«Die Entscheidung für Hitler war logisch»

Interview

Vor 80 Jahren, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt. Historiker und NS-Forscher Kurt Bauer erklärt, was an diesem Tag genau geschah und warum es eine «Machtübertragung» war.

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Herr Bauer, was ist am Tag der Machtergreifung Hitlers passiert? Reichspräsident Hindenburg tat an diesem Tag, was er in den vorangegangenen Jahren schon oft getan hatte: einen neuen Reichskanzler ernennen. Der neue Kanzler war der Führer der stärksten Partei. Die Entscheidung für Hitler kann man wertfrei gesehen als logisch bezeichnen. Diese stärkste Partei, die NSDAP, verfügte neben dem Kanzler aber nur noch über zwei weitere Sitze im neuen Kabinett. Man konnte also annehmen, dass von dieser neuen Regierung keine besondere Gefahr ausgehen würde.

Es war also eine ganz normale Kanzlerwahl? Wer die damaligen Zeitungen durchblättert, wird erkennen, dass keine übermässig grosse Aufregung über die Ernennung Hitlers herrschte. Das Ereignis wurde registriert. Es gab grosse Schlagzeilen, gewiss. Aber den Epochenbruch, den der 30. Januar 1933 rückblickend darstellt, erkannte damals so gut wie keiner.

Wie gelang dem Nationalsozialismus der Aufstieg? Es lassen sich mehrere Etappen unterscheiden. Insgesamt würde ich den Nationalsozialismus als eine Ausgeburt der Krise bezeichnen. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, erlebte der Nationalsozialismus in der Krise von 1923 einen ersten fulminanten Aufstieg. Mit dem missglückten Münchner Putsch vom 8./9. November 1923 endete dieser erste Erfolg jäh.

In den relativ besten Jahren der Weimarer Republik von 1924 bis 1929, den Goldenen Zwanzigern, war die NSDAP eine in der Öffentlichkeit wenig beachtete Kleinpartei am äussersten rechten Rand des politischen Spektrums.

Und wie wurde die NSDAP zur stärksten Partei? In der verheerenden Krise der Weltwirtschaft ab 1929 stieg die NSDAP zur grössten und stärksten Partei auf. Aber selbst bei der Reichstagswahl vom Sommer 1932 stimmte kaum mehr als ein Drittel aller Deutschen für Hitler. Und zu Jahresende 1932 ging es bereits wieder bergab mit dem Nationalsozialismus. Dass Hitler ausgerechnet in dieser Phase des Niedergangs an die Macht kam, ist geradezu ein Treppenwitz der Geschichte.

Aber ein Zufall war es auch nicht. Wie erklärt sich die aktuelle historische Forschung den Aufstieg der Nationalsozialisten? Da gibt es so viele Erklärungsansätze, dass man sie kaum überschauen kann. Was mir am wichtigsten scheint: Ohne die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts», den Ersten Weltkrieg, hätte es keinen Nationalsozialismus gegeben. Die Oktoberrevolution 1917 löste eine panische Bolschewismusfurcht aus. Sie hatte katastrophale Auswirkungen auf die bürgerlichen Schichten des Westens. Ebenso wenig darf man die Bedeutung des Versailler Vertrags vergessen. Dieser wurde von allen Deutschen als nationale Schmach, als Demütigung und himmelschreiende Ungerechtigkeit empfunden. Ralf Georg Reuth hat sich in seinem interessanten Buch «Hitlers Judenhass» mit diesen Fragen befasst. Und natürlich ist der wichtigste Punkt die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Die dadurch ausgelöste Not von Millionen von Menschen machte es möglich, alte Ängste, alte Feindbilder und Klischees («jüdischer Bolschewismus», «jüdischer Kapitalismus», «Dolchstoss von hinten» etc.) zu reaktivieren.

Auffällig ist auch, dass zu Ende der Weimarer Republik die beiden totalitären Flügelparteien – die Nationalsozialisten und die Kommunisten – zusammen mehr als 50 Prozent der Stimmen hatten. Weimar war zu diesem Zeitpunkt eine Demokratie ohne Demokraten.

Was war die Konsequenz von Hitlers Machtergreifung? In der historischen Forschung hat es sich durchgesetzt, den 30. Januar 1933 als «Machtübertragung» und nicht als «Machtergreifung» zu betrachten. Hitler wurde an diesem Tag von den nationalkonservativen Eliten die Macht übertragen. Man hat sie ihm gleichsam in den Schoss gelegt. Die wichtigste unmittelbare Konsequenz des 30. Januar 1933 war dann die eigentliche «Machtergreifung» Hitlers: Er hat ungemein rasch und konsequent die Reste der demokratischen Republik von Weimar ausgehebelt.

Gab es keinen Widerstand? Hitler agierte mit einer Mischung aus scheinlegalen Massnahmen und offener, brutaler Gewalt. Ohne die vorangegangene Machtübertragung durch die nationalkonservativen Eliten wäre das nicht möglich gewesen. Hitler standen der gesamte staatliche Apparat und alle Machtmittel zur Verfügung. Das war entscheidend. Die NS-Machtergreifung war alles andere als eine Sozialrevolution, auch wenn die Nazis das später gerne so hingestellt hatten. Es war nicht einmal eine nationale Revolution. Es war ein brutaler Staatsstreich auf Raten. Für mich als Österreicher ist es auch frappierend zu sehen, wie schnell die Ereignisse im Deutschen Reich unmittelbare und fatale Auswirkungen auf die Erste Republik Österreich hatten. In ähnlicher Weise strahlten die Vorgänge destruktiv auf alle Nachbarländer aus.

Welches waren längerfristige Konsequenzen? Mittelfristig zerstörte Hitler die Ansätze eines europäischen Friedenssystems, wie sie die Locarno-Verträge und der Völkerbund anstrebten. Die gewichtigste Konsequenz war natürlich der Zweite Weltkrieg. Im Gegensatz zu vielen eher funktionalistischen NS-Forschern bin ich der Meinung, dass Hitler vom ersten Tag seiner Machtübernahme an konsequent auf einen solchen grossen Krieg hingearbeitet hat. Mit ihm sollten die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges revidiert werden.

Was bedeutet die Erinnerung an den Nationalsozialismus für uns als Zeitgenossen? Wichtig ist es, die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts mutig und offen in den Blick zu nehmen. Der Historiker Peter H. Merkl hat als Zusammenfassung eines dicken Buchs über politische Gewalt unter dem Hakenkreuz geschrieben: «There is a little of the Nazi in us all.» Der Nationalsozialismus war keine Randerscheinung, er kam aus der Mitte der Gesellschaft. Und er wäre in der einen oder anderen Form in vielen Gesellschaften möglich gewesen. Niemand glaube, davor gefeit zu sein.

Und wie kann man Bewusstsein dafür schaffen? Lehrerinnen und Lehrer haben hier eine Schlüsselfunktion: Sie sollten offen an alle damit zusammenhängenden Fragen herangehen: nicht nur moralisieren und verdammen, sondern die Hintergründe beleuchten. Nichts vereinfachen, nichts verdrängen und vertuschen. Denn damit kann man junge Menschen nicht überzeugen. Elias Canetti hat in «Masse und Macht» geschrieben: «Was geschehen ist, kann wieder geschehen.» – Aber das will ich nicht fatalistisch verstehen, sondern als Warnung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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