Mammografie-Screening: Kein Nutzen, nur Schaden

Die neuste Studie zum Mammografie-Screening zeigt ernüchternde Resultate: Das Screening führte nicht dazu, dass weniger Frauen an Brustkrebs starben, dafür aber zu Überbehandlungen.

Mammografie-Screening führte zu Überbehandlung: Ein Radiologe sieht sich Röntgenbilder an.

Mammografie-Screening führte zu Überbehandlung: Ein Radiologe sieht sich Röntgenbilder an.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Die Früherkennung von Brustkrebs durch Screeningprogramme bringt den Frauen keinen Nutzen, sondern nur viele unnötige Krebsbehandlungen. Zu diesem überraschenden Schluss kommt die bisher grösste Vergleichsstudie mit Einbezug von 90'000 kanadischen Frauen. Lebensverlängernd seien Medikamente wie Tamoxifen, jedoch nicht Mammografien zur Früherkennung. Ältere Studien hätten einen Nutzen der Screenings möglicherweise deshalb gezeigt, weil es damals solche Medikamente und andere bessere Behandlungsmethoden noch nicht gegeben habe, schreibt das «British Medical Journal» in einem Editorial zur gleichzeitig veröffentlichten Studie.

Die 90'000 Frauen wurden vor 25 Jahren durchs Los in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe nahm an regelmässigen Brust-Screenings teil, die andere liess sich die Brüste nur mit Abtasten regelmässig prüfen (siehe Grafik). Die Studie wollte herausfinden, wie nützlich es ist, wenn man durch Röntgenbilder kleinste Krebszellen entdeckt, die man von Hand nicht aufspüren kann. Frühere Studien, welche Frauen jedoch nicht nach dem Zufallsprinzip aufteilten, zeigten Vorteile für Screenings. Doch die kanadische Vergleichsstudie kommt nach einer langen Beobachtungszeit zum Schluss, dass die Teilnehmenden am Screening ebenso häufig an Brustkrebs starben wie die andern.

Ohne Nutzen behandelt

Die Studie weist auch auf das Problem unnötiger Krebsbehandlungen aufgrund einer Mammografie hin. Ärzte wüssten nach dem Entdecken von gewissen lokalen Krebszellen nicht, ob sie gefährlich würden oder nicht, und würden deshalb alle behandeln, erklärte Anthony B. Miller der University of Toronto, einer der Autoren der Studie, gegenüber der «New York Times». Diese erwähnt in ihrem Bericht über die Studie auch die Kontroverse in der Schweiz. Sie zitiert zudem Peter Jüni, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern: «Die Geschichte der Screenings ist nicht trivial.» Es sei vor allem zu bedenken, dass Screeningprogramme «das Gesamtüberleben der Frauen nicht verlängere, aber zu vielen Überdiagnosen» führten. Jüni war früher Expertenrat des Swiss Medical Board.

Frühere Studien beobachteten das Vermeiden von Todesfällen an Brustkrebs. «Screening-Frauen» könnten jedoch infolge der Behandlungen vermehrt an andern Krebsarten sterben, meint Professor Gilbert Welch, der seine letzte Studie über das Screening im Dezember veröffentlichte: «Wir sollten nicht mehr behaupten, Screening rette Leben.»

Urs P. Gasche – Der Autor ist Redaktor bei Infosperber.ch und auf Fragen der öffentlichen Gesundheit spezialisiert.

Berner Zeitung

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