Ärzte operieren trotz fehlender Routine

Viele Schweizer Spitäler führen heikle Operationen weniger als einmal pro Monat durch. Das Risiko für Patienten steigt.

Zeichnung: Felix Schaad

Zeichnung: Felix Schaad

Viele Spitäler führten 2013 zahlreiche Operationen noch immer zu selten durch, wie aus den neusten Vergleichszahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) hervorgeht. Aus diesem Grund starben manche Patientinnen und Patienten vorzeitig oder erlitten ernsthafte Komplikationen. Besonders bei heiklen Eingriffen sind Routine und eingespielte Spitalteams wichtig – so für Operationen am Herzen, Behandlungen von Schlaganfällen, den Ersatz von Hüft- und Kniegelenken oder für Kaiserschnitte.

Eine besonders anspruchsvolle Operation ist das Entfernen der Bauchspeicheldrüse, auch Pankreas genannt. Im Jahr 2013 gab es in der Schweiz insgesamt 779 solche Operationen. 53 Patientinnen und Patienten starben laut BAG-Statistik noch im Spital.

Trotz des hohen Risikos von Todesfällen und Komplikationen gab es im Jahr 2013 in der Deutschschweiz immer noch vierzehn Spitäler, welche diese Operation weniger als zehnmal durchführten, sowie weitere sechs Spitäler, die dies weniger als zwanzigmal taten, also nicht einmal alle vierzehn Tage eine solche Operation vornahmen.

Zehn Eingriffe pro Jahr gelten in Deutschland und andern Ländern als absolutes Minimum. Die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) wollte 2013 den Spitälern vorschreiben, dass sie nach einer Übergangsfrist mindestens zwanzig Operationen pro Jahr erbringen müssen, um weiterhin einen Leistungsauftrag zu erhalten. In ihrer Begründung stellte die GDK fest: «Für die Pankreas-Resektion gibt es gesicherte wissenschaftliche Evidenz, dass Krankenhäuser mit grösseren Behandlungsvolumina eine niedrigere Mortalität und bessere Langzeitergebnisse aufweisen.»

Doch sechzehn Spitäler fochten den Beschluss der GDK an. Das juristische Geplänkel hat zur Folge, dass die GDK-Vorgaben noch nicht für alle Spitäler verbindlich sind. Das BAG würde es allerdings «begrüssen, wenn die einzelnen Kantone und die Spitäler den GDK-Beschluss freiwillig umsetzen würden». Spitäler mit weniger als zehn Operationen pro Jahr sollten «auf Pankreas-Eingriffe verzichten».

Weniger Risiken an Unispitälern

Die BAG-Statistik vergleicht die tatsächlichen Sterbefälle mit der je nach Alter und Geschlecht der Patienten zu erwartenden Zahl. Je älter die Patienten, desto komplizierter seien tendenziell die Fälle, weshalb die schwierigen Fälle «durch die Altersstandardisierung mittelbar mit berücksichtigt» seien, heisst es beim BAG. Trotzdem begründen Universitätsspitäler häufigere Komplikationen und Todesfälle oft damit, kompliziertere Fälle zu behandeln.

Umso mehr überrascht es, dass das Risiko einer Operation der Bauchspeicheldrüse in Universitätsspitälern kleiner ist als in andern Spitälern. Es lohnt sich also, für eine Pankreas-Operation ein Universitätsspital oder sonst ein grosses Spital mit hohen Fallzahlen aufzusuchen.

Die BAG-Zahlen lassen die Risiken pro Spitalkategorie (Universitäts-, Zentrums- und regionale Allgemeinspitäler) über mehrere Jahre hinweg zwar nicht genau berechnen, weil das BAG die Todesfälle von Spitälern, die weniger als zehn Operationen durchführten, nicht veröffentlicht. «Doch tendenziell gehen Patienten bei Pankreas-Operationen grössere Risiken ein, wenn ein Spital klein ist und es nur wenige Operationen durchführt», erklärt Josef Hunkeler, der die vom BAG veröffentlichte Statistik im Detail ausgewertet hat. Hunkeler war jahrelang Gesundheitsspezialist beim Preisüberwacher.

Attraktivität des Spitals erhalten

Unter den Spitälern, die seit Jahren zu wenige der heiklen Bauchspeicheldrüsenoperationen durchführen, fallen im Berichtsjahr 2013 einige kleinere Kantonsspitäler sowie Privatkliniken der Hirslandengruppe auf. Im Jahr 2014 hätten Hirslandenspitäler, in denen Bauchspeicheldrüsen operiert wurden, mindestens zehn Eingriffe vorgenommen, versichert deren Sprecher Claude Kaufmann. Hirslanden habe gegen den Beschluss der GDK rekurriert, weil es «keine fixen Schwellenwerte» gebe. Tatsächlich sei jede verordnete Fallzahl eine willkürliche, lautete bereits 2013 das Fazit eines internationalen Forums über die Qualität der Gesundheitsversorgung in London. Doch generell gelte: Je höher die Fallzahlen, desto weniger Komplikationen und Todesfällen träten tendenziell auf.

Das Kantonsspital Glarus, das gemäss BAG-Zahlen 2013 nur drei Pankreas-Operationen vornahm und seit 2008 insgesamt nur zwölf, will auf diese Eingriffe nicht verzichten: «Wir haben einen entsprechenden Leistungsauftrag vom Kanton», begründet Direktor Markus Hauser diese Haltung. Für die Qualität würden «die aktuellen Fallzahlen genügen». Dank der Anstellung eines Spezialisten für Viszeralchirurgie seien – anders als es die BAG-Statistik ausweist – 2013 sieben Operationen durchgeführt worden, 2014 acht und in diesem Jahr bisher sechs. Es gehe schliesslich auch darum, die «Attraktivität des Kantonsspitals Glarus für alle Bereiche der Medizin und Pflege als Arbeitgeber zu erhalten», erklärt der Spitaldirektor.

Holland halbierte Todesfälle

In Holland haben sich die Spitäler schon längst spezialisiert. Es gibt dort, auf einer gleich grossen Landesfläche, im Verhältnis zur Bevölkerung nur ein Viertel so viele Spitäler wie in der Schweiz. «Seit den 90er-Jahren ist klar, dass die Fallzahlen einen grossen Einfluss auf die Qualität der chirurgischen Eingriffe haben», sagt Jan Maarten van den Berg vom niederländischen Gesundheitsinspektorat. Er überwacht den Erfolg von Operationen in Hollands Spitälern.

Die holländischen Krankenkassen können Spitaloperationen von der Versicherungsdeckung ausschliessen, wenn diese zu selten durchgeführt werden. Das war ein Anreiz für die Spitäler, sich zu spezialisieren. Im Gegensatz zum Schweizer BAG erfasst Holland nicht nur die Todesfälle, die sich während der Operation oder noch während des Spitalaufenthalts ereignen, sondern auch die Todesfälle bis zu einem Monat nach Spitalaustritt. In diesem Zeitraum sterben heute in den Niederlanden nur noch halb so viele Patienten nach der Entfernung der Bauchspeicheldrüse wie noch vor sieben Jahren, freut sich Jan Maarten van den Berg. Wesentlich dazu beigetragen hätten höhere Fallzahlen und das seriöse, kontrollierte Erfassen und Vergleichen von Komplikationen.

Tages-Anzeiger

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