Als der D-Day endlich im Radio kam

Heute gelangen Neuigkeiten binnen Minuten an die Öffentlichkeit. Anders war dies 1944: Erst nach Stunden berichteten die ersten Medien über die Landung der Alliierten in der Normandie.

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Wenn dieser Tage die Staats- und Regierungschefs mehrerer Länder in der Normandie an die Landung der Alliierten vor 70 Jahren erinnern, wird die Öffentlichkeit via Nachrichtenticker oder Twitter minütlich über den Ablauf der Feierlichkeiten informiert. 1944 war das ganz anders: Damals war es schwierig, Fotos zu bekommen, geschweige denn Filmmaterial. Bis sich die Nachricht vom D-Day verbreitete, dauerte es Stunden.

Verwirrung beim Rundfunk

«Heute ist der Tag X. Wir werden nun Musik spielen für die Landungstruppen der Alliierten...» Diese Meldung des Soldatensenders Calais am 6. Juni 1944 war nach Angaben der US-Rundfunksenders CBS eine der ersten über das Ereignis. CBS zufolge erreichten erste Berichte über die Invasion die USA kurz nach Mitternacht (Ortszeit). Sie beriefen sich allerdings auf Quellen aus Deutschland, seitens der Alliierten gab es zunächst keine Bestätigung, und die amerikanischen Journalisten sorgten sich, dass es sich um einen Propagandatrick der Nazis handeln könnte. CBS brachte die Nachricht schliesslich, allerdings mit dem Hinweis, dass es eine Falschmeldung sein könnte.

Knapp drei Stunden später unterbrach ein Reporter eine CBS-Sendung, übergab an einen Offizier, der von London aus das «Kommuniqué Nr. 1» verlas: «Unter dem Kommando von General Eisenhower haben alliierte Marine-Einheiten, unterstützt von Luftstreitkräften, heute morgen mit der Landung an der Nordküste Frankreichs begonnen.» Später veröffentlichte auch General Dwight David Eisenhower, von der Truppe «Ike» genannt, eine Erklärung.

Agenturen übernehmen Berichterstattung

Sofort stiegen Nachrichtenagenturen in die Berichterstattung ein, darunter auch die Associated Press. AP-Reporter Wes Gallagher berichtete aus dem Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) in London, 4000 Kriegsschiffe und Tausende weitere Fahrzeuge seien an der Invasion beteiligt. Gegen sechs Uhr morgens habe die Landung an der Küste der Normandie zwischen Le Havre und Cherbourg begonnen. Segelflieger und Fallschirmjäger seien jenseits der deutschen Linien gelandet. Eigentlich hätte die Invasion bereits einen Tag früher stattfinden sollen, meldete Gallagher. Wegen schlechten Wetters sei sie verschoben worden.

Pugh Moore, ein anderer AP-Korrespondent schrieb, Tausende amerikanische und britische Soldaten seien in der Dämmerung auf die Halbinsel Cotentin vorgedrungen und hätten Positionen des Feindes zerstört wie strategisch wichtige Brücken oder Eisenbahngleise. Die AP berichtete an dem Tag ferner, dass US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Vormittag damit verbracht habe, ein Gebet für den Sieg zu schreiben, und er sich gleichzeitig laufend über den Fortgang der Invasion habe unterrichten lassen.

Verlorengegangene Fotos

Ein Fotograf wusste früher als alle andere von der geplanten Landung, wurde aber zur Geheimhaltung verpflichtet: Robert Capa. Der berühmte Kriegsreporter war bei der Landung amerikanischer Truppen in Omaha Beach dabei, und seine Bilder gehörten zu den ersten, die die Amerikaner von der Militäraktion zu sehen bekamen - mit mehr als einer Woche Verspätung. Und es war auch nur ein Teil seiner Bilder: Capa sandte per Kurier vier Filme in die Londoner Redaktion des Magazins «Life». Der Bildredakteur John Morris wartete darauf und übergab sie seinem Assistenten, um sie so schnell wie möglich entwickeln zu lassen. In der Eile, so erzählte der heute 97 Jahre alte Morris kürzlich in einem AP-Interview, hängte der Fotolaborant die entwickelten Filme in den Trockenschrank und heizte diesen zu stark auf - drei der Filme waren komplett ruiniert, auf dem vierten aber waren elf Aufnahmen zu erkennen, die dann veröffentlicht wurden. Heute sind sie bekannt unter dem Namen «The Magnificent Eleven».

Der D-Day in Farbe

Bei der Landung der Truppen war auch ein Filmemacher dabei: George Stevens, Hollywood-Regisseur und späterer Oscar-Preisträger («Ein Platz an der Sonne», «Giganten»), hatte sich zum Militärdienst gemeldet, nachdem er Leni Riefenstahls Propagandafilme über die Parteitage der NSDAP gesehen hatte. Als Leiter der Spezialeinheit Film sollte er die Militäraktion für die Archive dokumentieren. Am D-Day befand er sich an Bord des Kriegsschiffes «HMS Belfast».

Stevens hatte auch eine 16-Millimeter-Kamera dabei sowie mehrere Kodachrome-Filme, um privat Aufnahmen für eine Art Tagebuch zu machen, das er plante. Diese Aufnahmen gerieten in Vergessenheit, jahrzehntelang lagerten sie bei dem Regisseur zu Hause. Erst sein Sohn George Stevens Jr., der einen Dokumentation über seinen Vater drehen wollte, entdeckte das Material. Im AP-Interview erzählt Stevens, wie er die Aufnahmen das erste Mal sah: «Es war eine Art grau-blauer Himmel zu sehen...und es war auf einem Schiff. Und plötzlich wurde mir klar, dass das der Morgen des 6. Juni war....Ich hatte das Gefühl, als erster Mensch den D-Day in Farbe zu sehen.»

Die Dokumentation von Stevens Jr. über seinen Vater erschien 1994 anlässlich des 50. Jahrestages des D-Days. Sie zeigt die spektakulären Aufnahmen, die Stevens machte - nicht nur von der Landung der Alliierten, sondern unter anderem auch von der Ankunft General de Gaulles im befreiten Paris oder bei der Öffnung des Konzentrationslagers Dachau. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2014, 21:39 Uhr

Die Militäroperation in Zahlen

Soldaten

Mehr als 156'000 Soldaten der Alliierten landen am 6. Juni 1944 in der Normandie. 133'000 davon kommen auf Schiffen: 58'000 US-Soldaten landen auf den Stränden mit den Codenamen Utah und Omaha, 54'000 Briten auf den Stränden Gold und Sword und 21'000 Kanadier auf dem Strand Juno. Ausserdem springen 23'000 Soldaten - 13'000 US-Soldaten und 10'000 Briten - mit Fallschirmen über der Region ab.

Erwartet werden sie von rund 50'000 deutsche Soldaten, die sich an der Küste verschanzt haben. In der gesamten Normandie sind 150'000 deutsche Soldaten stationiert. Bis Ende Juli 1944 sind 1,5 Millionen alliierte Soldaten in der Normandie gelandet und kämpfen gegen eine halbe Million deutsche Soldaten.

Schiffe und Flugzeuge

Fast 7000 Schiffe sind an der gigantischen Operation «Neptun» beteiligt, so viele wie noch nie zuvor bei einer Militäroperation: 1200 Kriegsschiffe und 5700 Transportschiffe, darunter rund 4200 Landungsboote. Rund 20'000 Militärfahrzeuge werden an die Strände der Normandie gebracht, so auch mehr als tausend Panzer.Mehr als 11'500 Militärflugzeuge überfliegen von der Nacht auf den 6. Juni an die Normandie - Jagdflugzeuge, Bomber, Transportflugzeuge. Fast 12'000 Tonnen Bomben werden auf die Verteidigungslinien der Deutschen abgeworfen.

Die Toten

Am Abend des D-Day sind mehr als 6500 US-Soldaten tot, verwundet oder gefangen, ebenso wie 3500 Soldaten aus Grossbritannien, Kanada und anderen beteiligten Staaten. Auf deutscher Seite liegt die Zahl der Toten, Verletzten und Gefangenen bei zwischen 4000 und 9000.In den wochenlangen Kämpfen in der Normandie werden 54.000 deutsche, 24'000 US-amerikanische und 20'000 britische oder kanadische Soldaten getötet. Auch 20'000 Zivilisten sterben.

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