Botox gegen Depressionen

Botox bügelt Falten im Alter aus. Das Nervengift soll aber auch gegen Depressionen helfen. An der Universitätsklinik Bern werden bereits Patientinnen und Patienten nach der neuen Methode behandelt.

Nicht nur gegen Falten: Botox scheint auch als Antidepressivum zu wirken.

Nicht nur gegen Falten: Botox scheint auch als Antidepressivum zu wirken. Bild: Getty Images

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Man sieht es ihnen meistens an der Stirn an. So glatt und regungslos wie ein Bergsee. Oder am verzogenen Grinsen wie nach einem Zahnarztbesuch, wenn sich der Mund noch halb taub anfühlt und die Lippen aufgedunsen sind. Frauen und auch Männer, die es mit Botox zu Schönheitszwecken übertrieben haben, geben ein maskenhaftes Bild ab. «Damit hat unsere Behandlung nichts zu tun», stellt Gregor Hasler, Psychiatrieprofessor und Depressionsforscher an der Universitäts­klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern, vorweg klar. «Wir arbeiten mit sehr kleinen Mengen.»

Dass Botox, in der Fachsprache Botulinumtoxin A genannt, auch gegen Depressionen helfen soll, hörte Hasler vor einigen Jahren an einem Kongress von einem US-amerikanischen Dermatologen. Dessen Patientinnen berichteten kurz nach der Injektion des Nervengifts von einer aufgehellten Stimmung. «Anfangs war ich wenig beeindruckt davon, da es sich um Einzelfälle handelte.» In der Zwischenzeit gibt es aber drei grössere placebokontrollierte Studien, die antidepressive Effekte bestätigen.

Falten beeinflussen Psyche

Die Zornesfalte ist ein zentrales Element bei der Behandlung von Depressionen mit Botox. Sie ist die längliche Falte zwischen den Augen, die bei angestrengtem Denken entstehen kann. Manchmal ist es auch der horizontale Ausdruck von Kummer, der über die Jahre ins Gesicht gemeisselt wird. Schon der Evolutionsforscher Charles Darwin nannte sie den Trauermuskel. «Es stimmt, die Lebensart zeichnet sich über die Jahre in den Gesichtern der Menschen ab. Aber das ist nur ein Faktor», erklärt Gregor Hasler, der bereits Patienten mit Botox behandelt. «Die Entstehung der Zornesfalte ist auch eine Frage der Hautbeschaffenheit.»

Frauen neigten im Gegensatz zu Männern eher zu Falten. Frauen erkranken auch häufiger an einer Depression. Wenn Hasler mit der Spritze an den Glabella-Muskeln, wie sie in der Fachsprache heissen, zwischen den Augenbrauen ansetzt, dauert der Eingriff nur wenige Minuten. «Nebenwirkungen gibt es kaum bei diesen kleinen Mengen» so Hasler. «Einige leiden anfangs unter Kopfschmerzen oder kurzzeitigem Schmerz an der Einstichstelle.» Innert ein bis zwei Wochen beginnt das Botox voll zu wirken. Und was passiert mit der Depression in der Zwischenzeit?

Durch die Injektion wird lokal die Kommunikation zwischen Nerv und Muskel unterbrochen. Die Stirn kann also nicht mehr wie ­gewohnt in Sorgenfalten gelegt werden. Das wiederum macht die Amygdala, das Depressions- und Angstzentrum des Gehirns, weniger empfänglich für nega­tive Emotionen. Die «Facial-Feedback-Theorie» besagt, dass Gesichtsmuskelbewegungen die eigenen Gefühle beeinflussen. So kann man beispielsweise auch in entgegengesetzter Wirkung den Spiegel während einer halben Minute anlachen, worauf man sich kurz darauf auch etwas besser fühlen soll. Nach der Infor­mationsverarbeitungshypothese wirkt Botox gegen Depressionen, weil es durch die Lähmung den Hang zum Negativen entschärft.

Gleich und gleich gesellt sich

Weiter hat unser Gesichtsausdruck auch Einfluss auf unser soziales Verhalten. Gleich und gleich gesellt sich gern, besagt ein Sprichwort. Glückliche Menschen umgeben sich gerne mit anderen glücklichen Menschen. Es wird angenommen, dass Depressive durch ihren traurigen Gesichtsausdruck nicht in mimische Übereinstimmung kommen mit ihrem «gesunden» Gegenüber. Worauf sich die fröhlicher gestimmte Person zurückzieht, und der Depressive sich in seiner Negativität bestätigt sieht. «Ein entspannterer Gesichtsausdruck, auch wenn mit Botox nachgeholfen, unterstützt positivere Reaktionen», so Hasler. Dieser positive Austausch hilft gegen die Depression.

In der ästhetischen Hypothese wird angenommen, dass sich die Patienten besser fühlen, weil die glattere Stirn sie verjüngt und attraktiver wirken lässt. Das wiederum führt zu mehr Selbstwert und besserer Laune. Dieser Vergleich hinkt aber etwas. Hasler: «Die Behandlung wirkt auch bei Per­sonen, die keine sichtbare Zornesfalte besitzen.» Die drei bisherigen grossen Studien bestätigen, dass kein nennens­werter Zusammenhang besteht zwischen Ästhetik und weniger Depressivität infolge von Botoxbehandlungen. Auch weil die Lähmung der Glabella-Muskeln nur auf einen kleinen Teil des Gesichts wirkt. Plakativ gesprochen, bleiben die traurigen Augen und hängenden Mundwinkel.

Botox als letztes Heilmittel?

Trotzdem verspricht sich der ­Berner Psychiater Erfolge mit der Behandlung – auch für Menschen, bei denen andere Mittel nicht ausreichend wirken. Hasler: «Die Behandlung mit Botox kann mög­licherweise bei Depressiven ­helfen, bei denen die gängigen Antidepressiva, zum Beispiel die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, nicht anschlagen.» Schwangere und Stillende dürfen aber nicht mit dem Nervengift behandelt werden. Diese neue Behandlungsmethode richtet sich an Menschen, die an leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen leiden.

Botoxin der Depressionsbehandlung ist auch an der Nacht der Forschung der Uni Bernein Thema: 16. September,16 bis 24 Uhr, Grosse Schanze (www.nachtderforschung.unibe.ch). (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 16:41 Uhr

Botox

Lähmendes Gift Botulinum­toxin A, meist nur Botox genannt, ist ein Bakteriengift, das die Übertragung der Reize von Nerven auf die nachgeschalteten Organe unterbindet. An den Nervenenden blockiert das Gift die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin: Es spaltet bestimmte Eiweisse, die für den Transport des Neurotransmitters verantwortlich sind. Entsprechend wirkt das Gift überall, wo Acetylcholin eine Rolle spielt bei der Erregungsübertragung. Es verhindert etwa die Aktivierung und Anspannung von Muskeln, es kann aber auch Schweissdrüsen lahmlegen. Botox ist heute vor allem als Antifaltenmittel bekannt. Ferner wird es eingesetzt gegen übermässiges Schwitzen, Zähneknirschen oder gegen Schielen. Und jetzt neuerdings eben auch gegen Depressionen. Botox ist vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic zugelassen. red/sae

Gregor Hasler (Bild: zvg)

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