Erschöpft bis auf den Grund

CFS, das «Chronic Fatigue Syndrome», ist in der Bevölkerung und sogar bei vielen Ärzten unbekannt. Und doch leiden schätzungsweise 20'000 Menschen in der Schweiz darunter. Sie sind gezeichnet durch schwere Erschöpfungszustände. Und durch das Wissen, dass es für sie keine Hilfe gibt: Was CFS auslöst und wie die Krankheit zu heilen ist, weiss niemand.

Wenn Müdigkeit zum Dauerzustand wird, könnte das Chronic Fatigue Syndrome der Grund sein. Betroffene müssen sich damit abfinden, dass  ihre  physische und psychische Leistungsfähigkeit auf Jahre stark eingeschränkt ist. (Symbolbild)<p class='credit'>(Bild: Colourbox)</p>

Wenn Müdigkeit zum Dauerzustand wird, könnte das Chronic Fatigue Syndrome der Grund sein. Betroffene müssen sich damit abfinden, dass ihre physische und psychische Leistungsfähigkeit auf Jahre stark eingeschränkt ist. (Symbolbild)

(Bild: Colourbox)

«Es begann im Oktober 2002», sagt Ursula Seiler (Name geändert). Die heute 41-jährige Bernerin stand voll ihm Berufsleben. «Ich hatte einen interessanten Job als Teamleiterin bei einem staatlichen Grossunternehmen.» Neben der Arbeit plante sie gerade ihre nächsten Ferien. Für die junge Frau kam ein banaler Strandurlaub nicht in Frage. «Ich suchte immer das Individuelle, das Abenteuer.» Und dieses Mal wollte sie sich einen alten Traum erfüllen: Australien! Das Flugticket war schon gebucht.

«Doch dann überfiel mich plötzlich eine ungewohnte Erschöpfung.» Ursula Seiler dachte an Überarbeitung, Herbstmüdigkeit, gönnte sich mehr Ruhe. Doch trotz viel Schlaf wich die bleierne Müdigkeit nicht. Ihr Chef gewährte ihr drei Tage Auszeit. Danach fühlte sie sich besser. «Ich ging wieder zur Arbeit, doch schon nach einer Stunde war ich völlig fertig», erzählt Seiler. Sie ging zum Arzt. Dieser machte die üblichen Untersuchungen, fand nichts und empfahl zuerst ein Fitnesstraining. «Die ersten Tage ging das gerade so», so Seiler. Dann kam der Zusammenbruch. «Zur völligen Erschöpfung kamen Schwindel und Schlafstörungen.» Der Arzt überwies sie ans Tiefenauspital, wo umfangreiche Untersuchungen durchgeführt wurden.

Nach zehn Tagen im Spital und einer Woche zu Hause plante sie, 50 Prozent zu arbeiten. Es ging nicht. Langsam stellten sich weitere Symptome ein: Ohrenpfeifen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Koordinations- und Gedächtnisprobleme. Seit dem ersten Auftreten der Symptome waren rund eineinhalb Monate vergangen. Ursula Seiler arbeitete nun nur noch 10 bis 25 Prozent. Die Tickets für die Australien-Reise hatte sie zurückgegeben. Und sie hatte noch immer keine Ahnung, was ihr eigentlich fehlte.

Krankhaft erschöpft

«Das ist eine typische Leidensgeschichte für eine CFS-Erkrankte», sagt Paolo Contin. Der Facharzt für Allgemeinmedizin aus Binningen BL hat sich mit seiner Praxis dieser Krankheit verschrieben. Er beschreibt CFS so: «Es ist eine krankhafte Erschöpfung, bei der die physische und psychische Leistungsfähigkeit um mindestens 50 Prozent eingeschränkt ist und die über Jahre andauert. Die Ursachen sind unbekannt, eine wirksame Therapie gibt es nicht.» Zwar stünden immer wieder Viren im Verdacht, beim Ausbruch von CFS eine Rolle zu spielen. Bewiesen sei aber nichts.

Wie viele CFS-Erkrankte kam auch Ursula Seiler erst durch Zufall auf die richtige Spur. «Im Frühling 2003 sah ich im Fernsehen eine ‹Puls›-Sendung zu CFS.» Die beschriebenen Symptome kamen ihr nur allzu bekannt vor. Sie sprach ihren Hausarzt auf CFS an, und der räumte ein, dass sie mit ihrer Selbstdiagnose recht haben könnte. Bis sie diese Diagnose endgültig bestätigt bekam, vergingen aber noch viereinhalb Jahre.

Kollegen ohne Verständnis

Ihr Leben hat sich in dieser Zeit radikal verändert: Sie arbeitete in verschiedenen Pensen mit bis zu 50 Prozent. Die Führungsposition musste sie abgeben. Die Kollegen begannen sie zu schneiden, irgendwann hatte auch die Chefetage kein Verständnis mehr. «Im Frühling letzten Jahres verlor ich meine Stelle.» Seither lebt sie von einer Invaliditätsrente, die ihr die Pensionskasse auszahlt.

Auch ihr Privatleben hat sich verändert. «Meine alten Freunde und Kollegen habe ich fast alle verloren.» Fast niemand nehme sie ernst. Bei vielen stehe sie im Verdacht, psychisch krank zu sein oder gar zu simulieren. Das könne sehr verletzend sein, besonders, wenn man es von Leuten erlebe, die einen lange kennen. «Ich weiss, dass die Krankheit schwer nachvollziehbar ist, viele haben es aber gar nicht probiert.»

Gebessert hat sich an ihrem Zustand in den letzten acht Jahren nichts. «An schlechten Tagen habe ich sogar Mühe, aufrecht zu sitzen.» Der Gang zum Briefkasten wird zur Tortur und der Rand der Badewanne zum grossen Hindernis. «Den Glauben, dass ich irgendwann gesund werde, habe ich verloren», sagt Seiler.

Lernen zu akzeptieren

Was nach Selbstaufgabe tönt, hat laut Paolo Contin durchaus eine Berechtigung. «Menschen mit CFS müssen lernen, die Einschränkungen zu akzeptieren.» Der Kampf gegen die Krankheit sei eine zusätzliche Belastung, die sich CFS-Kranke schlicht nicht leisten können. Viele Erkrankte entwickelten wegen der Dauerbelastung, zusätzlich Depressionen. Darum rät Contin allen Betroffenen dringend, sich bei einem CFS-erfahrenen Therapeuten in psychologische Behandlung zu begeben. «Dort kann man lernen, mit der Krankheit möglichst gut zu leben.»

Das versucht auch Ursula Seiler: «Ich habe mittlerweile gelernt, mich nicht zu überfordern.» Das ist wichtig, wie auch Contin betont, denn jedes noch so kleine Überborden führt zu einem Zusammenbruch, der Tage, ja Wochen anhalten kann.

Auch dass sie wohl nie mehr ferne Länder bereisen wird, kann Ursula Seiler heute akzeptieren. «Noch vor einigen Jahren konnte ich keinen Reiseprospekt mehr sehen. Heute kann ich wieder darin blättern und wenigstens vom Reisen träumen.»

Berner Zeitung

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