Als die Schweiz Napoleon die Stirn bot

1815 glaubt Europa, Napoleon endgültig besiegt zu haben. Doch der Korse kehrt aus seiner Verbannung zurück und mobilisiert Truppen. Zur Verteidigung lässt die neutrale Schweiz vor 200 Jahren nicht nur im Berner Seeland eine Feldbefestigung bauen – sondern marschiert auch in Frankreich ein.

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Jon Mettler@jonmettler

Ausgerechnet die neutrale Schweiz startete vor 200 Jahren einen Angriffskrieg. 20'000 Soldaten der Schweizerischen Eidgenossenschaft – zusammengesetzt aus den Milizen von 19 Kantonen – überschreiten am 3. Juli 1815 die Grenze zur Freigrafschaft Burgund im Osten Frankreichs. Auslöser sind eine einstündige Beschiessung von Basel sowie Grenzverletzungen durch französische Truppen.

Die Schweizer Befehle lauten: Napoleonische Freikorps verfolgen und günstige Verteidigungspositionen halten. Die Einheiten nehmen die französischen Orte Jougne und Pontarlier sowie zwei Festungen ein.

Schweizer Kreuz am Arm

Die Schweizer Besatzer, erstmals erkennbar an einem Band am linken Arm von scharlachrotem Tuch mit weissem Kreuz, sind bei der Bevölkerung der Franche-Comté wenig willkommen. Ein Aargauer Soldat beschreibt in seinem Tagebuch einen Vorfall vom 9. Juli 1815: «Nachdem wir drei Stunden so fortgezogen waren, wurden wir im Marsche ein wenig angehalten, da Jemand von den Felsen aus vollem Halse: ‹Vive Napoleon!› rief.»

Die Eidgenossen lassen sich eine solche Provokation nicht gefallen. In gelockerter Linie eröffnen sie das Feuer. Der aufmüpfige Burgunder hat Glück: «Der Kerl ward erblickt, man schoss auf ihn, traf ihn aber nicht, und er nahm Reissaus», steht im Tagebuch des Aargauer Soldaten.

Rückkehr nach Paris

Der Einfall der eidgenössischen Armee ins Burgund ist aus Schweizer Sicht der skurrile Höhepunkt von Ereignissen, die im Februar 1815 ihren Anfang nehmen. In Wien tagen die Vertreter von 200 europäischen Staaten, um Europa nach der Niederlage von Napoleons Frankreich neu zu ordnen.

Dabei beeinflussen die Mächtigen auch die Zukunft des heutigen modernen Schweizer Bundesstaats. Da schreckt eine unglaubliche Nachricht den Wiener Kongress auf: Napoleon soll am 26. Februar 1815 aus seiner Verbannung auf Elba geflohen und nach Paris zurückgekehrt sein. Anstatt sich ihm entgegenzustellen, sollen die französischen Truppen den Korsen als Heeresführer empfangen haben.

Aarberg als Bollwerk

Die Schweizerische Eidgenossenschaft befürchtet einen französischen Angriff. Die Erinnerungen an die Invasion Napoleons im Jahr 1798 sind noch allzu lebendig. Die lange Tagsatzung in Zürich beschliesst deshalb eine Teilmobilmachung und lässt 5000 Mann die Grenze zwischen Genf und Basel bewachen. Am 20. März 1815 wählen die Abgesandten der Kantone Niklaus Franz von Bachmann An-der-Letz zum ersten General der neueren Schweizer Geschichte.

Um die Heimat zu verteidigen, wählt der Glarner Oberbefehlshaber eine Taktik, die für Schweizer Verhältnisse der Zeit voraus ist. Statt die Truppen entlang der Grenze zu Frankreich zu verteilen, setzt der 72-Jährige auf vereinte Kräfte in einem Raum: «Ich gedenke also unsere Armee in 3 Hauptcorps aufzustellen, wovon das stärkste in der Gegend von Aarberg, ein zweites in jener von Yverdon und ein drittes in jener von Liestal concentrirt werden dürfte», schreibt der General an den Zürcher Tagsatzungspräsidenten David von Wyss.

Im Falle eines Angriffs sollte demnach Napoleon bei Aarberg aufgehalten werden. Das Seeland drängt sich dafür auf. Bei der Aarbergerbrücke laufen die Strassen aus Yverdon/Murten, Neuenburg und Biel zusammen. Es sind wichtige Routen, um von Frankreich aus schnell in die Schweiz vorzudringen. Um das Landesinnere zu erreichen, muss der Feind aber erst die reissende Aare überqueren – und dazu eignet sich Aarberg am besten.

Kritik am General

Mit seinen Plänen stösst der General nicht nur auf Begeisterung. «Diese konzentrische Aufstellung war eine Neuheit in der Schweizer Militärgeschichte, die damals von vielen nicht verstanden worden war und wofür Bachmann heftig kritisiert wurde», sagt Fred Heer, ehemaliger Divisionär der Schweizer Armee und amtierender Präsident der General-Bachmann-Gesellschaft.

Der General muss auch nur bedingt auf nationale Befindlichkeiten achten. «Auffallend ist, dass sich die Schweiz weit im Landesinneren verteidigen will», sagt der Historiker Juri Jaquemet, ein Experte für Befestigungen. «Bachmann nimmt bei einem allfälligen Rückzug von der Schweizer Grenze also in Kauf, die heutige Romandie preiszugeben.» Im Juni 1815 beginnen Pioniere mit dem Bau einer Feldbefestigung vor Aarberg. Die Männer heben einen 1,8 Meter tiefen Graben aus und schütten die Erde zu einem 450 Meter langen Wall auf. Dahinter könnten die Soldaten mit Gewehren und Kanonen auf den Feind schiessen und zugleich Schutz suchen. Diese sogenannte Schanze soll 2000 Mann und 15 Kanonen aufnehmen.

Vormarsch wäre nicht zu stoppen gewesen

Doch hätte die Schweiz Napoleon überhaupt stoppen können? «Die Schanze allein – es war 1815 ja nur eine – hätte den Vormarsch nicht aufhalten können», sagt Heer. Diese Frage könne aber nicht isoliert betrachtet werden. Heer verweist auf das Jahr 1830. Damals ist die politische Lage in Europa erneut derart angespannt, dass die Schweiz ein Jahr später das Vorfeld der Aarberger Holzbrücke mit drei zusätzlichen Schanzen erweitert.

Heute noch sichtbar sind die Bargenschanze sowie die Schärpeter-Schanze. Zurück zu 1815: Schlechte Wetterverhältnisse und Personalmangel verzögern die Bauarbeiten in Aarberg bis Ende Juli. Da ist Napoleon bei Waterloo längst vernichtend geschlagen worden. General Bachmann lässt deshalb alle Pläne für einen Ausbau der Feldbefestigungen fallen. Die Schweiz erwirbt in der Folge die Schanze vor Aarberg. Bau und Kauf der Schanze kosten den Bund 19067 Franken.

Heute wären dies 2,2 Millionen Franken. «Die Konzeption und der Bau von Befestigungen brauchen Zeit», sagt Historiker Jaquemet. «Es kam in der Schweizer Geschichte danach immer wieder vor, dass Wehrbauten erst nach Kriegsende fertiggestellt wurden. Im Kalten Krieg wurde dann der Ausbau der Befestigungen auch in Friedenszeiten vorangetrieben – Feindbild, Zeit und Ressourcen waren vorhanden.»

Schlechte Organisation

In Frankreich bekleckert sich die Schweiz nicht mit Ruhm. Zwar sei der Stoss ins Burgund «rein taktisch» erfolgreich verlaufen, sagt der frühere Divisionär Fred Heer. Meutereien, Geldknappheit, Verpflegungsengpässe und eine unentschlossene Tagsatzung führen indes dazu, dass Bachmann den Feldzug entnervt abbricht. Verärgert gibt der General am 26. Juli 1815 sein Kommando ab.

In seinem Rechtfertigungsbericht zeigt er die Mängel des eidgenössischen Wehrwesens auf – etwa die uneinheitliche Ausbildung und Ausrüstung. Bachmanns Erkenntnisse bilden den Grundstein für die Organisation des modernen schweizerischen Militärwesens.

Berner Zeitung

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