Wo es noch Geld für Musiker gibt

Weil Plattenverkäufe immer weniger einbringen, werden für Künstler die Rechteeinnahmen wichtiger. Ein Zuger Start-up will helfen, dass sie korrekt vergütet werden.

Nur wenige Künstler können in der Schweiz von der Musik gut leben: Lo & Leduc gehören dazu. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Nur wenige Künstler können in der Schweiz von der Musik gut leben: Lo & Leduc gehören dazu. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Holger Alich@Holger_Alich

Sie ist überall: Sie weckt uns morgens, wenn das Radio angeht. Sie begleitet uns auf dem Weg zur Arbeit auf dem Smartphone. Sie quillt im Supermarkt aus Lautsprechern: Musik.

Nie war der Zugang zu Musik so einfach wie heute. Und die Konsumenten machen sich keine Gedanken darüber, wie die Interpreten, Komponisten, Texter, Produzenten und Musiker an ihr Geld kommen. Die Nutzer bezahlen ihr Abo für Streamingdienste und TV- und Radiogebühren oder kaufen vielleicht noch eine CD. Für die Musikbranche fangen die Probleme dann erst an.

Konnten Künstler früher von den Einnahmen aus CD-Verkäufen leben, ist das Geschäft heute ungleich schwieriger. Oliver Rosa, Organisator des Swiss Music Award schätzte einmal, dass in der Schweiz vielleicht noch knapp ein Dutzend Künstler gut von Musik leben können.

Künstlern entgeht Geld

Spotify bezahlt für einen Song, der eine Million Mal gespielt wird, umgerechnet rund 5000 Franken. «Rund 10 Prozent davon gehen an den Künstler», sagt Mattias Hjelmstedt, Geschäftsführer und Mitbegründer des Zuger Start-ups Utopia Music.

Spotify weiss zumindest genau, wann welcher Nutzer welchen Song hört. Doch das ist nicht überall der Fall: «Es gibt mehr Musikhörer denn je, doch die Künstler erhalten eher ­weniger», sagt der Techunternehmer. Denn Songwriter und Interpreten würden nicht alle Tantiemen für Musiknutzung bekommen, die ihnen zustehen. «Musik wird heute an vielen Orten gespielt, wo nichts dafür bezahlt wird», so Hjelmstedt – etwa in Webradios, die von niemandem erfasst würden.

Die Verwertung von Musikrechten ist komplex. Das fängt damit an, dass ein Song rechtlich zwei Teile hat: So hat der Autor eines Songs das Urheberrecht daran. Singt und spielt das Lied jemand anderes, hat der Interpret ein Leistungsschutzrecht. In der Schweiz kümmern sich zwei staatlich beaufsichtigte Verwertungsgesellschaften darum, dass die Musiker an ihr Geld kommen: die Suisa erhebt die Tantiemen, Swissperform treibt die Leistungsschutzrechte für Musiker und Produzenten ein.

Die Radios und TV-Stationen melden dabei der Suisa, welche Songs gespielt wurden. Um ­zu kontrollieren, ob die Meldungen korrekt seien, überwache die Verwertungsgesellschaft die Radiostationen mit einer eigenen Software, erklärt Suisa-Sprecher Giorgio Tebaldi. «Bei TV-Sendungen machen wir noch kein Monitoring», das sei aber geplant.

«In den grossen europäischen Ländern gelingt die Erhebung von Verwertungsrechten recht gut», sagt Lorenz Haas, Geschäftsführer der IFPI Schweiz, der Landesgesellschaft des International Federation of the Phonographic Industry. «Doch die haben Probleme, die Rechte in neuen, digitalen Märkten wie zum Beispiel ausländischen Webradios zu erfassen.» Hier könnten IT-Dienstleister wie Utopia helfen.

Wer erhält wie viel?

Das Start-up, das 44 Menschen beschäftigt, hat nach eigenen Angaben ein System programmiert, das das gesamte Internet nach Musik durchkämmt. Eine Teillösung sei ein Suchsystem, das neue Webradios aufspüren soll. «Unser System braucht drei Sekunden, um einen Song zu erkennen, zeichnet einen Ausschnitt auf und versieht diesen mit einem Datumsstempel als Beleg», erklärt Geschäftsführer Hjelmstedt. Jüngst habe er mit einem Gründungsmitglied einer schwedischen Erfolgsband diskutiert. Die Band würde Lizenzgebühren aus 60 Ländern bekommen. Utopias System fand heraus, dass deren Lieder in 160 Ländern gespielt werden.

In Europa hat Utopia laut Hjelmstedt bereits eine grosse Verwertungsgesellschaft als Kunden gewonnen. Den Namen darf er aber nicht verraten.

Wettbewerber von Utopia ist die spanische Bmat. Laut eigenen Angaben überwachen ihre Systeme rund um die Uhr 5000 Radio- und 1500 Fernsehsender in 134 Ländern sowie 1000 Clubs. Auch Diskotheken müssen Lizenzgebühren für gespielte Musik zahlen. Unter ­anderen erstellt Bmat die Rechte-Meldungen für die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF.

Die deutsche Gema, das Gegenstück zur Schweizer Suisa, nutzt zum Monitoring von Musik in TV-Werbung die Dienste des britischen IT-Unternehmens Soundmouse. «Monitoringfirmen leisten hilfreiche Arbeit, um fehlende Daten zu ergänzen und Fehler zu eliminieren», sagt Gema-Abteilungsleiter Jens Kindermann. Doch das Erkennen eines Musikstücks sei nur ein Teil der Arbeit. «Entscheidend sind die damit verbundenen Metadaten», sprich, die Dokumentation, wer der Komponist ist, in welchem Verlag das Stück erschienen ist und wer sonst noch Rechte hält. Auch diese Daten müssten die Monitoring-Dienstleister übermitteln oder die Möglichkeit, eine Verlinkung zu liefern, damit die Verwertungsgesellschaften korrekt abrechnen können.

2018 verteilte die Schweizer Suisa 132 Millionen Franken, die Hälfte davon ging an Schweizer Rechteinhaber, die andere ans Ausland. «Für die Musikbranche sind die Einnahmen aus Zweitverwertungen in den vergangenen Jahren ohne Zweifel wichtiger geworden», sagt Lorenz Haas vom Phonoverband IFPI. Einnahmen aus Plattenverkäufen, Streaming und Downloads sind aber weiterhin die wichtigste Einnahmequelle: Diese beliefen sich 2018 auf 170 Millionen Franken.

Für die Künstler habe das bessere Monitoring noch einen zweiten Vorteil neben höheren Tantiemeneinnahmen, sagt ­Utopia-Chef Hjelmstedt. «Wenn wir herausfinden, dass die Musik eines Schweizer Künstlers zum Beispiel in einem asiatischen Land gern gehört wird, kann es sich für ihn lohnen, dort ein Konzert zu geben.»

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