«Ich will kein Diktator sein»

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über die Internet-Community, die britische Monarchie und Edward Snowden.

Gefragter Internet-Visionär: Jimmy Wales, im Bild am WEF 2012, reist 300 Tage im Jahr um den Globus und hält Vorträge.

Gefragter Internet-Visionär: Jimmy Wales, im Bild am WEF 2012, reist 300 Tage im Jahr um den Globus und hält Vorträge. Bild: Anja Niedringhaus/Keystone

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Herr Wales, Sie waren ein Aktienhändler ...
Ich war ein Trader.

... und ein Porno-König, der Pornos über das Internet vertrieb ...
Das war ich nie!

Man bekommt es zumindest häufig zu lesen. Was soll man glauben?
Ich war nie ein Pornograf, geschweige denn ein Porno-König. Es ist und bleibt ein Mythos.

Sie sind auch Berater der englischen Regierung. Das «Time»-Magazin nannte Sie eine der «100 einflussreichsten Personen» weltweit. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Ich fürchte, ich habe keinen «Tagesablauf» im herkömmlichen Sinn. Jeder Tag ist anders. Ich kümmere mich um die Wikipedia-Community, online, telefonisch und persönlich. Das ist der normale Tag des Jimmy Wales. Einen solchen Tag erlebe ich aber nur drei- bis viermal monatlich. Den Rest des Monats reise ich und halte Vorträge auf der ganzen Welt.

Die Wikipedia-Community ist wie ein Mini-Staat, dessen Häuptling Sie sind. In einem Interview sagten Sie auch, dass Sie bei Uneinigkeit in der Community «das letzte Wort» haben. Entscheiden Sie über Wahrheit und Unwahrheit?
Meine Rolle in der Wikipedia-Community kann am besten anhand der britischen Monarchie illustriert werden. In diesem Sinne entscheide ich über nichts.

Dennoch sind Sie eine Art König von Wikipedia.
Ich habe nicht die Macht, endgültige Entscheidungen zu treffen. Wenn es zu Uneinigkeit kommt, gelangt die Sache zum Schlichtungsausschuss, und der fällt die Entscheidung. Falls die Community mit dieser unzufrieden ist, kann sie mich kontaktieren, und ich kann den Schlichtungsausschuss neu wählen lassen. Ich würde die Entscheidung nie selbst fällen.

Aber Sie könnten, wenn Sie wollten.
Wahrscheinlich nicht.

Wieso nicht?
Es gibt Regeln und Gesetze, an die auch ich mich halten muss. Die Queen könnte sich theoretisch weigern, ein Gesetz zu unterzeichnen. Aber wenn sie das tun würde, wäre sie innert einer Woche nicht mehr Königin. Ich habe nur repräsentative Gewalt.

Sie bezeichnen sich selbst als libertär, gleichzeitig haben Sie sich gerade mit der Queen verglichen. Ist das kein Widerspruch?
Es ist ja auch nur eine Analogie. Um meine Rolle in der Community zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass ich nicht Heinrich VIII. bin, der Menschen ins Gefängnis schickte und köpfen liess, sondern eher ein Vertreter der heutigen postmodernen europäischen Monarchen, die keine wirkliche Macht mehr besitzen. So wie Queen Elizabeth II. Ein Symbol. Ich will kein Diktator sein. Das entspricht nicht meiner Natur. Aber ich will der Community als Botschafter dienen.

Sie sagten, der Sinn von Wikipedia sei es, allen Menschen auf der Welt freien Zugang zum Wissen zu gewährleisten. Ist das keine neokommunistische Utopie, in der Wohlstand oder Arbeit durch Information ersetzt wird? Sie haben die Informationshoheit genommen und sie jedem beliebigen Menschen gegeben, der Experte sein will.
Aber das hat doch nichts mit Kommunismus zu tun! Kommunismus ist ein totalitäres Konstrukt. Er will die wirtschaftliche Produktion beherrschen und den Menschen vorgeben, was sie wissen sollen und was sie nicht wissen dürfen. Die meisten Menschen glauben, Kommunismus bedeute, alles mit allen teilen zu müssen. Der reale Kommunismus sah aber ganz anders aus als das theoretische Modell, welches von Karl Marx vertreten wurde.

Was vertreten Sie denn?
Arbeit auf freiwilliger Basis, Wohltätigkeit und Gemeinschaftsdenken. Bei Wikipedia gibt es Rahmenbedingungen und institutionelle Strukturen. Wir haben von der Community gewählte Administratoren, den Schlichtungsausschuss und so etwas wie einen König.

Gibt es einzelne Autoren, die mehr Einfluss haben als andere?
Durchaus. Es gibt Autoren, die mehr Macht haben als andere, weil sie respektiert werden. Aber das ist eine menschliche Erscheinung. In jeder sozialen Struktur gibt es Individuen, die respektierter sind als andere.

Sie als König schützen also Ihre Oligarchen.
Ich schütze jeden, der es verdient (lacht).

Was denken Sie über das «Recht auf Vergessenwerden»? Wegen eines Gerichtsurteils des Europäischen Gerichtshofes dürfen Anträge an Google gestellt werden, damit das Unternehmen einen Eintrag löschen lässt. Dadurch sollen Informationen, die einem unangenehm sein können, unterbunden werden. Bis heute wurden rund 50 Prozent der Anfragen positiv beantwortet. Ist dies Zensur?
Der Prozess ist nicht transparent und liegt in den Händen des privaten Unternehmens Google. Somit besteht auch das Recht auf freie Meinungsäusserung. Es gibt keine Widerrufs- oder Anfechtungsmöglichkeit, keine juristische Kontrolle. Wir sind der Ansicht, dass dies eine sehr schlechte Weise ist, Probleme anzugehen. Wir wissen nicht, was genau aus dem Web und der Suchmaschine verschwindet, geschweige denn wie Entscheidungen gefällt werden. Ich bin der Ansicht, dass wir uns damit auseinandersetzen sollten.

Wieso?
Weil es uns alle betreffen kann. Wenn es um das Recht geht, vergessen zu werden, denken die meisten zunächst nicht an Wikipedia-Einträge oder Zeitungsartikel.

Sondern?
Viel eher an private Daten, Kreditkarten-Informationen oder Gesundheitsakten. Ein Nacktfoto, das ein verletzter Ex-Freund online stellte, beispielsweise. Dinge, die für Wikipedia nicht relevant sind. Was wir wollen, ist ein neuer Anlauf. Das verlangen wir vom EU-Parlament, um eine geeignete Lösung zu finden. Ich verweise auf den ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, wonach jedes Gesetz, welches das Recht auf freie Meinungsäusserung einschränken soll, einer sehr strengen und transparenten Prüfung unterliegen soll. Der Staat muss ein verhältnismässiges Interesse daran haben, eine Information zu unterbinden. Google sagt uns aber nicht, nach welchen Kriterien es entscheidet und welche Interessen es hat. Das ist verrückt!

Wieso sollte urheberrechtlich geschütztes Wissen allen umsonst zur Verfügung stehen? Wissen muss doch erst einmal erworben werden.
Wir respektieren das Urheberrecht und ich bin der Meinung, dass eine strikte Umsetzung des Urheberschutzes sehr wichtig ist. In unserer Community wird es als Geschenk an die Öffentlichkeit angesehen, wenn wir etwas publizieren.

Von Geschenken an die Öffentlichkeit kann man nicht leben. Wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?
Ich reise um die Welt, halte Vorträge, ich schreibe und sitze in einigen Aufsichts- und Verwaltungsräten.

Was halten Sie von Edward Snowden und Julian Assange?
Ihre Enthüllungen waren bemerkenswert. Sie brachten eine öffentliche Debatte ins Rollen. Ich hoffe, dass wir aufgrund ihrer Enthüllungen ernsthafte Reformen im Überwachungsbereich erleben werden.

Aber sind die Enthüllungen gut?
Ich würde sagen, dass die Enthüllungen Snowdens und Assanges unter dem Strich gut sind.

Aber ist es nicht auch gefährlich, wenn Staatsgeheimnisse öffentlich werden?
In gewissen Fällen bestimmt. Aber wenn es um Snowden geht, kann man sagen, dass seine Enthüllungen ein hohes Mass an Abstraktion aufwiesen. Er sprach nicht über einzelne Agenten, einzelne Operationen oder einzelne diplomatische Vorgänge, sondern über ein Kollektiv.

Wie können Sie sichergehen, dass Snowden die Wahrheit sagte? Das Gleiche gilt für Wikipedia: Wie wissen Sie, dass die Informationen zutreffend sind?
Im Leben gibt es keine magischen Formeln oder magischen Lösungen, um objektive Information zu gewährleisten.

Es gibt also keine objektiven Informationen. Demnach ist die Verbreitung von Informationen immer auch von Interessen geleitet.
Ja, aber es gibt gute und bessere Methoden, objektiven Informationen ein Stückchen näherzukommen. Und einer dieser Wege ist eben der unsrige: Debatte, Dialog, Diskussion und Analyse. Verschiedene Menschen schauen unterschiedliche Quellen an und denken darüber nach, was wahr und was falsch ist, welcher Quelle vertraut werden darf und welcher nicht. Wir brauchen diese Diskussionsforen und vor allem auch Streitgespräche, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und so neutral wie möglich zu berichten.

Ein Konsens ist nicht immer richtig.
Wir suchen ihn aber, soweit das möglich ist. Bei einem brisanten Thema, wie dem Konflikt zwischen Israel und Palästina, kontaktieren wir betroffene israelische und palästinensische Autoren aus unserer Community, die sich darüber unterhalten. Diese sind sich zwar in gewissen Punkten nicht einig. Bei anderen Paragrafen wiederum kommen sie überein, dass es sich um einen fairen und neutralen Text handelt.

Ist so ein Gespräch auf Augenhöhe immer möglich? Bei der Krim-Krise beispielsweise gab es Berichte, wonach Informationen auf Wikipedia direkt aus Moskau vom russischen Geheimdienst geändert worden sind.
In diesem Fall ist es einfach. Egal, wer was schreibt, es wird von der Community streng geprüft. Wenn Sie ein Agent des russischen Geheimdienstes sind und etwas auf Wikipedia publizieren, gleichzeitig aber keine glaubwürdigen Quellen Dritter aufzeigen, werden Sie schnell enttarnt und vom Server entfernt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.09.2014, 09:30 Uhr

Wikipedias Gründervater

Jimmy Wales wurde 1966 in Huntsville im amerikanischen Bundesstaat Alabama geboren. Er studierte Banking & Finance an der Auburn University in Alabama. Nach seinem Studium und einer verworfenen Doktorarbeit zog er nach Chicago, wo er als Trader für ein Finanz-Unternehmen arbeitete. 1996 gründete er Bomis – einen Vorgänger von Wikipedia, der jedoch erst mit dem Angebot von erotischen Inhalten erfolgreich wurde. Daraus entstand im Jahr 2000 Nupedia, bis es von der 2001 gegründeten Wikipedia im Jahr 2003 abgelöst wurde. Wikipedia bietet 30 Millionen Artikel in über 280 Sprachen und liegt weltweit auf Platz fünf der meistbesuchten Internet-Seiten. Die Online-Enzyklopädie lebt von Spenden und funktioniert nahezu ohne Werbung. Wales lebt in London, hat eine Tochter und ist mit der ehemaligen Sekretärin des britischen Premierministers Tony Blair verheiratet. Seit 2012 berät er die britische Regierung in Internet-Fragen. Mehr als 330 Tage im Jahr reist er von Vortrag zu Vortrag – an Universitäten und in Verwaltungsräten. (dws)

Mann mit Macht: Wales im Jahr 2006 bei der Feier für die vom «Time»-Magazin gewählten 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt in New York. (Bild: Keystone Jason DeCrow)

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