Zum Geburtstag will der Wikipedia-Chef die ganze Welt umarmen

Jimmy Wales hat mit Wikipedia die Welt verändert. Aber die Frage bleibt: wie gut dieses Wissen wirklich? Der Wikipedia-Chef will mehr Qualität – und neue Märkte erobern.

Immer auf Achse: Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales, 44.

Immer auf Achse: Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales, 44. Bild: Boris Roessler/Keystone

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Jimmy Wales, heute vor zehn Jahren ging Wikipedia online. Herzliche Gratulation! Sind Sie als einer der beiden Väter der Wikipedia stolz auf Ihr «Kind»?

Jimmy Wales: Ja, ich bin stolz. Wikipedia ist innert zehn Jahren zur fünftbeliebtesten Website der Welt geworden. 400 Millionen Leute besuchen die Enzyklopädie jeden Monat. Wir freuen uns sehr, dass unser Projekt so erfolgreich geworden ist.

Am 26.Januar werden Sie in Rüschlikon bei Zürich zusätzlich mit dem Gottlieb-Duttweiler-Preis ausgezeichnet.

Der Preis ist eine grosse Ehre für mich. Allerdings gebührt die Ehre nicht mir allein – sondern allen, die an der Wikipedia mitarbeiten. Ohne die Mitarbeit all der Freiwilligen würde dieses Projekt nicht funktionieren. Das unterscheidet uns von Google, Facebook und anderen grossen Internetseiten. Es freut mich sehr, dass diese Art von gemeinschaftlicher Arbeit ausgezeichnet wird.

Die Wikipedia ist aus der gescheiterten Nupedia entstanden – einer von Experten geschriebenen Onlineenzyklopädie. Warum hat das Modell der Nupedia nicht funktioniert?

Die Nupedia war ein sehr striktes, akademisches und konventionelles Modell. Experten sollten die Einträge verfassen. Anschliessend sollten diese von anderen Experten gegengelesen werden. Dieses System machte es für Interessenten schwierig, am Projekt mitzuarbeiten. Entsprechend interessierten sich bloss wenige Leute dafür. Etwas Gutes hatte Nupedia aber: Wir haben gelernt, was man nicht tun sollte.

Sie gründeten daraufhin die Wikipedia. Wie entstand die Idee einer offenen Enzyklopädie?

Wir wurden von einem Bekannten auf die Wiki-Technik aufmerksam gemacht, mit der jedermann Webseiten bearbeiten kann. Ich wollte das ausprobieren. Wir schalteten die Wikipedia auf, schrieben erste Einträge. Andere Leute halfen mit. Es war schnell klar, dass diese Art Enzyklopädie grosses Potenzial hat.

Sie waren nicht überrascht über die rasche Entwicklung?

Ich war erfreut darüber. Ich hatte schon lange am Modell der Nupedia gezweifelt. Und ich glaubte fest daran, dass sich die Wikipedia gut entwickeln würde.

Welches sind für Sie persönlich die Schlüsselereignisse in der Geschichte der Wikipedia?

Den wohl wichtigsten Entscheid traf ich 2003: Damals beschloss ich, aus der Wikipedia eine nicht profitorientierte Organisation zu machen. Dass dieses Modell funktionieren kann, wurde mir indes erst ein Jahr später klar – nach der ersten Spendensammlung. Mit dem gesammelten Geld wollten wir neue Server kaufen. Innert kürzester Zeit hatten wir 30000 Dollar beisammen – weit mehr, als wir uns erhofft hatten.

Die ersten Jahre waren geprägt von starkem Wachstum – und technischen Problemen.

Tatsächlich hatten wir in der frühen Phase einige Pannen. Die grösste ereignete sich ausgerechnet in der Weihnachtszeit: Zwei unserer drei Server stürzten gleichzeitig ab. Es dauerte lange, bis die Wikipedia wieder erreichbar war. Dieser Zwischenfall hat uns vor Augen geführt: Die Community um die Wikipedia war sehr schnell gewachsen, die Anzahl der Abfragen hatte rasant zugenommen. Unser Team, das die Website betrieb, war hingegen sehr klein geblieben. Es dauerte eine Weile, bis wir uns professionell genug organisiert hatten.

Nun scheint sich das Wachstum zu verlangsamen. In der letzten Zeit nimmt etwa die Anzahl der aktiv Mitwirkenden kaum mehr zu. Sehen Sie dies als Problem?

Ich glaube nicht, dass dies eine Bedrohung für die Wikipedia ist. Aber wir werden diese Entwicklung genau im Auge behalten. Die Anzahl der Leute, die an der Wikipedia mitarbeiten, ist ziemlich stabil. Das reicht. Wir hatten in den ersten Jahren ein immenses Wachstum. Es ist logisch, dass man irgendwann nicht mehr weiterwachsen kann. Aber in den weniger grossen Sprachversionen nimmt die Anzahl der Mitarbeiter derzeit rasant zu.

Das Internet und insbesondere Dienste wie die Wikipedia scheinen die Art und Weise, wie Menschen mit Wissen umgehen, radikal verändert zu haben.

Das beobachte ich auch. Es ist spannend: Heutzutage erwarten die meisten Leute, dass sie einfach und schnell an Informationen zu beliebigen Themen herankommen. Vor wenigen Jahren war dies noch komplett anders. Wenn Sie damals etwas über – sagen wir mal – Armenien wissen wollten, mussten Sie in die Bibliothek gehen. Und weil das umständlich war, liessen Sie es dann doch meistens bleiben.

Man kann auch den ersten Band der Enzyklopädie aus dem Bücherregal holen und «Armenien» nachschlagen. Das macht heute niemand mehr. Wegen der Wikipedia verschwinden viele Enzyklopädien vom Markt.

Ich bin ein grosser Fan von traditionellen Nachschlagewerken. Viele Enzyklopädien sind wirklich gut. Aber die Zeit verändert sich halt. Viele Herausgeber haben es verpasst, ein offeneres Modell zu entwickeln. Sie hätten die Leserinnen und Leser stärker einbeziehen müssen. Doch sie haben es nicht getan – selbst als klar wurde, dass ihr Geschäftsmodell bereits nicht mehr funktioniert. Nun lernen sie es halt auf die harte Tour.

Die Wikipedia war immer wieder das Thema von Kontroversen, vor allem um ihre Qualität. Hat sie sich verbessert?

Wir arbeiten konstant daran In der Vergangenheit haben wir einiges erreicht. Aber es gibt nach wie vor viel zu tun. Die Mitarbeiter ruhen sich nicht auf den Lorbeeren aus. Sie hinterfragen ihre Arbeit sehr kritisch. Das hat eine kleine Untersuchung gezeigt, die wir neulich gemacht haben: Die Autoren schätzen die Qualität ihrer Artikel weitaus kritischer ein, als dies die Leserinnen und Leser tun. Und das ist sehr gesund für die Qualität der Wikipedia.

In der deutschsprachigen Wikipedia-Version müssen anonym gemachte Änderungen zuerst von erfahrenen Nutzern freigeschaltet werden. Warum wurde dieses Konzept in der englischen Version noch nicht eingeführt?

Die deutschsprachige Community hat sich seit je mit grosser Leidenschaft für die Qualität und die Genauigkeit eingesetzt. Die englischsprachige hingegen legt einen grösseren Wert auf Geschwindigkeit. Eine Kontrolle der Änderungen wird als pedantisch empfunden – als zu deutsch. Wir arbeiten aber konzentriert daran, Qualität und Geschwindigkeit besser auszubalancieren.

Gibt es also eine Entwicklung von der ganz offenen zu einer leicht kontrollierten Wikipedia?

Das trifft auf die deutschsprachige Wikipedia zu. Es gibt aber derzeit keine einheitliche Entwicklung in allen Sprachversionen. Wir versuchen einfach mit der Wiki-Software die nötigen Instrumente zur Verfügung zu stellen: In der neuen Version stellen wir Tools zur Verfügung, welche die Wikipedia noch offener machen sollen. Zusätzlich gibt es die Tools, die helfen, einzelne Artikel besser im Auge zu behalten.

Wie demokratisch ist die Wikipedia wirklich?

Wikipedia ist sehr offen. Jedermann kann mitarbeiten und mitdiskutieren – sogar ohne ein Nutzerkonto eröffnen zu müssen. Und jedermann, der vertieft und konstruktiv mitarbeitet, wird einen Platz in der Community finden. Offenheit ist der zentrale Wert bei der Wikipedia.

Dennoch wurden wir beim Besuch der Wikipedia während der Spendenperiode stets von Ihrem Konterfei begrüsst.

Wir haben uns in der letzten Zeit oft gefragt, wie stark ich der Wikipedia ein Gesicht geben soll. Ich habe – ehrlich gesagt – keine definitive Antwort darauf. Wir haben im Vorfeld der Spendensammlung viele Möglichkeiten ausprobiert. Schliesslich haben wir uns für jene mit meinem Foto und dem persönlichen Aufruf entschieden. Und das funktioniert. Trotzdem habe ich ein etwas komisches Gefühl: Bei der Wikipedia geht es nicht um mich. Viel wichtiger ist die Community, die daran mitarbeitet. Trotzdem nehme ich meine symbolische Rolle, die ich als Gründer habe, gerne wahr – und stehe bei Sammelaktionen zur Verfügung oder helfe, besonders knifflige Probleme zu lösen.

Sie haben in der Community grossen Rückhalt. Kritik gab es aber letzten Sommer, als sich ein TV-Sender auf sogenannt pornografische Inhalte einschoss: Damals löschten Sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion anstössige Bilder.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass in diesem Fall rasches Handeln angezeigt war. Und ich bin froh, dass der Vorfall innerhalb der Community eine konstruktive Diskussion über heikle Inhalte, Verantwortung und Zuständigkeiten ausgelöst hat. So wurde etwa diskutiert, wie wir in Zukunft in solchen Fällen vorgehen sollen. Oder: Wie können wir grundsätzlich verhindern, dass solche Probleme entstehen?

In verschiedenen Kulturen gelten unterschiedliche Werte.

Dies ist eine Herausforderung für eine global tätige Website ist. Wir möchten möglichst sachliche, bildende Informationen zur Verfügung stellen. Nun gibt es aber Informationen und Materialien, die im einen Kulturkreis akzeptiert, im anderen hingegen abgelehnt werden. Deshalb müssen wir in der Community das Verständnis schaffen, dass diese heiklen Themen auf eine besonders sachliche, durchdachte und respektvolle Weise behandelt werden. Schliesslich wollen wir Informationen bereitstellen – nicht Leute brüskieren.

Das ist eine Gratwanderung...

Genau. Nehmen wir das Beispiel der Mohammed-Karikaturen: Bloss wer diese Bilder anschaut, kann die Kontroverse darum verstehen. Wie aber sollen solch umstrittene Bilder präsentiert werden? Wir mussten sicherstellen, dass sie in einer wirklich respektvollen Art gezeigt werden.

Wie viel Arbeitszeit investieren Sie in die Wikipedia?

Schwierig zu sagen. Ich bin konstant am Reisen, gebe Interviews und halte Reden. Die Wikipedia ist ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Aber ich arbeite auch für meine eigene Firma sowie für weitere Non-Profit-Organisationen. Ich messe nicht, wofür ich wie viel Zeit aufwende. Ich stehe morgens einfach auf und arbeite dort weiter, wo es mich braucht.

Wie motivieren Sie sich?

Meine Motivation ist: Spass. Zudem verfolge ich eine Mission: Die Welt soll eine freie Enzyklopädie erhalten. Mein Geld verdiene ich, indem ich Reden halte und an Konferenzen mitarbeite.

Damit verdienen Sie genug?

Jaja. Damit verdiene ich genug.

Bei unserem ersten Interview vor sechs Jahren verabredeten wir uns in einer Jugendherberge. Wohnen Sie noch immer in solch einfachen Unterkünften?

(Lacht) Das hängt ganz von der Art der Reise ab. Wenn ich an einer Konferenz teilnehme, logiere ich im Konferenzhotel. Anders, wenn ich auf eigene Faust unterwegs bin: Bei meiner Reise durch Indien, die ich neulich unternommen habe, habe ich bei lokalen Wikipedianern gewohnt. Das war eine sehr gute Erfahrung. Grundsätzlich versuche ich auf meinen Reisen so viel wie möglich von der Welt zu sehen.

Derzeit sind Sie auch in einer Werbung eines Schweizer Uhrenproduzenten zu sehen.

Die betreffende Firma wollte eine Kampagne mit Leuten machen, die ein aussergewöhnliches Projekt verfolgen. Es hat Spass gemacht, daran mitzuarbeiten. Ich hoffe, die Kampagne dient auch der Wikipedia. Ich habe nie gedacht, dass ich dereinst einmal zum «Uhrenmodell» würde.

Wäre die Wikipedia ein Kind, käme sie jetzt ins konfliktreiche Teenageralter. Erwarten Sie Probleme?

Wenn Sie meinen, bereite ich mich wohl besser darauf vor, dass die Wikipedia betrunken nach Hause kommt oder die Schlüssel des Autos ausleihen möchte

Welches sind die wirklichen Herausforderungen der nächsten Jahre?

Das Allerwichtigste ist, dass die Menschen in weniger entwickelten Gegenden von der Wikipedia profitieren können. Dazu müssen die Versionen in den betreffenden Sprachen ausgebaut werden. Wir versuchen deshalb, geeignete Leute für die Mitarbeit zu gewinnen. Der erste Schritt ist nun die Eröffnung eines Büros in Indien. Wenn dies erfolgreich ist, werden wir in anderen Weltgebieten ausbauen. Das ist für mich die zentrale Mission: Wissen soll allen Menschen zugänglich sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.01.2011, 23:04 Uhr

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Zur Person

Wer Jimmy Wales (44) ist, muss man ihn nicht selber fragen. Das kann man in seinem Eintrag in der Wikipedia nachlesen, die er 2001 zusammen mit dem Philosophen Larry Sanger gegründet hat. Wales wurde in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama geboren und begann – laut der Wikipedia – «bereits mit vier Jahren zu lesen, am liebsten in der World Book Encyclopedia». Wales studierte Finanzwissenschaft und arbeitete als Händler an der Chigagoer Börse, wo er «vermögend, aber nicht reich» wurde. 1996 stieg er ins Internet-business ein.

Heute lebt Wales in Florida. Er ist getrennt von seiner zweiten Frau, mit der er eine zehnjährige Tochter hat. 200 bis 250 Tage im Jahr ist Wales weltweit für die Wikipedia unterwegs.

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