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Warum Ökonomen Science-Fiction lieben

An einer Comicmesse in New York haben Starökonomen wie Paul Krugman über eine Zukunft à la «Star Trek» debattiert.

Aufmarsch der Comicfiguren in New York: Ein als Superman verkleideter Besucher der Comic Con nimmt am Ende des zweiten Tages die U-Bahn. (9. Oktober 2015)
Aufmarsch der Comicfiguren in New York: Ein als Superman verkleideter Besucher der Comic Con nimmt am Ende des zweiten Tages die U-Bahn. (9. Oktober 2015)
Andrew Kelly, Reuters
Die Comic Con ist eine riesige Messe, die von Comics über Videospiele bis hin zu Spielfilmen alle Bereiche der Nerdkultur abdeckt: Tausende Besucher wuseln durch die Messestände. (10. Oktober 2015)
Die Comic Con ist eine riesige Messe, die von Comics über Videospiele bis hin zu Spielfilmen alle Bereiche der Nerdkultur abdeckt: Tausende Besucher wuseln durch die Messestände. (10. Oktober 2015)
/Eduardo Munoz, Reuters
Hat Masse und Klasse: Manche Kostüme entfalten ihre Wirkung nur in der Halbtotalen – wie diese Hulkbuster-Rüstung von Iron Man. (9. Oktober 2015)
Hat Masse und Klasse: Manche Kostüme entfalten ihre Wirkung nur in der Halbtotalen – wie diese Hulkbuster-Rüstung von Iron Man. (9. Oktober 2015)
Andrew Kelly, Reuters
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Science-Fiction-Romane und Filme sind ein ernsthaftes Thema für Ökonomen. Jüngstes Beispiel dafür ist das Buch «Trekonomics» von Manu Saadia. Das Buch war Anlass einer öffentlichen Diskussionsrunde am New Yorker Comic-Kongress, der am Sonntag in der US-Grossstadt stattgefunden hat. Teilnehmer waren hochkarätige Ökonomen wie der Nobelpreisträger Paul Krugman und Bradford DeLong, ein einstiger Mitarbeiter des Finanzdepartements und heutiger Starkökonom von der Universität Berkeley. An der Debatte beteiligt waren neben anderen aber auch Buchautor Manu Saadia und Chris Black, der am Drehbuch von «Star Trek» mitgearbeitet hat.

Eine Reise durch die «Star Trek»-Gesellschaft: Der Trailer zum Buch «Trekonomics». Video: Vimeo/Inkshares

Auf besonderes Interesse stossen vor allem die besonderen Umstände im zukünftigen Zeitalter von «Star Trek»: «Was die Geschichte so einzigartig und aufregend macht, ist der radikale Optimismus über die Zukunft der Menschheit», schreibt «Trekonomics»-Autor Saadia. Mit Blick auf die Föderation und die Menschen auf den Planeten rund um ihren Mittelpunkt Erde begründet er das so: «In ‹Star Trek› hat die Menschheit den Überfluss erreicht. Dank wissenschaftlichem Fortschritt und guten Regierungen hat die Föderation die gesellschaftlichen Probleme überwunden, die mit einer ungleichen Verteilung von materiellem Wohlstand verbunden sind.»

Ihre Bürger müssen nicht mehr arbeiten, um sich mit ausreichend Gütern zu versorgen, und können sich höheren Werten widmen. Auch Geld existiert nicht mehr. Schwierigkeiten zeigen sich nur noch in Auseinandersetzungen mit Bewohnern nicht zugehöriger Planeten und Galaxien. Im Gegensatz zu den Menschen in der Föderation haben allerdings die Ferengi ein turbokapitalistisches System. Ein ausgeprägtes Profitstreben liegt praktisch in ihren Genen und dominiert deren Gesellschaft.

Blick in eine sich abzeichnende Zukunft

Dass die Zukunftsvision von «Star Trek» Ökonomen interessiert, hat damit zu tun, dass die jüngste Geschichte und die Entwicklungen in der Computer- und Robotertechnologie auf eine Zukunft in dieser Richtung verweisen. Schon sind nur noch die wenigsten Menschen in der Nahrungsproduktion beschäftigt. Allein das hätte man vor wenigen Hundert Jahren für unmöglich gehalten. Extreme Armut und Hungersnöte dominierten bis vor kurzem die Menschheitsgeschichte überall. Dass Roboter künftig den grössten Teil unserer Arbeiten – von einfachen bis zu hochkomplexen Aufgaben – übernehmen können, davon sind Experten überzeugt.

An der Comic-Con-Debatte dominierte daher die Frage, welche ökonomischen Konflikte in der Föderation von «Star Trek» verbleiben. Paul Krugman wandte ein, dass in dieser Welt sogenannte Replikatoren zwar alle gewünschten materiellen Güter sofort bereitstellen könnten, dies aber nicht für Dienstleistungen wie zum Beispiel diejenigen einer Krankenschwester gelte. Schon heute würden wir bloss noch 30 Prozent unseres Einkommens für Güter ausgeben, den Rest für Dienstleistungen aller Art. In «Star Trek» würden diese Leistungen von sogenannten Servitors erledigt. Diese hätten aber einen ähnlichen Status wie Sklaven. Hier sieht Krugman die dunkle Seite der Überflusstheorie von «Star Trek».

Was schliesslich ebenfalls bleiben würde, sei ein ausgeprägter Statuswettbewerb, meinte Krugman. Bradford DeLong entgegnete darauf, dass dies im Vergleich zu materiellem Wohlstand ein vernachlässigbares Problem wäre. Dennoch waren sich beide Ökonomen einig, dass selbst der Zustand in der Überflusswelt von «Star Trek» nicht mit einem allgemeinen Glückszustand einhergeht: «Die Menschen haben eine erstaunliche Kapazität zum Unglücklichsein. Wenn wir uns Utopien anschauen, liegen die Probleme nicht in Knappheit, sondern bei den Menschen selbst», sagte Krugman. Die Bevölkerung der Föderation in «Star Trek» sei neurotisch verdreht, ein Umstand, den der Luxus dieser ökonomischen Lage zulasse. DeLong ergänzte, wer nicht verhaltensgestört sei, werde eben Offizier der Sternenflotte und begebe sich dort in den Statuswettbewerb.

Science-Fiction begeistert Ökonomen schon länger

Dass sich Ökonomen stark für Science-Fiction-Geschichten interessieren, ist nichts Neues. Das liegt in der Natur des Fachs. Schliesslich bauen sie selbst auch Modelle von Idealwelten auf und vergleichen sie mit den realen Umständen. Krugmans Hang zu solchen Romanen ist schon länger bekannt. Besondere Bewunderung zeigt er für die Bücher von Isaac Asimov, mit ihrer zentralen Rolle von Robotern. Asimov war auch Berater bei der Entstehung des Films «Star Trek». Weitere Science-Fiction-Autoren auf Krugmans Präferenzliste sind Charlie Stross und Iain Banks, dessen Buch «Einsatz der Waffen» unter Ökonomen auch sonst Beachtung fand. Letzteres gilt ganz besonders für die verfilmte Buchtrilogie «Hunger Games». Auch diese eher düstere Zukunftsvision hat zu einer breiten ökonomischen Debatte geführt.

Dass eine Science-Fiction-Geschichte sogar als zentrales Werk einer ideologischen Richtung dienen kann, zeigt schliesslich das Werk von Ayn Rand. Im Buch «Atlas Shrugged» («Atlas wirft die Welt ab») wird «Egoismus als Tugend erklärt und einem strikten Laissez-faire-Kapitalismus uneingeschränkter Märkte gehuldigt. Als ausgesprochener Ayn-Rand-Anhänger gilt etwa Alan Greenspan, der Vorgänger von Ben Bernanke an der Spitze der US-Notenbank. Wie Bernanke in seiner eben erschienenen Biografie schreibt, war auch er schon in seiner Jugend ein Freund von Science-Fiction-Romanen. Um welche es sich handelte, erfahren die Leser allerdings nicht.

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