Ein genialer Geist in einem kranken Körper

Der Physiker Stephen Hawking wird heute 70. Obwohl der direkte Nachweis aussteht, glauben Fachleute inzwischen an die Existenz der Hawking-Strahlung.

Der berühmteste lebende Physiker: Stephen Hawking in seinem Büro an der Universität von Cambridge.

Der berühmteste lebende Physiker: Stephen Hawking in seinem Büro an der Universität von Cambridge.

(Bild: AFP)

Er ist der berühmteste Physiker seit Albert Einstein: Stephen Hawking gilt vielen als das grösste Genie unserer Tage. Sein Sachbuch «Eine kurze Geschichte der Zeit» ist das erfolgreichste populärwissenschaftliche Werk überhaupt. Am 8. Januar feiert der Professor aus Cambridge seinen 70. Geburtstag – und hat damit die Prognosen seiner Ärzte um Jahrzehnte überlebt.

Der Kuppelsaal in Amsterdam, eine ehemalige Kirche, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. An der Stelle, an der einmal der Altar gestanden hat, sitzt Hawking – durch eine unheilbare Krankheit an den Rollstuhl gefesselt. Seinen Vortrag hält Hawking per Sprachcomputer, mit einer synthetischen Stimme. Und die erzählt von unvorstellbaren kosmischen Katastrophen, vom Urknall und von schwarzen Löchern, jenen galaktischen Monstern, die mit ihrer gewaltigen Schwerkraft alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt. Das Publikum lauscht andächtig, als würde ein Hohepriester unumstössliche Wahrheiten verkünden.

Der typisch britische Humor

Dann erscheint auf Hawkings Gesicht ein Grinsen, verschmitzt und breit. Er erinnere sich an ein Seminar in Paris, in dem er über schwarze Löcher referiert habe, schnarrt sein Computerorgan. Doch das Seminar wurde zum Misserfolg: Damals bezweifelte man in Paris, dass es schwarze Löcher überhaupt gibt. «Vielleicht», spekuliert Hawking, und sein Grinsen wird immer breiter, «lag es ja am Namen. Der nämlich hatte für die Franzosen etwas Obszönes an sich, und sie wollten ihn offenbar nicht in den Mund nehmen!» Das Publikum lacht laut auf – und merkt: Hier thront kein entrücktes Genie in seinem Elfenbeinturm, sondern ein Wissenschaftler, der sich mit britischem Humor bemüht, dass seine Botschaften verstanden werden.

Geboren wurde Hawking am 8. Januar 1942 in Oxford. Seine Forscherkarriere beginnt mit einem Schicksalsschlag. 1962 – gerade hat er seine Doktorarbeit begonnen – zeigen sich erste Anzeichen einer fatalen Rückenmarkserkrankung, der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Bald fesselt ihn die Krankheit an den Rollstuhl. Er verliert seine Stimme und muss eine Maschine für sich sprechen lassen. Zunächst kann er den Sprachcomputer noch mit zwei Fingern seiner linken Hand bedienen. Später werden auch die Finger zu schwach. Seitdem steuert Hawking den Rechner mit einem Infrarotsensor an seiner Brille.Trotz seiner Behinderung meistert der Physiker sein Leben – sowohl privat, wovon zwei Ehen und drei Kinder zeugen, als auch beruflich. Als Student sei er begabt gewesen, aber faul, sagt Hawking über sich selbst. Erst nach Ausbruch der Krankheit habe er sich voll auf seine Forschung konzentriert. 1979 wird er Professor in Cambridge – auf ebenjenem Lehrstuhl, den einst der legendäre Physiker Isaac Newton vor über 300 Jahren bekleidete.

Das Strahlen der schwarzen Löcher

In Cambridge entwickelt Hawking seine beiden wichtigsten Beiträge zur Physik: Ausgehend von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie beweist er, dass der Urknall vor rund 14 Milliarden Jahren mit einer sogenannten Singularität begonnen haben muss – als unvorstellbar winziger Punkt, der sich mit den heutigen Formeln und Gesetzen nicht fassen lässt. Hawkings Lieblingsthema aber sind die alles verschlingenden schwarzen Löcher. Seine wichtigste Erkenntnis: Schwarze Löcher existieren nicht ewig. Stattdessen verdampfen sie langsam, weil sie eine Strahlung abgeben – die Hawking-Strahlung.

Nachgewiesen aber wurde sie noch nicht – weshalb Hawking bislang auch noch keinen Physik-Nobelpreis erhielt. «Man könnte die von schwarzen Löchern ausgehende Strahlung durchaus messen», sagt Hawking. «Unglücklicherweise scheint es in unserer Gegend einfach keines zu geben.» Trotz des fehlenden Beweises sind die meisten Experten von der Existenz der Hawking-Strahlung überzeugt. «Ein Ergebnis, das noch in Hunderten Jahren Bestand haben wird», glaubt Bruce Allen, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und ehemaliger Student von Hawking. «Von solchen Ergebnissen gibt es nicht viele.»

Kein zweiter Einstein

Doch ist Hawking wirklich – wie von vielen vermutet – ein zweiter Albert Einstein? Nein, meinen nicht wenige Forscherkollegen. «Die Beiträge von Hawking sind sicher nicht so bedeutend wie die von Einstein», sagt der Hamburger Physikprofessor Klaus Fredenhagen. «Mit der Relativitätstheorie hat Einstein etwas völlig Neues entwickelt. Etwas, das es vorher nicht gab.» Hawking dagegen habe weitgehend im Rahmen der bestehenden Theorien agiert und dort wichtige Erweiterungen geschaffen.

Klar aber ist eines: Hawking gelingt es wie keinem anderen, die Kosmologie einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. 1988 veröffentlicht er sein Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit». Auch wenn der Stoff alles andere als leicht verdaulich ist: Das Werk verkauft sich millionenfach und macht Hawking zur Kultfigur. Ob sich wirklich jeder Leser Seite für Seite durchgequält hat, ist ungewiss. Viele mögen sich damit begnügt haben, die ersten Seiten zu überfliegen, um dann das Werk in der heimischen Bücherwand zu positionieren – als intellektuelles Statussymbol.

Das schwebende Genie

Offenbar bemerkt auch Hawking die Sperrigkeit seines Bestsellers. In späteren Büchern versucht er sich an einem lockereren Ton und setzt auf aufwendige Bilder und Illustrationen. Mit seiner Tochter Lucy schreibt er sogar eine Reihe von Kinderbüchern. Die Erforschung von schwarzen Löchern – hier wird sie zu einem spannenden Krimi. Auch sonst weiss sich der Brite geschickt zu vermarkten. So tritt er in einer Folge der Science-Fiction-Serie «Star Trek» auf, um gegen Albert Einstein und Isaac Newton beim Pokern zu gewinnen. Der US-Zeichentrickserie «Die Simpsons» leiht er die Stimme seines Sprachcomputers. Im Song «Keep Talking» der Kultgruppe Pink Floyd spricht Hawking den einleitenden Satz. Und im April 2007 erfüllt er sich einen Herzenswunsch: Er fliegt bei einem Parabelflug der Nasa mit und erlebt dabei mehrmals den Zustand absoluter Schwerelosigkeit. Die Bilder vom schwebenden Genie gehen um die Welt. «Weltraum – ich komme», frohlockt Hawking nach dem Flug.

Dass er zu derartigen Exkursionen in der Lage ist, grenzt an ein medizinisches Wunder. «Ich kenne ihn seit 1980», sagt Bruce Allen, «und hätte nie gedacht, dass Stephen so lange leben würde.» Als Wissenschaftler beschreibt ihn sein Kollege als überaus intensiv. Der Grund: Schon in jungen Jahren war Hawking nicht mehr in der Lage, seine Formeln auf Papier oder Tafeln zu kritzeln, so wie es Physiker zu tun pflegen. Stattdessen musste er die hochkomplexen Berechnungen im Kopf ausführen – eine bewundernswerte Konzentrationsleistung. Als Privatmensch hingegen gilt Hawking als umgänglich. «Er ist extrem freundlich und aufgeschlossen – obwohl er so berühmt ist», sagt seine ehemalige Doktorandin Fay Dowker, heute Physikprofessorin am Imperial College London. «Und er liebt es, Scherze zu machen.» Einmal sei sie im Sommer mit neuer Frisur im Institut aufgetaucht, erzählt Dowker – mit kahl rasiertem Schädel. «Hawking hat mich einfach nur angegrinst und gefragt: Fay, warum hast du gegen einen Rasenmäher gekämpft?»

Tages-Anzeiger

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