Truls D. Berg, ehemaliger Atisholz-Präsident

«Blocher war der weisse Ritter»

Truls D. Berg, ehemaliger Atisholz-PräsidentHätte die letzte Zellstofffabrik gerettet werden können. «Nein», sagt Truls D. Berg, früherer Atisholz-Präsident. Dennoch kritisiert er Borregaard. Und widerspricht Gerüchten, Christoph Blocher habe die Firma ausgehöhlt.

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Herr Berg, waren Sie überrascht, als Sie von der Schliessung von Borregaard erfuhren?

Truls D. Berg: Nein, ich war nicht überrascht.

Warum nicht?

Es war schon seit einigen Jahren kein Funke mehr in der Firma, die Belegschaft identifizierte sich nicht mehr mit dem Betrieb, und es gab ständig Probleme mit dem Umweltschutz. Es waren Manager vor Ort, aber keine Unternehmer mehr. So etwas wirkt sich aus.

Die Gewerkschaften sprechen von Missmanagement.

Sie sind dafür bezahlt, dies zu sagen. Aber sie haben nicht völlig Unrecht, auch ich halte Missmanagement für eine der Ursachen. Von Seiten des Personals ist dies oft zu hören. Die Leute wussten gar nicht mehr, wie ihre Chefs aussahen. Auch gegen aussen hat Borregaard nicht gut kommuniziert. Man kann komplexe Vorgänge nicht über Mail und Computer steuern.

Trotzdem: Wegen mangelnder Kommunikation allein wird ein Werk dieser Grösse kaum geschlossen.

Natürlich nicht. Das Umfeld war grässlich. Die Rohstoff- und die Personalkosten sind einfach fixe Blöcke. Andere machen Zellstoffe nicht umweltfreundlicher, aber sie machen sie günstiger. Zudem ist Viskose ein ganz anderer Markt. Das ist Textilbranche, hier ist das Auf und Ab noch viel unberechenbarer als in der Papierindustrie. Ich habe den Schritt in die Viskoseproduktion damals gescheut.

Dann hätten Sie es besser gemacht?

Ich glaube nicht. Sobald etwas zum Massenprodukt wird, hat der Standort Schweiz schlechte Karten. Auch wir alten Klugscheisser hätten die Schliessung wohl nicht verhindern, sondern nur noch Sterbehilfe leisten können. Wir hätten vielleicht das Ende mit etwas mehr Stil gestaltet. Aber wahrscheinlich bin ich da für heutige Verhältnisse einfach zu sentimental.

Sie haben die Fabrik mit ihren 400 Angestellten im Jahr 2000 an Christoph Blocher verkauft. Bereuen Sie dies im Rückblick?

Im Gegenteil. Blocher war damals der weisse Ritter, der uns vor einer unfreundlichen Übernahme durch Spekulanten rettete. Wir hatten ihn kontaktiert und waren sehr erstaunt, dass er dies tat. Er unterbreitete innert kürzester Zeit ein anständiges Angebot und wollte die Zukunft des Industriestandortes sicherstellen. Leider erwiesen sich die erhofften Synergien zwischen Atisholz und Ems-Chemie als Trugschluss. So schnell, wie er gekauft hatte, verkaufte er auch wieder. Aber das war aus seiner Sicht das einzig Richtige.

Die Firma hatte damals grosse Landreserven und 400 Millionen Franken in der Kriegskasse. Heute heisst es, Blocher habe die Substanz der Firma ausgehöhlt.

Er hat diese Werte beim Kauf bezahlt. Und Borregaard wollte die Immobilien beim Weiterverkauf nicht übernehmen. Ich denke, sie haben zwischen 100 und 120 Millionen Franken bezahlt. Sie können Christoph Blocher sicher keinen Vorwurf machen. Borregaard hat vorher alles genau geprüft, sie wussten, worauf sie sich einliessen. Wenn Mist gebaut wurde, dann sind sie selbst schuld.

Wo stünde das Werk heute, wenn die 400 Millionen damals in seine Erneuerung investiert worden wären?

Das kann niemand sagen. Wir wollten dieses Geld, das aus dem Verkauf von Tela-Hakle stammte, in Atisholz investieren. Wir haben eine Einheitsaktie gemacht, wollten transparente Verhältnisse und den Markt spielen lassen. Vielleicht waren wir zu naiv, es traten schnell Investoren auf den Plan, die vor allem auf diese flüssigen Mittel aus waren. Die Firma war anfällig für unfreundliche Übernahmeversuche.

Wie wäre denn ohne diese Ereignisse investiert worden?

Wir wollten uns ebenfalls auf hoch spezialisierte Zellstoffe fokussieren. Wir hätten genau das getan, was nun auch Borregaard versucht hat – mit Ausnahme der Viskose. Borregaard wäre schon 2000 der richtige Partner gewesen, und ich war froh, als Blocher später an sie verkaufte. Die Norweger waren uns technologisch viele Schritte voraus. Wenn es jemanden gab, mit dem ein Zusammengehen hätte gelingen können, dann sie. Aber schon unter Blocher gab es Lohnkürzungen, worauf die guten Leute die Firma verliessen. Dieser Verlust von Kenntnissen und Erfahrung hat sich über Jahre fortgesetzt.

Als das Mammutprojekt für ein Holzverarbeitungszentrum in Luterbach scheiterte, behauptete Borregaard, es könne nicht gebaut werden, weil sie mehr Platz brauche. Da musste man davon ausgehen, dass die Firma floriert.

Das war meiner Meinung nach nicht sauber. Das Holzverarbeitungszentrum scheiterte nicht am Platzbedarf von Borregaard, sondern an ihrem Unwillen, in dieses Projekt zu investieren.

Hätte das Projekt, das viele Synergien zwischen Holzverarbeitung, Energieholzgewinnung und Zellstoffindustrie versprach, die Fabrik retten können?

Nein. Es wäre von den Prozessen her ein grossartiges Projekt gewesen. Aber für die Zukunft von Borregaard war es nicht matchentscheidend. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.10.2008, 09:50 Uhr

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