Erste Schritte nach der Querschnittslähmung

Seit dem Sturz vom Schneemobil war er gelähmt. Nun ist Jered (29) mit einem Rolator 102 Meter gelaufen. So funktioniert seine Therapie.

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An einem schönen Wintertag fuhr Jered Chinnock zusammen mit Freunden und seiner Familie mit dem Schneemobil durch die weisse Winterlandschaft. Nur zum Spass. Doch dann kam der Amerikaner auf eine Eisplatte, fiel vom Fahrzeug und wurde von einem nachfolgenden Schneemobil getroffen. Seit dem tragischen Unfall im Jahr 2013 ist er gelähmt und kann aufgrund der starken Verletzung der Wirbelsäule nur noch Hände und Arme uneingeschränkt benutzen.

Doch nun ist es einem Team der Mayo Clinic in Rochester (Minnesota) und der University of California gelungen, dass der inzwischen 29-Jährige mithilfe einer elektrischen Rückenmarkstimulation und einer sehr aufwendigen Physiotherapie wieder eine kurze Strecke mit einem Rollator gehen kann. Dies berichten die Experten um Kendall Lee und Kristin Zhao von der Mayo Clinic jetzt in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature Medicine».

Nur noch mit einem Rollator als Stütze

Bereits im Frühling 2017 teilten sie mit, dass Jered Chinnock erstmals nach drei Jahren wieder seine Beine etwas bewegen kann. Dazu trainierten sie zuerst 22 Wochen seine Muskulatur sowie sein Gleichgewicht und implantierten anschliessend ein Elektroden-Array zwischen dem elften Brustwirbel und dem ersten Lendenwirbel auf die Rückenmarkshaut.

Bei der sogenannten epiduralen Stimulation überträgt das Array elektrische Impulse, die von einem im Bauch implantierten Neurostimulator erzeugt sowie über einen externen Computer kabellos gesteuert werden, auf Nervenfasern des Rückenmarks.


So funktioniert die epidurale Stimulation. (Zum Vergrössern anklicken)

Nachdem sich Jered Chinnock von der Operation erholt hatte, konnte er in den ersten beiden der insgesamt 43 Wochen Rehabilitation mithilfe des Neurostimulators und diverser Balance-Sicherheitshalterungen schrittähnliche Bewegungen machen. Während der folgenden mehr als hundert Rehabilitationssitzungen kam er gut voran, sodass er sich am Schluss – mit dem Rollator und nur noch mit gelegentlicher Hilfe eines Trainers – selbstständig fortbewegte.

102 Meter während einer Trainingseinheit

Wie die Mediziner der Mayo Clinic nun berichten, habe Chinnock in den abwechslungsreichen Trainingsmodulen geradezu Meilensteine erreicht. Er legte während einer einzigen Sitzung sogar eine Strecke von insgesamt 102 Metern zurück. Dies sei die Länge eines Fussballfeldes, sagt Lee Kendall.

Zudem hat er auf dem Laufband nur noch mit Armstützen für das Gleichgewicht sogar eine Schrittgeschwindigkeit von 0,2 Metern pro Sekunde erreicht. Und Chinnocks maximale Anzahl Schritte in einer der Physiotherapiesitzungen betrug 331. Wurde die Stimulation aber ausgeschaltet, blieb er gelähmt.

«Wissenschaftlich ist dieser Fall interessant», sagt Armin Curt, Chefarzt und Direktor des Zentrums für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Doch aus klinischer Sicht dürfe man noch nicht zu hohe Erwartungen haben. Denn der Patient sei im Alltag immer noch ganz auf seinen Rollstuhl angewiesen. Ausserdem könne er bisher auch nur in der Therapie erste Schritte machen.

Oberschenkelhals gebrochen

Dennoch haben es auch am Kentucky Spinal Cord Injury Research Center vier Querschnittgelähmte dank eines Neurostimulators und dank intensiven Trainings geschafft, selbstständig zu stehen, wenn das Gerät angeschaltet war. Zweien von ihnen ist es gelungen, einige Schritte über einen ebenen Boden zu gehen.

Beim Training hatte sich einer der beiden Gelähmten allerdings einen Oberschenkelhals gebrochen, wie die Arbeitsgruppe von Claudia Angeli und Susan Harkema im «New England Journal of Medicine» jetzt berichtet.

Die Universitätsspitäler in Zürich und Lausanne kamen zusammen mit der ETH Lausanne im Rahmen einer derzeit noch laufenden Studie mit bisher fünf Patienten zu ähnlichen Befunden. Diese sind seit einem Unfall vor ein bis vier Jahren unterschiedlich stark gelähmt. So stellten sie durch die elektrische Neurostimulation und eine von Robotern assistierte Rehabilitation ebenfalls erste Fortschritte fest. Nächstes Jahr wollen die Schweizer Experten zudem untersuchen, ob es noch effizienter ist, wenn die Patienten direkt nach dem Unfall behandelt würden.

Reparatur am Nervengewebe

Doch wie ist es überhaupt möglich, dass ein Querschnittgelähmter seine Beine auf einmal wieder bewegen kann? «Manchmal gibt es irgendwo noch ein paar Nervenfasern, die sich klinisch zwar nicht bemerkbar machen, aber sich noch anregen lassen», sagt Curt. Das Ganze sei ein komplexes neuronales Netzwerk, das man noch nicht im Detail verstehe. Durch eine Anregung dieser Fasern kann vielleicht auch das Gehirn wieder einen Input ans Rückenmark senden, sodass es den Befehl gibt: «Ja, jetzt will ich laufen.» Aber auch das Stehen selbst könnte bereits schon einen Effekt bewirken.

«Wir machen alles Mögliche, um neue Therapien zu finden», erklärt Curt. So startet Ende dieses Jahres auch eine internationale, klinische Multicenter-Studie mit dem Nogo-Antikörper. Dieser soll bewirken, dass Nerven die zerstörten Stellen im Rückenmark wieder durchdringen und eine Art Reparatur am Nervengewebe stattfindet. Aufgrund der ersten klinischen Studie zur Sicherheit haben die Ethikkommission und Swissmedic nun grünes Licht für die Folgestudie mit Patienten an den Paraplegikerzentren in Zürich, Basel und Nottwil gegeben.

Stammzellen als ein zusätzlicher Therapieansatz

Des Weiteren haben die Zürcher auch 12 Querschnittgelähmten neuronale, adulte Stammzellen direkt in das Rückenmark gespritzt und sie 60 Monate danach nochmals untersucht. «Wir haben die erste Studie dieser Art gemacht», hebt Curt hervor. Bei einem Teil der Patienten habe man gesehen, dass es zu einer Verbesserung der Sensibilität geführt habe. Nun brauche es noch wirksamere Zellen, sodass der Erfolg grösser sei. All dies seien aber erst kleine Schritte. Und von der klinischen Relevanz noch weit entfernt. Ein Wundermittel sei auch dies bisher nicht.

In einem Video der Mayo Clinic erzählt Jered Chinnock von dem Tag, der sein Leben veränderte, und wie er versucht, dennoch nicht aufzugeben. Er sagt, dass das Training die Muskeln aufgebaut habe. Und was es damals für ein überwältigendes Gefühl gewesen sei, seine Zehen wieder etwas zu bewegen.

Video: Youtube/Mayo Clinic (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.09.2018, 09:07 Uhr

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