Bald soll jeder den Stromanbieter frei wählen

Der Bund plant, den Strommarkt zu öffnen. Ob Konsumenten dadurch Geld sparen, ist fraglich.

Ob der Strom teurer oder billiger wird bei der Öffnung des Strommarktes, ist unklar. (Video: SDA)
Andreas Valda@ValdaSui

Wer im Puschlav in der Gemeinde Brusio wohnt, zahlt dort für den Strom eines Vierpersonenhaushalts jährlich rund 440 Franken. Zieht eine dort wohnhafte Familie in eine Berner Gemeinde, die von der BKW beliefert wird, kostet sie die gleiche Menge 1060 Franken – fast zweieinhalbmal mehr als in Brusio.

Eine Wahl hat diese Familie nicht, denn in der Schweiz gilt heute ein Zwangsanschluss an das lokale Elektrizitätswerk (EW). Dies will der Bundesrat ändern. Gestern schickte er einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung, der die freie Wahl des Anbieters vorschreibt. Sollte das Gesetz verabschiedet werden, dürfte jeder Haushalt in der ganzen Schweiz in Brusio Strom bestellen. Ein Berner Haushalt würde rund 600 Franken jährlich sparen, ein Stadtzürcher Haushalt rund 400 Franken.

Billiger Strom ist «kein Ziel»

Günstiger werden, das wäre ein gutes Argument, um Kunden und Stimmbürger für die Vorlage zu gewinnen. Doch erstaunlicherweise bleibt Energieministerin Doris Leuthard in diesem Punkt unverbindlich. «Es ist nicht das Ziel, günstigere Preise zu haben», sagte sie gestern auf Nachfrage. Ziel sei erstens die Ver­sorgungssicherheit, zweitens die Effizienz im Erbringen der Stromleistung und drittens der Umbau in Richtung einer regionalen Stromversorgung.

Sie betonte, die freie Wahl solle auf Schweizer Anbieter beschränkt bleiben. Doch diesen wird es überlassen, wo sie sich mit Strom eindecken. «Sie könnten ihn auch ganz aus dem Ausland beziehen, etwa billigen Kohlestrom», sagt Energieexperte Patrick Dümmler von der Denkfabrik Avenir Suisse. Damit würden die Preise stark sinken.

Doch dieses von Gegnern der freien Wahl skizzierte Szenario werde nicht eintreten. Er macht den Vergleich mit dem Fleischkauf. «Rund ein Drittel der Kunden suchen Billigstangebote, ein Drittel kauft mal günstig, mal teuer ein und ein Drittel sucht immer das Teuerste. So ist es auch mit der Nachfrage im Strommarkt», sagt Dümmler. Leuthard hob gestern hervor, dass mit der freien Wahl zum Beispiel Abos wie «Walliser Bergstrom pur» oder «Reiner Aargauer Strom» möglich wären.

Die Versorgungssicherheit will Leuthard neu mit einer sogenannten Energieversicherung erreichen, also ohne die EU. Das ist ein Novum und wohl ein politisches Signal nach Brüssel. Die Schweiz solle damit unabhängig vom Ausland bleiben. Die Reserveleistung soll von Wasserkraftwerken, Batterien oder Kehrichtverbrennungsanlagen erbracht werden, die dafür entschädigt werden. Die Kosten schätzt Leuthard auf 1 bis 2 Franken pro Jahr und Haushalt. Bis vor zwei Jahren hiess es, ohne ein EU-Stromabkommen mache eine Markt­liberalisierung keinen Sinn.

«Schweizer Anbieter ­können den Strom auch ganz aus dem Ausland beziehen, etwa billigen ­Kohlestrom.»Patrick Dümmler, Avenir Suisse

Mit dem zweiten Ziel, der höheren Effizienz, will sie den heute 640 regionalen Stromverteilern ans Fett. Sie alle verrechnen heute – im Stromtarif in jeder Kilowattstunde eingeschlossen – auch Durchleitungsgebühren. Das ist, wie wenn man für die Nutzung der Handyantenne separat ein Entgelt pro Minute Sprechzeit entrichten müsste. Deshalb zahlt ein vierköpfiger Berner Haushalt rund 500 Franken allein an Durchleitungs­gebühren pro Jahr, ein Zürcher Haushalt rund 400 Franken. Diese Netzgebühren machen in der Summe jährlich 5 Milliarden der Stromkosten aus. «Da gibt es ein erhebliches Einsparpotenzial», sagte Leuthard.

Dass das Konzept aufgehen könnte, bestätigt Dümmler. «Der Wettbewerbsdruck könnte einen Kostendruck bewirken.» Als Folge erwartet er eine Reduktion der 640 Anbieter. Doch eine ­Gefahr sieht er in der Begehrlichkeit durch Politiker. Je mehr die Preise sinken, desto eher werde das Parlament «neue Aufschläge erfinden und so die Preisvorteile zunichtemachen». Heute gibt es Abgaben zur Förderung von erneuerbaren Energien und solche an Gemeinden und Kantone. Das sind versteckte Steuern.

Produktion lokal fördern

Das dritte Ziel, der Umbau in Richtung einer regionalen Versorgung, ist das am wenigsten spektakuläre, aber wohl wichtigste. Wer heute ein E-Velo in Zürich oder Bern auflädt, bezieht Energie oft von weit her. Sie muss zu Spitzenzeiten über ­teure Überlandleitungen geführt werden. Leuthard will davon abkommen. Der Entwurf soll Anbieter belohnen, lokal Strom herzustellen – etwa Solarstrom – und lokal in Batterien oder Gasbehältern zu speichern. Daraus würden Haushalte und E-Velos Strom beziehen, und das Netz würde stabiler.

Offen ist, ob es auch günstiger würde. Die Rede ist von einer verursachergerechten Netztarifierung. Dahinter kann sich alles verstecken. Günstiger, teurer, viel teurer. Auch ist von einer Flexibilitätsregulierung die Rede. Wer flexibler ist im Verbrauch, kommt billiger davon, wer unflexibel ist, zahlt drauf. Doch wie stark? Solche Unwägbarkeiten machen es den Befürwortern der Marktöffnung nicht leicht.

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