Melodien aktivieren das Gedächtnis

Der Berner Otto Spirig besucht als singender «Örgelimaa» die Leute in Alters- und Pflegeheimen. Der Musiktherapeut setzt den begleiteten Gesang als Aktivierung und Gedächtnistraining ein. Therapeutisch wirkt die emotionale Berührung.

Schweizer Pionier in Sachen Musiktherapie: Otto Spirig arbeitet heute vor allem mit betagten Menschen in Spitälern und Heimen.

Schweizer Pionier in Sachen Musiktherapie: Otto Spirig arbeitet heute vor allem mit betagten Menschen in Spitälern und Heimen.

(Bild: Martin Glauser/Bilderwerkstatt)

Ein Freitagnachmittag im Burgerspittel in Bern. Eine Frau sitzt bewegungs- und teilnahmslos im Rollstuhl. Doch nach einer halben Stunde beginnt sie bei der vierten Strophe eines Liedes mitzusingen – mit einem Lächeln im Gesicht. Später sagt Otto Spirig, dass sie das letzte Stadium der Demenzerkrankung erreicht habe. «Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich sehe, dass das Singen noch geht», sagt er. «Das ist stets eine grosse Freude.»

Der Musiktherapeut aus Niederwangen geht seit Jahrzehnten in Pflegeeinrichtungen, um dort mit betagten Menschen zu singen. Als der «Örgelimaa» das erste Lied beginnt, singen einige sofort mit.

Eigene Therapien entwickelt

Otto Spirig wuchs in der Ostschweiz mit vier Geschwistern auf. «Bei uns zu Hause wurde immer viel gesungen», erzählt der 68-jährige Musiktherapeut. «Weil mich stets jede Art von Musik fasziniert hat, wollte ich mehr wissen und auch selber musizieren.» Zuerst lernte er Handorgel spielen, später kamen Klavier, Sitzharfe, Kirchenorgel und Perkussionsinstrumente dazu. Er studierte Musikwissenschaft und deutsche Literatur.

In den therapeutischen Bereich brachte ihn 1975 eine Anfrage, ob er mit behinderten Menschen arbeiten wolle. «Das reizte mich, hier konnte ich Musik als Mittel einsetzen und nicht nur als Ziel.» Eine Musiktherapie-Ausbildung gab es in der Schweiz damals noch nicht. Er beschäftigte sich mit Neurologie und entwickelte nach Weiterbildungen in Deutschland eigene Therapiemethoden. Er spezialisierte sich auf Gedächtnisarbeit mit Demenzerkrankten. Heute gibt es in der Schweiz einen anerkannten Masterstudiengang Klinische Musiktherapie (siehe Kasten).

Ein Schlüssel zu den Wurzeln

Der Musiktherapeut erklärt die Grundlage seiner Arbeit so: «Für mich ist die Herausforderung, herauszufinden, was die Musik anspricht und berührt. Sie ist ein Schlüssel zu den eigenen Wurzeln.» Dabei erfährt er immer wieder, dass Menschen bis zum Tod auf Melodien und Gesang reagieren – selbst dann noch, wenn die Sprach- und Bewegungsfähigkeit nicht mehr da ist. «Diese Wirkung fasziniert mich und fordert mich immer wieder von neuem heraus», berichtet er. Die Grundlage sei ein breites Fachwissen. Doch ansprechen müsse man Emotionen mit dem Ziel, «ein Lied lang bei sich anzukommen». Spirig gab seine Erfahrungen in Lehraufträgen für Musik, Rhythmik und biografische Arbeit weiter, unter anderem auch während 18 Jahren mit einem Lehrauftrag an der Universität Bern.

Seit 2010 ist der fünffache Grossvater «freischaffender Rentner», wie er schmunzelnd bemerkt. Mit der Handorgel in der Hand, im Kopf und in den Fingern ein paar Hundert Lieder, aktiviert er betagte Menschen. Zu seinen Arbeitseinsätzen gehören monatliche Singnachmittage wie im Berner Burgerspittel und in anderen Heimen. In der Sonnweid, einem Heim für Pflege und Betreuung von Demenzerkrankten in Wetzikon ZH, führt er regelmässig musikalische Impulstage durch.

«Alle haben eine Stimme»

«Ich möchte Menschen jeden Alters bewusst machen, dass sie eine Stimme haben, die sie zum Klingen bringen können», sagt Spirig. Das macht er auch mit Singkursen für Angehörige von Demenzerkrankten und Pflegefachleute. «Nur frisch gesungen, und (fast) alles wird gut», heisst es in der Kursausschreibung. So sei es in seinem Leben immer wieder gewesen, «weil man ohne Worte mit anderen in Verbindung bleibt und die Musik in schwierigen Zeiten Halt gibt», erklärt er. Und fügt hinzu: «Jeder sollte eine Art Notfallkoffer mit Lieblingsliedern füllen, mit jenen Liedern, die etwas anklingen lassen, ob man sie nun selber singen kann oder sie einem später vielleicht mal vorgesungen werden.» Eine solche «Sammlung» sei eine Reise in die eigene Geschichte.

Vielseitiger Musiker

Der vielseitige Musiker und Therapeut, der auch Musik für Theater und Filme machte, bezeichnet die Musik als die wichtigs-te Konstante in seinem Leben. «Wenn ich singe, bin ich», betont er. Das Wort Persönlichkeit stamme aus dem lateinischen «hindurchtönen, durchklingen». «Jeder Mensch hat einen eigenen Musikcode.» Um diesen zu aktiveren, braucht es manchmal nur wenige Töne, manchmal muss man zuerst verschüttete Erinnerungen aufarbeiten. Prägend sind Kindheit und Familie, aber auch spätere Lebenserfahrungen wie die erste Liebe, Migration, Verlust und Tod hinterlassen Spuren. Eine Melodie wird gespeichert, wenn sie mit etwas Bewegendem, dem Gefühl, geliebt zu werden, oder Sehnsucht nach etwas Höherem verbunden ist. «Was keinen Bezug zum Leben hat, geht im Hirn in die Müllschublade», so Spirig.

Lieder lösen Gefühle aus

In der Singstunde im Burgerspittel stimmt er für alle Geschmäcker Lieder an, Volksweisen, Liebeslieder und alte «Ohrwürmer». Textbücher liegen auf den Tischen, doch viele der über 40 Versammelten singen auswendig mit. Es herrscht eine gelöste und konzentrierte Stimmung. Auf den Gesichtern widerspiegeln sich die Gefühle, welche die Lieder auslösen – Freude, Heimweh, Rührung. Der Musiktherapeut sagt: «Manchmal kommt es vor, dass Tränen fliessen oder einige Leute zu tanzen beginnen.»

Weitere Informationen: http://ottomusik.ch/

Berner Zeitung

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