war die Rede von 180'000 Personen, die allein im Kanton Zürich für ein solches Screening infrage kämen. Die Kosten lägen bei ungefähr 60 Millionen Franken allein für die erste CT-Messrunde.

Doch vorerst müssen die am Weltkongress in Toronto vorgetragenen Resultate der Nelson-Studie von anderen Fachleuten begutachtet und in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht werden. «Die Resultate des Screenings sind beeindruckend, aber es gibt viele kritische Punkte zu diskutieren», sagt Weder. Milo Puhan, Co-Leiter der Expertengruppe und Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention an der Uni Zürich, erwartet, dass dabei das neu gegründete Fachgremium für Krebsfrüherkennung eine wichtige Rolle spielen wird.

Bei der Expertengruppe hat man Verständnis für die Zurückhaltung beim Bund. «Ich bin sehr für eine nationale Einführung eines Programms, verstehe aber, wenn ein klares Regulatorium verlangt wird», sagt Weder. «Sonst läuft dies finanziell wie auch qualitätsmässig aus dem Ruder.» So wie es bei privaten Anbietern von Lungenkrebsscreenings bereits seit längerem der Fall ist.

Ohne Rauchentwöhnung mehr Lungenkrebs

Das Hauptproblem: Ohne klare Kriterien und eine Beschränkung auf Risikopersonen droht die CT-Messung mehr zu schaden als zu nützen. Wenn Jüngere und Wenigraucher zur Früherkennung gehen, kommt es zu mehr Fehlalarmen, mehr Folgeuntersuchungen, mehr Komplikationen und mehr unnötigen Eingriffen durch Zufallsbefunde, die unerkannt gar nie zu Problemen geführt hätten. Das alles führt zu Mehrkosten, ohne dass merklich mehr Lungentumore gefunden werden.

Und schliesslich kann die Möglichkeit eines Lungenkrebsscreenings oder ein unauffälliger Früherkennungsbefund Risikopersonen auch dazu verleiten, länger und häufiger zu rauchen. Darum fordern Fachleute, dass eine Früherkennung unbedingt mit einem verbindlichen Rauchentwöhnungsprogramm gekoppelt sein muss. Sonst führt ein Screening nicht zu weniger, sondern zu mehr Krebs, Herzinfarkten und Hirnschlägen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.11.2018, 08:49 Uhr

Ein neues Gremium soll Krebsfrüherkennungsmethoden begutachten

Fachleute streiten sich oft über Sinn und Unsinn von Krebs-früherkennungsmethoden bei eigentlich gesunden Personen. Laien bleiben oft verunsichert zurück. Paradebeispiele dafür sind das Mammografie-Screening und die Prostatakrebs-Früherkennung mittels PSA-Test. Das neue «Expertengremium Krebsfrüherkennung» könnte solche Diskussionen künftig versachlichen.

Das Gremium hatte im September seine erste Sitzung und besteht aus zehn Mitgliedern verschiedener Fachrichtungen, von Klinik über Epidemiologie bis Recht, Ethik und Patientenvertretung. Es soll «unabhängig erarbeitete und ausgewogene Empfehlungen» für Behörden, Fachgesellschaften und Leistungserbringer liefern. Trägerschaft sind das Bundesamt für Gesundheit (BAG), die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), die Vereinigung Oncosuisse und der Fachverband Public Health. Nach einer zweijährigen Pilotphase wird 2020 entschieden, ob und wie es weitergeht.

«Wir haben vor drei Wochen interessierte Kreise dazu aufgerufen, uns Vorschläge zu machen, welche Früherkennung wir als Erstes bearbeiten sollten», sagt Präsident Marcel Zwahlen vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Das Lungenkrebs-Screening sei mehrfach genannt worden. Die Entscheidung für erste mögliche Themen wird jedoch erst im Februar 2019 fallen. Das letzte Wort hat dabei die Trägerschaft. Danach wird der Stand der Wissenschaft von externen Fachleuten aufgearbeitet und bewertet. Am Ende spricht das Expertengremium eine Empfehlung aus. «Es werden auch ethische und finanzielle Aspekte einfliessen», sagt Zwahlen. Formal sind die Beschlüsse nicht bindend. Doch Zwahlen möchte unbedingt, dass sie Folgen haben und «in die Entscheidungsabläufe des BAG einfliessen».

Screenings betreffen oft viele Menschen und sind teuer

Die Unabhängigkeit steht dabei im Vordergrund. «Man soll uns glauben, wenn wir etwas empfehlen», sagt Zwahlen. Bei Bewertungen durch Vertreter von direkt betroffenen Spezialdisziplinen werden viele misstrauisch, weil finanzielle Interessen eine Rolle spielen könnten. Ähnliches gilt, wenn der Bund selbst solche Bewertungen vornimmt. «In unserem Gremium sitzen deshalb keine direkt betroffenen Fachleute», sagt Zwahlen.

Das Früherkennungsgremium orientiert sich am sogenannten Health Technology Assessment (HTA), das auch dem Swiss Medical Board und dem BAG für die Beurteilung von medizinischen Interventionen als Basis dient. «Das Verfahren dauert lange», räumt Zwahlen ein. Doch Screenings würden einen grossen Teil der Bevölkerung betreffen und seien in der Umsetzung meist teuer. «Da nehme ich mir lieber die nötige Zeit.»

Felix Straumann

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