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Eigennutz der Wähler brachte Hitler an die Macht

In freien Wahlen wurden die Nazis 1932 zur grössten Partei der Weimarer Republik. Eine Studie der Uni Zürich zeigt nun, dass viele Wähler sich aus ökonomischer Sicht «normal» verhielten.

Hitlers Zeitung über Hitlers Aufstieg: Exemplar des berüchtigten «Völkischen Beobachters».
Hitlers Zeitung über Hitlers Aufstieg: Exemplar des berüchtigten «Völkischen Beobachters».
Keystone

Ein knappes Jahrzehnt benötigte Adolf Hitlers NSDAP, um von einer Randgruppe zur grössten Partei der damaligen Weimarer Republik zu werden: Im Jahr 1924 erhielten die Nazis noch rund 3 Prozent der Wählerstimmen, doch schon im Juli 1932 erzielten sie 37,4 Prozent. In der Forschung gilt dieses Wahlverhalten der damaligen Bevölkerung als einzigartig. Viele Historiker weisen Vergleiche mit anderen Wahlen als irrelevant zurück und betrachten die Weimarer Wahlen als ein Paradox: Wie konnte eine antidemokratische Partei wie die Nazis aus freien, fairen Wahlen als Sieger hervorgehen?

Eigeninteressen als wichtige Triebfeder

Nun zeigt eine neue Studie, dass sich die Wähler damals nicht ganz so aussergewöhnlich verhielten. Alexander Wagner vom Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich untersuchte gemeinsam mit Forschern aus den Vereinigten Staaten, welche Bevölkerungsgruppen von 1924 bis 1933 am stärksten zur NSDAP überschwenkten – und was ihre ökonomischen Interessen waren. «Wir fanden heraus, dass jene Gruppen sich am stärksten den Nazis zuwandten, die ökonomisch am meisten von der Nazi-Politik profitierten», erklärte Wagner auf Anfrage.

In einem ersten Schritt nahmen die Forscher Parteiprogramme, Ansprachen und Analysen zeitgenössischer Beobachter unter die Lupe. Sie prognostizierten, dass selbständige Kleinunternehmer und Haushalts- und Bauernhofangestellte für die Nazi-Propaganda besonders anfällig waren: Diesen Gruppen boten die Nazis die stärksten Anreize. Statistische Auswertungen der verschiedenen Urnengänge zeigten danach tatsächlich, dass Kleinunternehmer überdurchschnittlich stark zur NSDAP rutschten. Arbeitslose, Industriearbeiter und Handwerker hingegen weigerten sich überproportional häufig, die Nazis zu wählen; sie gaben ihre Stimme eher den Kommunisten.

Auch dieses Phänomen können ökonomische Überlegungen erklären: Für einen Arbeitslosen waren von den Nazis propagierte Werte wie Autonomie und Unternehmertum nicht sehr attraktiv. Schwerer hatten es die Nazis zudem in katholischen Gebieten: Über wohltätige Organisationen unterstützte die katholische Kirche nämlich in beträchtlichem Umfang ihr treue Parteien wie das «Zentrum» und die «BVP».

Ökonomie nur einer von vielen Aspekten

Wie es zum Aufschwung der Nazis in Deutschland kommen konnte, können die Forscher mit ihrer Studie freilich nicht abschliessend erklären, wie Wagner einräumt. «Selbst ein eingefleischter Ökonom würde nicht behaupten, dass nur das Eigeninteresse beim Wahlverhalten eine Rolle spielt.» Doch das ökonomische Motiv sei immer latent präsent. Und in der Weimarer Republik – also nach dem Börsencrash von 1929 – sei es sicher besonders stark angesprochen worden. «Und auch heute werden Wahlen oft praktisch ausschliesslich von ökonomischen Themen dominiert», sagt Wagner.

Die Studie wirft ihren Autoren zufolge auch die Frage auf, wie sicher es ist, dass eine Partei wie die NSDAP in einem europäischen Land nie mehr an die Macht kommt. Der Aufstieg von rechtsextremen Parteien in verschiedenen Ländern zeige, so Wagner, dass man sich nicht zu sicher sein sollte. Es dürfe nicht vergessen werden, dass die NSDAP in den Jahren bis 1933 nie die absolute Mehrheit erlangte. «Aber selbst ein Stimmenanteil von etwas über 30 Prozent genügte, um ein System völlig aus den Angeln zu heben», so der Wissenschaftler.

SDA/raa

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