Guerillakult der Neonazis

Die mutmassliche rechtsextreme Werwolf-Zelle orientiert sich am mythischen Partisanenkampf der Nazis. Was ist dran an der historischen Geschichte der Werwölfe?

Rief die Werwölfe ins Leben: Heinrich Himmler, bei einem Truppenbesuch im Sommer 1944.

Rief die Werwölfe ins Leben: Heinrich Himmler, bei einem Truppenbesuch im Sommer 1944.

(Bild: Keystone)

Fahnder aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz durchsuchen derzeit Wohnungen und Gefängniszellen von Neonazis. Im Fokus steht eine international agierende Neonazi-Gruppe, welche laut den Ermittlern das politische System Deutschlands beseitigen wollte. Die Rechtsextremen orientieren sich offenbar an der sogenannten Werwolf-Taktik der Nazis im Zweiten Weltkrieg.

Als Namensgeber gilt Heinrich Himmler, der während der Kriegsjahre das Amt des obersten Leiters der Polizeidienste und der Schutzstaffel (SS) der NSDAP innehatte. Als die Deutschen ab 1944 an der Westfront durch Briten und Amerikaner zunehmend in Bedrängnis gerieten, begann Himmler mit dem Aufbau einer Widerstandsbewegung in den deutschen Grenzgebieten, der Werwölfe.

Partisanen töteten blutig und gnadenlos

Die Bezeichnung geht laut verschiedenen Experten auf den Roman «Der Wehrwolf» des Journalisten und Heimatdichters Hermann Löns aus dem Jahr 1910 zurück. Löns beschreibt darin eine Partisanengruppe, die sich im Jahr 1623 während des Dreissigjährigen Kriegs gegen marodierende Söldnertruppen zur Wehr setzte. Von einer alten Wallburg aus töten die aufrührerischen Bauern blutig und gnadenlos.

Die Werwölfe unter Himmler sollten durch gezielte Sabotage- und Terrorakte vor allem die eigenen Truppenverbände an der Front entlasten. Zudem versuchten die Parteifunktionäre, in der kriegsmüden deutschen Gesellschaft eine Widerstandsmentalität zu wecken, und bedienten sich mit dem Werwolf einer verklärten germanischen Sagengestalt.

Angebliche Erfolge in den Schlagzeilen

Doch trotz der Bemühungen blieben die Organisation und die Wirksamkeit der Werwolf-Gruppen für den Kriegsverlauf unbedeutend und weit hinter den Erwartungen der Nazi-Oberen zurück. Laut dem Deutschen Historischen Museum (DHM) war die Ermordung des Aachener Bürgermeisters Franz Oppenhoff durch Werwölfe die propagandistisch wirksamste Aktion. Die Kämpfer drangen am 25. März 1945 mit Fallschirmen in die von den Amerikanern besetzte Stadt ein.

Gegen Ende des Krieges steuerte die deutsche Staatspropaganda ihrem Höhepunkt zu. Zeitungsartikel, welche die angeblichen Erfolge von Werwolf-Einheiten priesen, waren an der Tagesordnung. Laut dem DHM liess Joseph Goebbels als Generalbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz im März 1945 eine neue Werwolf-Mentalität verlauten.

Der Werwolf solle als Einzelkämpfer immer und überall gegen den Feind vorgehen. Die darauf folgenden Erschiessungsaktionen richteten sich dann aber auch gegen «wehrunwillige» deutsche Soldaten und Zivilisten.

Verbot einer Modemarke

In den vergangenen Jahrzehnten folgte eine erneute Verklärung der Werwolf-Truppen. Neonazi-Kreise bedienten sich der Symbole der vermeintlichen Rächer des Hitler-Regimes, Bands aus der Rechtsrockszene und Wehrsportgruppen wurden nach ihnen benannt und tragen das sogenannte Wolfsangel-Logo. 2001 verbot das Deutsche Patent- und Markenamt den Registereintrag der Modemarke Werwolf Germany.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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