Die Steinzeit war gar nicht so

Männer jagten, Frauen kochten? Die Urgeschichte dient oft dazu, Geschlechterrollen zu begründen. Bloss: Es stimmt nicht.

Ein scheinbar ganz normaler Tag in einer Höhle zu Beginn der Menschheitsgeschichte: Die Männer kommen von der Jagd nach Hause, die Frauen kochen und nähen. Foto: Getty Images

Ein scheinbar ganz normaler Tag in einer Höhle zu Beginn der Menschheitsgeschichte: Die Männer kommen von der Jagd nach Hause, die Frauen kochen und nähen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Vorstellung, dass Männer in der Urgeschichte Mammuts jagten, während die Frauen Beeren sammelten und in der Höhle die Kinder hüteten, hält sich hartnäckig. Klingt auch logisch, schliesslich sind Männer im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Der Mann als Versorger und Jäger, also die Frau als Hausfrau und Mutter. Wirklich? «Die Urgeschichte dient oft als Folie, um heutige Geschlechterrollen zu begründen», sagt die Archäologin Brigitte Röder von der Universität Basel. «Tatsächlich haben wir keine Schilderungen aus dieser Zeit. Wir haben nur Überreste der materiellen Kultur, vor allem Müll und Ruinen. Über Mann und Frau steht da nichts.»

Trotzdem wird immer wieder gern auf die tiefe Vergangenheit verwiesen. Es geht dann um Macht und Sexualtrieb und darum, inwieweit Männern auch heute noch etwas Animalisches innewohnt. Ob der heutigen Genderdebatte mit Erkenntnissen aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte überhaupt gedient ist, sei dahingestellt. Denn die Erkenntnislage ist ziemlich dünn. Letztlich finden sich nur indirekte Hinweise darauf, wie Männer und Frauen damals wohl zusammenlebten, wie monogam der Sex in der Steinzeit war, wer für die Kindererziehung zuständig war und wer für den Haushalt.

Neu: Höhlenmalerinnen

Immerhin reichen die Befunde, um so manches Klischee zu zerstören. So ging man lang ganz selbstverständlich davon aus, dass die grandiosen, über 30 000 Jahre alten Höhlenzeichnungen aus Chauvet oder Lascaux von männlichen Künstlern stammten, dass also Männer dort ihre Jagdeindrücke verarbeiteten und Szenen mit Mammuts, Stieren oder wilden Pferden kraftvoll auf die Wände brachten. Dann kam die Überraschung. Der US-amerikanische Archäologe Dean Snow analysierte die farbigen Handabdrücke auf den Wänden von acht französischen und spanischen Steinzeithöhlen und stellte fest, dass etwa drei Viertel davon von Frauen stammen.

Jedes Mitglied einer Gruppe musste seinen Beitrag zum Überleben leisten.


«Lange Zeit haben fast ausschliesslich männliche Archäologen das Bild der Urgeschichte geprägt», sagt Brigitte Röder. «Mit dem Familien- und Geschlechtermodell der Bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts im Kopf ­haben sie jedes Puzzlestück aus der Vergangenheit in diesem Sinne interpretiert.» Heute muss es darum gehen, möglichst unvoreingenommen auf die Überreste verschwundener Kulturen zu schauen. «Die sterblichen Überreste ermöglichen den unmittelbarsten Zugang zu den Lebensverhältnissen der Vergangenheit», sagt Röder. So zeigen Knochenfunde aus der Steinzeit, dass Männer und Frauen wohl einst gleich gross und kräftig waren; erst mit der Sess­haftigkeit entwickelten sich die Körper unterschiedlich.

Dies passt zu ethnografischen Studien. Die amerikanische Prähistorikerin und Steinzeit-Genderforscherin Linda Owen beobachtete bei heute lebenden Jäger- und Sammler-Kulturen in Nordamerika, dass die Arbeitsteilung dort weniger nach Geschlecht erfolgt als nach Alter: Jüngere sorgen für Nahrung, und Ältere, die nicht mehr beweglich sind, bleiben in der Nähe des Lagers. Zur Jagd gehen Männer und Frauen gemeinsam. In der Steinzeit hätten auch Frauen Kleintiere gejagt, Waffen gebaut und Wurzeln und Beeren gesammelt und so mehr als zwei Drittel des gesamten Kalorienbedarfs einer Sippe beschafft, meint Owen. Die Vorstellung einer strikten Rollentrennung sei ein «Steinzeitklischee». Das «schwache» Geschlecht könne gar nicht so schwach gewesen sein. Jedes Mitglied einer Gruppe musste seinen Beitrag zum Überleben leisten.

Fünf Stunden pro Tag mahlen

Dies war offenbar die Situation bis zur Jungsteinzeit. Dann, vor 7000 Jahren, wurden die Menschen in Europa sesshaft. Aus dieser Zeit gibt es neueste Knochenfunde, die ebenfalls interessante Erkenntnisse zutage fördern. Forscher der Universität Cambridge haben die Oberarmknochen von prähistorischen Bäuerinnen untersucht: Die Frauen hatten um 30 Prozent stärkere Arme als heute lebende Frauen. Sie waren sogar kräftiger als die von Mitgliedern des ­berühmten Cambridge-Ruderclubs, die dem Wissenschaftler als plakativer Vergleich dienten.

Die Forscher um Alison Macintosh glauben, dass das mit ihrer zentralen Rolle in der Landwirtschaft zu tun hatte. «Wir wissen nicht genau, welches Verhalten zu den starken Knochen bei den Frauen führte», sagt Macintosh. «In der frühen Landwirtschaft war aber eine Hauptaufgabe, die Getreidekörner zu Mehl zu verarbeiten, das machten vermutlich die Frauen.» Das geschah mit Reibmühlen per Hand. Fünf Stunden pro Tag waren die Frauen damit wohl beschäftigt, schätzen die Forscher.

Es bleibt die Erkenntnis, dass Verhältnisse zwischen den Geschlechtern sehr wandelbar sind.

Damit korrigieren sie ein weiteres Steinzeitklischee, nämlich dass die Erfindung der Landwirtschaft das Leben leichter machte. Im Gegenteil: Es bedeutete harte Arbeit und einen deutlichen zeitlichen Mehraufwand. Frauen besorgten wahrscheinlich das Essen und das Wasser für die domestizierten Rinder und Schafe, verarbeiteten Milch, schlachteten und machten aus Tier­häuten Kleidungsstücke», so Alison Macintosh. Ihr Fazit: Die harte Arbeit der Frauen war für Tausende Jahre ein zentraler Motor der Entwicklung.

Offenbar mit Folgen für den Körper. Im Buch «Lebensweisen in der Steinzeit» schreibt die Basler Anthropologin Sandra Pichler von ersten Belegen für «eine klare Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern». Diese zeige sich etwa am Skelett. «So haben Frauen häufig Verschleisserscheinungen am Hand­gelenk und an den Zehen, die wohl auf eine knieende Arbeitshaltung beim Mahlen des Getreides mit Handmühlen zurückzuführen sind.» Frauen waren also stärker ins alltägliche Erwirt­schaften der Lebensgrundlagen eingebunden als bisher gedacht. Ob sie die Hauptrolle spielten, weiss man nicht. In jedem Fall ist klar, dass der Mann mitnichten der Ernährer war, als der er oft verkauft wird.

Die Familie sah anders aus

Noch interessanter findet Brigitte Röder, dass Gruppen manchmal zwei bis drei Häuser bewohnten und möglicherweise einen gemeinsamen Haushalt bildeten. Die bisherige Vorstellung, dass in jedem Haus stets eine Familie wohnte, kann also nicht stimmen. Röder zieht deshalb weitere Familienformen in Betracht, ­deren Zusammenhalt nicht biologisch, sondern sozial im Sinne einer Solidaritätsgemeinschaft begründet war.

Röder glaubt nicht, dass die Kern­familie die Basis aller urgeschichtlichen Gesellschaften war. «Das ist eine moderne Idee», sagt sie. «Im Kulturvergleich spielt die soziale Verwandtschaft eine wesentlich grössere Rolle als die genetische.» Menschen also, die nicht biologisch verwandt sind, aber eng zusammenleben und nicht nur Dinge teilen, sondern auch die Erziehung der Kinder.

Es bleibt die Erkenntnis, dass Geschlechterverhältnisse sehr wandelbar sind, wie Brigitte Röder sagt. Wenn uns die Vergangenheit etwas lehrt, dann das: Die meiste Zeit der gut zweieinhalb Millionen Jahre alten Menschheits­geschichte ging es schlicht darum, zu überleben. Dazu trugen Männer, Frauen und Kinder bei, so gut sie eben konnten. Was eben auch bedeutet, dass Männer Beeren pflückten und Frauen auf die Jagd gingen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 14:45 Uhr

Artikel zum Thema

Forscher finden am Greifensee 5000 Jahre alten Schuh

Archäologen haben am Greifensee einen sensationellen Fund gemacht: Einen fast vollständig erhaltenen Schuh aus der Steinzeit. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So einfach geht gute Verdauung

Geldblog So vergolden Sie sich ihren Lebensabend

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...