«Wir arbeiten trotz Handicap»

Behinderte Menschen mit Beeinträchtigungen haben es nach wie vor schwer, sich in unserer Arbeitswelt zu integrieren. Noch immer gibt es zu wenig geeignete Stellen. Doch manchmal schaffen es Betroffene trotzdem, ihren Platz im Arbeitsmarkt zu finden.

Wiedereinstieg geschafft: Hirnschlagopfer Daniel Brusato vor dem Berner Armasuisse-Gebäude, wo er seit einem Jahr arbeitet.

Wiedereinstieg geschafft: Hirnschlagopfer Daniel Brusato vor dem Berner Armasuisse-Gebäude, wo er seit einem Jahr arbeitet.

(Bild: Stefan Anderegg)

Es war der Abend einer Taufe. Daniel Brusato (47) sass mit anderen Gästen bei einem Brettspiel am Tisch. Dann traf ihn wortwörtlich der Schlag: «Mein Blick konnte in den Gesichtern der anderen nicht mehr ‹greifen›. Es war, als zoomten meine Augen die Bilder vor meinen Augen und konnten sie nicht mehr richtig einstellen – ein seltsames Gefühl.»

Seine Frau war es dann, die ihn aufforderte zu lächeln. Als das nicht mehr ging und die Mundwinkel schlaff herunterhingen, erkannte die in einem Pflegeberuf ausgebildete Frau den Hirnschlag – und rief die Ambulanz. Die schnelle Reaktion rettete ihrem Mann vermutlich das ­Leben.

Von gesund zu beeinträchtigt

Dies war vor vier Jahren. Damals stand Daniel Brusato voll im Berufsleben, trotz einem Herzschrittmacher. Die Herzprobleme waren wohl auch Vorboten seines Hirnschlags, der sein Sprachzentrum traf und den Mittvierziger aus seinem bisherigen Leben riss.

Seither fehlen ihm grosse Teile seines Wortschatzes, und er ermüdet schneller. Seit vier Jahren nun kennt Brusato so manche Praxis von innen: Logopädie, Psychiatrie und Spitäler wurden zu seinem Alltag.

Vor einem Jahr endlich fand er wieder eine Stelle. Seither arbeitet er in einem Vollpensum beim Rüstungsbetrieb Armasuisse in Bern, wo er für Infrastruktur und Logistik zuständig ist.

Wie aber geht der gelernte Carrosseriespengler, der sich stets weitergebildet hat, mit einer plötzlichen Beeinträchtigung um? «Es war zu Beginn enorm hart», gibt er zu. Und auch nach vielen Therapiestunden sei sein Wissen noch immer «eingekapselt wie in einer Blase». Dass er den Sprung zurück in die Arbeitswelt geschafft hat, macht den zweifachen Vater froh: «Hätte ich keine Arbeit, wüsste ich nicht, wie es mir ­ginge.»

«Oft ausgenutzt»

Anders als Daniel Brusato war Sandra Kropf nicht auf einen Schlag beeinträchtigt. Die 28-Jährige leidet an einer seltenen Muskelkrankheit und arbeitet seit gut zwei Jahren in den Büros der Stiftung Schulungs- und Wohnheime Rossfeld in Bern.

Sie absolvierte die normale Schule und liess sich zur Sekretärin ausbilden. «Dennoch wurde ich im Berufsleben oft ausgenutzt. Die Firmen wollten mir weniger Lohn zahlen, weil sie dachten, ich sei langsamer», klagt die junge Frau.

Und dabei hat sie schon internationale Kongresse organisiert. «Ich will, dass wir Behinderten von den Nichtbehinderten endlich auf Augenhöhe angesprochen werden», fordert sie.

Dass Menschen mit Beeinträchtigung geduldig, stark und belastbar sind, demonstriert Sandra Kropf anhand eines Beispiels: «Da, wo andere auf den Zug eilen, müssen wir warten.» Damit ihnen jemand beim Einsteigen in den Zug helfe, müssten Menschen im Rollstuhl zuvor bei der Bahn anrufen. «Jede Bewegung muss geplant werden. Und wenn es uns beim Umsteigen zeitlich nicht reicht, müssen wir alles neu organisieren...»

Beide Seiten mussten lernen

Edith Bieri (58) ist Direktorin der Stiftung Schulungs- und Wohnheime Rossfeld in Bern. Aus Erfahrung weiss sie: «Einzelne Unternehmen in der Privatwirtschaft wagen es und lassen sich auf ein Arbeitsverhältnis mit beeinträchtigten Menschen ein.»

Als Musterbeispiel nennt sie einen ehemaligen Rossfeld-Mitarbeiter. Der gelernte Maurer ­Roland Bigler (46), seit einem Badeunfall Tetraplegiker, arbeitet heute nach einer Umschulung mit einem 60-Prozent-Pensum als Reiseberater bei Globetrotter in Bern. Bigler bereiste selber die Welt und kennt die Probleme von Menschen mit Behinderungen aus eigner Erfahrung.

«In unserer Firma bin ich der erste und einzige Rollstuhlfahrer. Beide Seiten mussten sich erst aneinander gewöhnen», erzählt Bigler. «Meine Mitarbeiter sind aber sehr offen und hilfsbereit – ihnen und Globetrotter bin ich sehr dankbar, dass sie mir diese Chance gegeben haben.»

Natürlich bräuchten Behinderte manchmal länger für eine Arbeit und manchmal auch andere Bedingungen, räumt Rossfeld-Direktorin Bieri ein. Dennoch resultiere oft ein Mehrwert. Auch ein Unternehmen könne mit der Anstellung von Behinderten profitieren. Sie bewirkten eine personelle Vielfalt, in der alle sensibilisiert würden im Umgang mit Verschiedenartigkeit.

«Das Unternehmen kann sein Image durch seine soziale Verantwortung und sein Engagement positiv steuern, kann sich damit von der Konkurrenz abheben und seine Philosophie in der Öffentlichkeit präsentieren.» Wegweisend für alle sei, und dies gelte für Menschen mit und ohne Behinderung, dass sich Unternehmen auf die Fähigkeiten der Menschen konzentrierten. «Weg vom Defizitdenken, hin zum Stärken der Stärken.»

Ursache Berührungsängste

Auch Ulrich Brönnimann (63), pensionierter Spitaldirektor und nun Berater der Stiftung Rossfeld, engagiert sich in der Sache: «Ausbildungs- und Praktikumsmöglichkeiten sind heute aber leider oft kaum zu finden», bedauert er.

Für Brönnimann liegt das Problem vor allem darin, dass Menschen ohne Beeinträchtigung den Umgang mit Behinderten zu wenig kennten. «Viele Arbeitgeber sind unsicher, worauf sie sich einlassen. Manch einer geht davon aus, dass körperlich behinderte Menschen auch langsamer arbeiten und denken.»

Urs Haller (63), im Rossfeld Leiter des Bürozentrums und Betreuer von rund 70 kaufmännisch ausgebildeten Personen, ergänzt: «Der Arbeitsplatz muss den Ausbildungen der Menschen wie auch ihrer Tagesstruktur entsprechen.» Natürlich seien diese Menschen, je nach Beeinträchtigung, auf Hilfe angewiesen. Und natürlich müsse letztlich auch der Qualitätsanspruch ihrer Arbeiten erfüllt werden, damit die Integration in den Arbeitsmarkt gelinge.

Wo es aber vor allem noch hapere, ist Haller überzeugt, das sei die fehlende «Augenhöhe» im Umgang mit Behinderten. So mancher Arbeitgeber sei verunsichert. «Viele vermischen eine körperliche mit einer geistigen Behinderung.

Nur weil jemand vielleicht langsamer spricht, heisst das nicht, dass er auch schlecht hört oder langsam denkt.» Oft gehe es einfach um Respekt. Obwohl das Thema hierzulande nicht mehr neu sei, herrsche eine grosse Unsicherheit im Umgang mit Behinderten. «Berührungsängste sind das Grundproblem!»

Haller fallen die Unterschiede nicht mehr auf. «Ich sehe nicht mehr, ob ein Mensch geht oder rollt», sagt er. «Den Menschen soll man sehen – und nicht das, was ihm fehlt.»

Berner Zeitung

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