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Wenn Zeit für Menschen mit kleinem Budget zur harten Währung wird Das Tauschen von Zeit als Alternative zum Bezahlen mit Geld Von Klaus von Muralt, sda Hintergrund

Ihre Krankenkassenprämien oder Steuern müssen auch Mitglieder von Zeittauschkreisen mit Geld bezahlen.

Den neuen Haarschnitt, den Computerkurs oder die Zügelhilfe aber gelten sie damit ab, dass sie anderen Menschen ihre eigene Zeit zur Verfügung stellen. «Zeittauschkreise sind etwas für Menschen, die wenig Geld und viel Zeit haben», sagt Benedikt Gugolz vom Luzerner Tauschnetz. «Sie ermöglichen Menschen mit wenig Einkommen den Bezug von Dienstleistungen, die sie sich ansonsten nicht leisten könnten.» Funktionieren tut das Ganze so: Ein Mitglied des Tauschkreises - oder auch der Tauschbörse - stellt seine Dienste einem anderen Mitglied zur Verfügung und kann im Gegenzug für die Dauer der geleisteten Zeit selbst eine Dienstleistung einer Person des Tauschkreises in Anspruch nehmen. Gitarrenunterricht für Babysitting Zum Beispiel hütet Frau Moffa zwei Stunden lang das Baby des allein erziehenden Herrn Buser. Frau Moffa hat nun zwei Stunden auf dem Habekonto, die sie bei Frau Meier für das Ausfüllen ihrer Steuererklärung einlöst. Frau Meier wiederum hat so zwei Stunden zugute, für die sie bei einem anderen Mitglied des Tauschkreises beispielsweise Gitarrenunterricht beziehen kann. Je mehr Mitglieder es gibt, desto grösser ist das Angebot an Dienstleistungen und desto mehr Anreiz besteht für neue Mitglieder, dem Tauschkreis beizutreten. Abgerechnet werden die Zeitgutschriften bei vielen Tauschkreisen online über eine Computersoftware, die kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden kann. Als Tauschmittel fungieren virtuelle Komplementärwährungen, deren Wert analog der Zeit bemessen ist, die für eine Dienstleistung aufgewendet wird. Wie es der Name sagt, sind diese Währungseinheiten als Ergänzung zum normalen Geldsystem und nicht als Ersatz dafür gedacht. Denn ohne Geld kommen auch die Mitglieder von Tauschkreisen nicht aus; nur schon die Wohnungsmiete will ja in Franken bezahlt sein. 38 Tauschkreise in der Schweiz «Insgesamt gibt es in der Schweiz derzeit 38 solcher Tauschkreise, sechs in der Westschweiz, einen im Tessin und die restlichen in der Deutschschweiz, unter anderem auch in Thun, Chur, Zürich und Bern», erzählt Andreas Mäder vom Tauschforum Schweiz, das eine koordinierende Funktion zwischen den Schweizer Tauschkreisen einnimmt. Das Tauschforum organisiert einmal im Jahr eine Tagung für die Vorstandsmitglieder der Tauschkreise und führt IT-Schulungen für die Computersoftware durch; letzteres allerdings zu einem realen Geldwert. Die meisten Tauschkreise in der Schweiz hätten zwischen 50 und 100 Mitglieder, ergänzt Mäder. Über den Daumen gepeilt ergebe das etwa 3'000 Menschen, die sich schweizweit in Tauschkreisen engagieren. Der grösste von allen ist derzeit die Zeitbörse Benevol in St. Gallen, die von rund 450 Menschen genutzt wird, wie Geschäftsführer Peter Künzle sagt. Die beliebtesten Angebote seien Massagen und PC- Hilfe. «Bei uns übersteigt das Angebot die Nachfrage bei Weitem», erklärt Künzle. Bedeutender sozialer Aspekt So seien in der Online-Datenbank der Zeitbörse Benevol derzeit rund zehnmal mehr Angebote als Gesuche zu finden, führt Künzle aus. Genug Angebote zu haben sei ein wichtiger Faktor dafür, dass ein Tauschkreis funktioniere. Umgekehrt müsse aber auch bewusst die Nachfrage angekurbelt werden, ansonsten komme der Austausch ins Stocken. Insgesamt seien im letzten Jahr rund 3'000 Stunden geleistet worden. Unabdingbar für das gute Funktionieren eines Tauschkreises sei auch die regionale Verankerung und eine gewisse Professionalität beim Aufbau der Führungsstrukturen, sagt Künzle. Nicht zu unterschätzen sei zudem der soziale Aspekt: «Die Menschen machen bei Tauschkreisen mit, weil sie Gleichgesinnte suchen und sich mit diesen austauschen wollen.» Deshalb sei es wichtig, regelmässige Treffen für die Mitglieder des Tauschkreises zu organisieren, zum Beispiel auch in Form eines musikalischen oder kulturellen Anlasses. «Konsumhaltung etwas entgegensetzen» Dem beipflichten kann Rainer Rieder, Sekretär des auf verschiedene Regionalgruppen verteilten Tauschkreises Talent Schweiz: «Man muss Treffen organisieren, damit die anfängliche Hemmschwelle bei interessierten Kandidaten abgebaut und die Leute gleichzeitig zum Tauschen animiert werden.» Aufgrund seines 18- jährigen Bestehens ist Talent Schweiz einer der ältesten Tauschkreise im Lande. Rieder selbst ist schon seit vielen Jahren mit dabei, mitunter auch aus ideologischen Gründen: «Tauschkreise können der Konsumhaltung, der heutzutage viele Menschen unterliegen, etwas entgegensetzen», sagt er. Dass für einmal nicht mit Geld, sondern mit Zeit getauscht werde, schaffe ein ganz neues Bewusstsein. Die Zeit gewinne, das normale Geld verliere an Bedeutung.

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