Mit 27 erfand er die Welt neu

Hundert Jahre vor der Higgs-Euphorie revolutionierte Niels Bohr das Bild der Materie. Der Weg führte zur schlimmsten Erfahrung der Menschheit, der Atombombe.

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Matthias Meili@MatthiasMeili

Das Cern schrieb diese Woche Physikgeschichte mit der Entdeckung eines Higgs-ähnlichen Teilchens, benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs, der das Elementarteilchen vor 50 Jahren voraussagte. Doch die so erfolgreiche Vorstellung der Materie wurde bereits vor 100 Jahren vom dänischen Physiker Niels Bohr angedacht, der damals ein bahnbrechendes Atommodell vorschlug. Er war später auch entscheidend an der Gründung des Cern beteiligt. Nun hat der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer ein Buch über das Leben dieses herausragenden, aber noch immer oft unterschätzten Atomphysikers geschrieben.

Es ist keine gewöhnliche Biografie. Vielmehr erzählt Fischer an Bohr eine Kulturgeschichte der Physik von den ersten Erkenntnissen aus der Welt der winzigen Atome bis zur alles zerstörenden Bombe, mit der die Physik ihre Unschuld verlor. Das physikalische Wissen kulminierte in dem Moment, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, schreibt Ernst Peter Fischer: Aus Denkern und Forschern waren plötzlich Angehörige verfeindeter Staaten geworden, die sich für ihr Vaterland einsetzten.

Aussergewöhnlich normal

Niels Bohr wurde 1885 in Dänemark als Sohn des Medizinprofessors Christian Bohr geboren. Seine Laufbahn war geradliniger als zum Beispiel diejenige von Einstein. Er studierte Physik, doktorierte, heiratete im Alter von 26 Jahren Margarethe, die er in einem Debattierklub für Studenten kennen gelernt hatte. Ein Jahr später publizierte er seine Einsichten über die Struktur der Atome, die die Forschung in völlig neue Bahnen lenkte. Er wurde Professor, gründete sein eigenes Institut und war in Dänemark ein allseits respektierter Wissenschaftler. Bereits 1922 erhielt er den Nobelpreis für Physik.

Bohr war ein ordentlicher Wissenschaftler, stets gepflegt gekleidet, mit einem geordneten Familienleben als Vater von sechs Söhnen. Beinahe das Gegenstück zum unkonventionellen Einstein mit seinem wirren Haar. Doch Bohrs Ideen waren noch revolutionärer als Einsteins Gedanken, mit dem er sich später legendäre und zum Teil humorvolle Auseinandersetzungen über das Atom und die Welt lieferte.

Was geschah auf dem Spaziergang mit Heisenberg?

Fischer verliert sich nicht in einem Psychogramm des Beschriebenen, er versucht auch nicht, die Brüche in Bohrs Leben zu deuten. Der studierte Mathematiker und Physiker Fischer, der schon Biografien von Max Planck und Werner Heisenberg aufgelegt hatte, legt den Schwerpunkt auf die wissenschaftsgeschichtlichen Aspekte. Doch diese Kreuzfahrt durch den Ozean des Wissens und die damit verbundenen philosophischen Einsichten allein sind hoch spannend. Bohrs Institut am Blegdamsvej in Kopenhagen wurde ab den späten 20er-Jahren zu einem friedlichen intellektuellen Weltzentrum, wo sich Physiker wie Heisenberg, Erwin Schrödinger und andere Grössen trafen und unter der stets freundlichen Leitung von Niels Bohr Gedanken austauschten.

Bohrs Geschichte gipfelt im viel beschriebenen Besuch seines Freunds Werner Heisenberg in Kopenhagen mitten im Weltkrieg im September 1941. Noch heute ist unklar, was auf dem kurzen Spaziergang geschah, von dem Bohr hoch erzürnt zurückkehrte. Möglich, dass Heisenberg im Auftrag der Nazis herauszufinden suchte, was Bohr und die Alliierten über den Bau der Atombombe wussten. Bohr verwies Heisenberg nach dem Besuch jedenfalls aus dem Hause. Damit endete auch eine intellektuelle Freundschaft unter Wissenschaftlern, welche die Welt in Friedenszeiten unendlich bereichert hat.

Tages-Anzeiger

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